Aachen - Bürgerbefragung weckt die alten Ängste

Bürgerbefragung weckt die alten Ängste

Von: Werner Breuer
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Aachen. Wird das jetzt zur Traditionsveranstaltung? Schon bei der letzten Bürgerbefragung zum Haushalt fürchtete die Theater Initiative Aachen, die Politik wolle auf diesem Wege die Kultureinrichtung zum Abschuss freigeben.

Nun ist erneut Volkes Stimme gefragt, und beim Förderkreis des Theaters schrillen wieder die Alarmglocken.

„Kultur und Bildung werden gegeneinander ausgespielt”, argwöhnt Dr. Ingrid Böttcher, die Vorsitzende der Theater Initiative. Der Verein befürworte grundsätzlich die Bürgerbeteiligung, betont ihr Stellvertreter Dr. Wolfram Hüttemann, sie sei sicher „gut gewollt, aber eben nicht gut gemacht”. So werde bei der in verschiedene Bereiche unterteilten Befragung nur bei Kultur und Sport mit Zahlen operiert, auf allen anderen Feldern bleibe es bei allgemeinen Fragen.

Bei der Kultur allerdings wird es konkret: Hier legt die Verwaltung der Bürgerschaft die Frage vor, ob die Zuschüsse an die Kulturträger, einschließlich der freien, auf den heutigen Stand von etwa 38 Millionen Euro „gedeckelt” werden soll. Das klinge zunächst gar nicht mal bedrohlich, meint die Theater Initiative, dennoch löse eine solche Vorstellung bei den Betroffenen Ängste aus.

Unpopulär, aber nicht vom Rat

Für Hüttemann ist das ein Rechenexempel: Von den besagten 38 Millionen Euro entfielen auf das Theater Aachen etwa 18 Millionen Euro, davon gingen alleine 15 Millionen Euro für Personalkosten drauf. Würden bei einer Tarifrunde zum Beispiel die Gehälter nur um zwei Prozent steigen, müsste das Theater 300.000 Euro zusätzlich stemmen. Einzusparen wäre das Geld wohl nur bei den Mitarbeitern mit Zeitverträgen, wie sie etwa bei Schauspielern, Sängern, Dramaturgen und Regieassistenten üblich seien, meint Hüttemann.

Nach seiner Ansicht würde ein Wegfall von acht Stellen im Theaterbetrieb durchschlagend wirken, „das hält man nur eine Spielzeit durch”. Über kurz oder lang wäre das Haus allenfalls noch technisch spielbereit. Käme dann noch eine zweite Gehaltserhöhung hinzu, dann bliebe der Theaterleitung nichts anderes übrig als eine Sparte zu schließen. Diese unpopuläre Maßnahme „hätte dann aber eben nicht der Rat beschlossen”, sagt Hüttemann.

Für „manipulativ” hält Ingrid Böttcher deshalb die Bürgerbefragung, die ganze Kultur werden „massiv in Frage gestellt”. Zudem spiele sie Kultur und Bildung gegeneinander aus. Für sie gehört beides zusammen, Kultur umfasse alle Bereiche der menschlichen Bildung im Umkreis von Erkenntnis, Wissensvermittlung und ethischen und ästhetischen Bedürfnissen. Traditionell bezahle die Gesellschaft ihr Theater, „damit es frei und kritisch ist”.

Funktioniert habe das noch vor 60 Jahren bei der Wiedereröffnung des Aachener Stadttheaters nach dem Zweiten Weltkrieg. „Das war damals ein Kraftakt”, so Böttcher, den Bürger und Politiker solidarisch gestemmt hätten.

Wenn heute in der Politik von Bildung die Rede sei, gehe es in der Regel um Ausbildung, meint Professor Reinhart Poprawe, der Schatzmeister der Theater Initiative. Das kennt er vom Universitätsbetrieb: „Da geht es um ganz konkrete Dinge”, die etwa ein Ingenieur beherrschen müsse. Bildung bedeute aber auch Orientierung, die Auswahl von Möglichkeiten und Lebensentwürfen. Und für Poprawe bietet das Theater die Chance, „diese Entfaltung zu üben”.

Aachens Kulturpolitiker hätten das wohl erkannt, meint Wolfram Hüttemann. „Sie haben betont, dass die Position der Kultur in der letzten Umfrage gestärkt wurde.” Dennoch würden mit der neuerlichen Bürgerbeteiligung am Haushalt nach Hüttemanns Ansicht Emotionen geschürt und Befürchtung genährt. Wenn der Kulturetat kaum fünf Prozent des Gesamthaushalts ausmache, sollte für Ingrid Böttcher „auch mal transparent gemacht werden, was die Verwaltung macht”. Hier seien im Befragungskatalog nur wenige Ansätze für Einsparungen aufgeführt.

„Wir müssen die Dinge anders angehen”, meint Reinhart Poprawe und fordert einen Masterplan. Das „Budget-Denken” hält er für falsch. Ein Masterplan orientiere sich an einem Gesellschaftsziel, „da muss man erst einmal sagen, was man will”. Dann müsste die „Kulturstadt Aachen” konkrete Vorstellungen formulieren, was sie dabei zum Beispiel vom Theater erwartet. Für Hüttemann ginge es dann etwa um die Frage, wie viele Aufführungen und neue Produktionen das Zwei-Sparten-Haus dann bieten sollte. „Wir müssten erst das Volumen beschreiben”, so Hüttemann, „und dann fragen, was wir dafür brauchen.”

An einem solchen Vorhaben sollten alle beteiligt werden, die im Kulturbereich stätig sind, meint Ingrid Böttcher. Ihr Mitstreiter Poprawe will so etwas „vorsichtig” angehen, „wir können der Politik nichts vorschreiben”.
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