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Campusbahn: Noch viele Fragen vor der Entscheidung

Von: Werner Breuer
Letzte Aktualisierung:
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Probeabstimmung: Zu Beginn und zum Ende des AN-Forums im Kasino des Zeitungsverlags wurden die Besucher gebeten, für oder gegen die Campusbahn die Hand zu heben. Beide Lager hatten etwa die gleiche Größe. Foto: Harald Krömer
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Akteure im Gespräch mit dem Publikum: Moderator Achim Kaiser reichte dafür das Mikrofon weiter an etwa Prof. Dirk Vallée und OB Marcel Philipp (linkes Bild, v. l). Moderatorin Martina Feldhaus sorgte dafür, dass die Besucher zu Wort kamen (rechtes Bild). Foto: Harald Krömer
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Akteure im Gespräch mit dem Publikum: Moderator Achim Kaiser reichte dafür das Mikrofon weiter an etwa Prof. Dirk Vallée und OB Marcel Philipp (linkes Bild, v. l). Moderatorin Martina Feldhaus sorgte dafür, dass die Besucher zu Wort kamen (rechtes Bild). Foto: Harald Krömer

Aachen. Natürlich ist das Abstimmungsergebnis beim AN-Forum zur Campusbahn nicht repräsentativ und ein Wahlvorstand zählt sicher gründlicher als die Moderatoren Martina Feldhaus und Achim Kaiser in aller Eile – aber als Meinungsbild ist es doch aus zwei Gründen aufschlussreich.

Erstens hielt sich das Verhältnis von Befürwortern und Gegnern des umstrittenen Bahnprojekts unter den 120 Besuchern in etwa die Waage – ein Hinweis auf ein knappes Abstimmungsergebnis beim Ratsbürgerentscheid am 10. März? Und zweitens zeigte sich, dass eine solche Fragerunde mit Bürgern und Experten trotz aller bislang öffentlich geführter Debatten immer noch zur Meinungsbildung beitragen kann.

So bekannten zwei Besucher am Ende der zweistündigen Diskussion, dass sie das Kasino des Zeitungsverlags nun mit einer anderen Einstellung wieder verlassen würden. Einer war zum Bahngegner geworden, ein anderer beschrieb seinen Sinneswandel trocken: „Ich bin jetzt unentschieden.“

Dabei waren die Argumente der Protagonisten beider Lager naturgemäß nicht neu. Nach diversen Debatten in politischen Gremien und unzähligen Informations- und Diskussionsveranstaltungen wiederholte Oberbürgermeister Marcel Philipp noch einmal, was aus seiner Sicht für die Campusbahn spricht. Aachen wachse, so der OB, und nicht zuletzt die Entwicklung der Campusgebiete sorge für ein höheres Verkehrsaufkommen. Um das möglichst emissionsarm zu bewältigen, müssten Systeme miteinander vernetzt werden. Eine Stadtbahn mache da am meisten Sinn. „Wir können damit ein modernes Verkehrsmittel wieder einführen und einige Probleme lösen.“

Der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) sei in vielen Bereichen schon jetzt überlastet, betonte Prof. Dirk Vallée vom RWTH-Institut für Stadtbau und Stadtverkehr. Künftig erforderlich sei ein „sauberer, leiser und vom Öl unabhängiger“ Nahverkehr, ausgelegt eben auch auf Spitzenbelastungen. Für den Autoverkehr würden schließlich auch Fahrbahnen und Kreuzungen so ausgebaut, dass sie das Aufkommen in der Rushhour bewältigen könnten. In diese Kerbe schlug später auch Aseag-Vorstand Michael Carmincke: „Wir können unseren Fahrgästen doch nicht sagen: Fahrt zwei Stunden später zur Arbeit, dann ist mehr Platz im Bus.“

Hingegen kann Maximilian Slawinski von der Bürgerinitiative „Campusbahn=Größenwahn“ keine Vorteile bei dem 240-Millionen-Euro-Projekt entdecken. Viele Fahrgäste hätten künftig keine direkten Busverbindungen mehr in die Innenstadt, sondern müssten von Zubringerbussen in die Bahn umsteigen. „Das ist keine Qualitätsverbesserung“, so Slawinski, „und das Gegenteil von Barrierefreiheit.“ Der bequeme Einstieg in die Bahn nutze eben wenig, wenn zuvor an Bushaltestellen Hürden überwunden werden müssten. Außerdem verschärfe die Campusbahn den Konflikt zwischen ÖPNV und Individualverkehr.

