Aachen - „Christen und Muslime sollen Vorurteile abbauen“

„Christen und Muslime sollen Vorurteile abbauen“

Von: Georg Dünnwald
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Die Arbeiten an der neuen Moschee an der Stolberger Straße hat er miterlebt und begleitet. Nun kehrt Yakub Kochan in die Türkei zurück. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Yakub Kochan ist gespannt auf seine neue Aufgabe in seiner Geburtsstadt Erzurum in der Türkei. Aber auch traurig darüber, dass er nach fünf Jahren Aachen verlassen wird. In der Nacht zu Montag fliegt er ab Flughafen Köln in Richtung Ankara.

 Der 36-jährige Imam der Yunus-Emre-Gemeinde an der Stolberger Straße hat in den fünf Jahren seiner Tätigkeit als Geistlicher Akzente gesetzt.

Freundschaften geschlossen

„Gerne habe ich mit den christlichen Gemeinden und mit der jüdischen Gemeinde zusammengearbeitet“, unterstreicht er. „Eigentlich trage ich in Deutschland den Titel eines Religionsbeauftragten“, sagt er lächelnd. Aber in seiner Gemeinde ist er halt der Imam. In und um Aachen hat er viele Freundschaften geschlossen, sagt er. Am heutigen Samstag werden ihm seine Gemeindemitglieder ein großes Abschiedsfest an der Yunus-Emre-Moschee bereiten.

Aber ab und zu müsse ein islamischer Geistlicher eben seine Gemeinde wechseln, das bestimme das türkische Gesetz, das seinerzeit, unter Kemal Atatürk, den arabischen Einfluss in der Türkei zurückdrängen sollte und deshalb auch türkisch als Predigtsprache in den Moscheen durchsetzte.

Dabei ist der Vater zweier Töchter – Feshunde-Hatice ist viereinhalb Jahre alt, Nesibe-Ayse anderthalb – mehr als ein Imam. Er ist Hafiz und Müftü. Ein Hafiz kann den gesamten Koran auswendig, und zwar in der Originalsprache, also auf arabisch. Er war zwölf Jahre alt, als er zum Hafiz ernannt wurde.

Ein Müftü, arabisch Mufti, ist ein islamischer Rechtsgelehrter, der Gutachten nach der Scharia, also nach islamischem Recht, abgibt und auch entsprechend entscheiden darf. Um Müftü zu werden, musste Kochan an sein vierjähriges Theologiestudium ein zweijähriges Zusatzstudium anhängen. Schon während seiner Universitäten Ausbildung übte der junge Mann sich in der Praxis und predigte in Moscheen.

Der Vater ist auch Imam

Von seinem Vater konnte der junge Yakub profitieren, ist dieser doch auch Imam und Hafiz. „Ein Imam ist nicht verpflichtet, den gesamten Koran auswendig zu können, aber ich habe es als Voraussetzung gesehen“, erzählt er während des Gesprächs mit den „Nachrichten“.

Der Geistliche bedauert: „Die Anstalt für religiöse Angelegenheit, meine vorgesetzte Behörde, lässt nur einen fünfjährigen Auslandsaufenthalt zu. Dann muss ein Imam oder Müftü wieder zurück.“ Er sei Beamter, deshalb könne er in dieser Angelegenheit nicht selbst entscheiden. Ein weiterer fünfjähriger Aufenthalt in Deutschland sei ihm zwar gestattet, „aber dann muss ich in der Türkei wieder dieselben drei Prüfungen bestehen, die Voraussetzung für meinen ersten Aufenthalt waren“.

Damals hatte er sich für eine Imam-Stelle in einer deutschen Ditib-Gemeinde beworben, „weil ich Auslandserfahrung sammeln wollte“. Weil Yakub Kochan ein türkischer Staatsbeamter ist, haben seine Töchter, die in Aachen auf die Welt kamen, auch keine deutsche Staatsangehörigkeit neben der türkischen.

„Als ich vor fünf Jahren mit meiner Frau Rabia nach Aachen kam, haben wir gleich am zweiten Tag den Dom und das Rathaus besucht“, zeigt er sich beeindruckt von „der großen Geschichte der Stadt“. Auch die Aachener Rosenmontagszüge hat sich der Geistliche angeschaut, die haben ihn genauso fasziniert wie die Kinderzüge an den Karnevalssonntagen.

Die Verhältnisse an der Yunus-Emre-Moschee – vor fünf Jahren musste noch eine ehemalige Tankstelle mit angeschlossener Kfz-Werkstatt als Gebetshaus mit Aufenthaltsräumen dienen – kannte er schon aus Briefen, Aufzeichnungen und Erzählungen. „Ich kann nur den Hut ziehen vor so großen Anstrengungen“, bewundert er die Gemeindemitglieder, die sich entschlossen, für etwa sechs Millionen Euro an der Stolberger Straße eine neue Moschee als offenes islamisches Zentrum hochzuziehen. „Da haben sich viele ins Zeug gelegt, Leute mit ganz wenig Geld und einige, die auch mehr haben.“

Dem Geistlichen ist die Zusammenarbeit mit den christlichen Kirchen, auch die persönliche Zusammenarbeit mit dem evangelischen Pastor Hans-Christian Johnsen (Versöhnungskirche Eilendorf) und seinem katholischen Amtsbruder Markus Frohn (St. Josef und Fronleichnam) ein großes Anliegen. „Wir haben gemeinsame Projekte ausgetüftelt, beispielsweise an der Grundschule Düppelstraße und an den Eilendorfer Grundschulen.“ Nur wenn die Religionen aufeinander zugingen, wenn sie einen offenen Umgang pflegten, könne man sich auch gegenseitig respektieren und akzeptieren. „Ein Zusammenleben ist möglich“, ist des Geistlichen Credo.

Aachen scheint vor allem die jüngeren türkischen Islam-Geistlichen anzuziehen. Als Kochan in die ehemalige Kaiserstadt kam, war er 31 Jahre alt, sein Nachfolger ist ebenso alt. Dessen Name wird noch nicht bekanntgegeben, aber sicher ist, dass der „Neue“ noch vor dem 9. Juli – an dem Tag beginnt der einen Monat dauernde Fastenmonat Ramadan – ankommt.

Der scheidende Müftü versichert: „Ich bete dafür, dass die multikulturelle Zusammenarbeit in Aachen reichhaltige Früchte trägt und fortgeführt wird.“ Er hofft, dass Muslime und Christen sich nicht zu sehr mit sich selbst beschäftigen, sondern in der Lage sind, vorurteilsfrei über den Tellerrand hinauszuschauen. „Christen und Muslime sollen gegenseitige Vorurteile abbauen.“

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