Aus diesem Grund sei die Tram auch in den 1970er Jahren aufs Abstellgleis geschoben worden, meint FDP-Ratsherr Peter Blum. „Sie war zu unflexibel und behinderte den Individualverkehr“, so Blum, „daran hat sich bis heute eigentlich nichts geändert.“ Der Liberale mahnte vor dem Ratsbür­gerentscheid zudem an, die Tragweite der Entscheidung nicht zu vergessen: „Es geht um eine Investition in die Zukunft – und zwar der nächsten 50 Jahre. Wenn das Projekt einmal begonnen wurde, gibt es kein Zurück mehr.“

Da gilt es natürlich, zuvor noch viele Fragen zu klären. Das fängt mit ganz praktischen Dingen wie etwa der Kapazität der Batterien an, die die Bahn im oberleitungsfreien Bereich in der Innenstadt antreiben sollen. Dass denen, wie befürchtet, etwa bei Kälte zu früh die Puste ausgehen könnte, glaubt CDU-Fraktionschef Harald Baal nicht: „Die sind so ausgelegt, dass genügend Puffer da ist und die Bahn nicht mittendrin stehen bleibt.“

Verknüpfung mit Busnetz

Besorgt gefragt wurde auch nach einem Ausweich-Szenario für den Fall, dass der Schienenweg einmal blockiert sein sollte. Ein schon weiter verzweigtes Bahnnetz biete da natürlich andere Möglichkeiten als eine frisch installierte Campusbahn mit nur einer Trasse, räumte Aseag-Chef Carmincke ein, aber solche Probleme seien durch Pendelbusse zu lösen.

Ebenso beschäftigten die ökologischen und sozialen Auswirkungen des Projekts das Publikum. Natürlich gebe es die Chance, die Bahn mit regenerativ erzeugten Strom zu betreiben, erklärte Vallée. Auch bei den Lärmemissionen sei sie dem Bus überlegen, dessen Dieselmotor generell und vor allem beim Anfahren mehr Krach mache. Zudem sei die Bahn eine Alternative für alle, die aus verschiedensten Gründen nicht mit einem eigenen Auto fahren könnten.

Sorgen bereitet vielen Aachenern wohl auch die Anbindung der Bahn an das Busnetz. Eine Besucherin fand wenig Gefallen an der Vorstellung, abends an der Endstation in Brand zu stranden. Alle Wegebeziehungen würden geprüft, versprach der Aseag-Chef. Am Ende müsse für die Mehrzahl eine Verbesserung erreicht werden. Allerdings räumte Carmincke ein, dass es einzelne Verschlechterungen geben könnte.

Heftig gestritten wurde noch einmal über die Informationskampagne. Dafür hätten die Mitglieder des Aktionsbündnisses – dazu gehören neben den befürwortenden Ratsfraktionen auch etwa die RWTH, der DGB oder der VCD – „zusammengelegt“, betonte Harald Baal. Doch nach Ansicht von FWG-Ratsherr Hans-Dieter Schaffrath werde „mit Steuergeldern“ Werbung für die Bahn gemacht.

Dass an der Sachentscheidung über die Campusbahn die Aachener Gesellschaft nicht zerbrechen werde, hatte OB Philipp schon Tage zuvor im AN-Interview gesagt. Beim Forum formulierte er es ganz salopp: „Nach der Entscheidung sollten wir immer noch ein Bier zusammen trinken können.“

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