Brutale Jugendgewalt gezielt bekämpfen

Von: Wolfgang Schumacher
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Elisabeth Auchter-Mainz warnt
Elisabeth Auchter-Mainz warnt vor Sparwut im Jugendbereich und wirbt für das neue Programm „Kurve kriegen”. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Krawalle und Jugendgewalt in London wie in anderen Großstädten auf der britischen Insel. Banden ziehen marodierend durch die City, schlagen Polizisten ins Gesicht und lachen in die Kameras.

Die aktuellen TV-Bilder erschüttern und lenken doch ab von Problemen im eigenen Land. So verblasst hinter den britischen Exzessen beinahe die grausame Tat dreier Jugendlicher im Alter zwischen 22 und 28 Jahren in der Gartenstraße, die nachts in einem Mietshaus am Westpark über einen 42-Jährigen herfielen, ihn niederschlugen und dann so lange gegen den Kopf traten, bis sein Leben nicht mehr zu retten war.

Ähnliches spielt sich in jüngster Zeit wiederholt ab. Mal war es eine Gruppe Jugendlicher, die frühmorgens auf dem Nachhauseweg am Boxgraben über einen 24-Jährigen herfielen, auch er stirbt wenig später. Erst kürzlich beweist ein Mann in der Lothringerstraße wie der in München getötete Dominik Brunner spontane Zivilcourage: Der 38-Jährige kommt nur knapp mit dem Leben davon, als er junge Männer davon abhalten will, Spiegel von Autos abzutreten.

Bereits in früheren Jahren waren Tote oder Schwerstverletzte durch Jugendgewalt in Aachen zu beklagen, sei es am Holzgraben, in der Metzgerstraße oder anlässlich der Fußball-WM am Büchel. Polizei, Jugendämter, Staatsanwaltschaft und die Gerichte haben sich bereits seit drei Jahren zusammengeschlossen, um dieser Gewalt mit einem Konzept gegen sogenannte Intensivtäter zu begegnen. Das hat gewirkt, trifft jedoch nicht unbedingt den Personenkreis von Jugendlichen, die sich aus welchen Gründen auch immer zu spontaner Brutalität hinreißen lassen.

Die Leitende Oberstaatsanwältin Elisabeth Auchter-Mainz ist natürlich besorgt über die Entwicklung, insgesamt und auch in der Aachener Region. In einem Gespräch mit den „Nachrichten” verweist sie allerdings auf die bereits erfolgte Gegenwehr der zuständigen Behörden. „Wir gehen gezielt an die jungen Täter heran. Dafür haben wir die Institution ?Staatsanwälte für den Ort geschaffen”, erklärt sie.

In Aachen-Stadt sind das vier Kollegen, die sich mit einem bestimmten Täterkreis befassen, sich mit Jugendämtern, Gerichtshilfe und natürlich mit der Polizei kurzschließen und präventiv, vorbeugend eben, wirken sollen. Oft nutze es bereits, wenn man einen Rädelsführer außer Gefecht setze, bestätigt sie eine alte Polizeierfahrung. „Sie gehen übrigens auch in die Schulen”, beschreibt sie den Tätigkeitsradius der Kollegen, die ebenso in den Kommunen der Städteregion vertreten sind. So erfahre man, „wo sich etwas zusammenbraut”.

Und forderte gleichzeitig eine Sache vom Staat ein, die sie für absolut wichtig hält: „Wir dürfen nicht weiter bei öffentlichen Zuwendungen für Jugendhilfeeinrichtungen aller Art kürzen”. Dabei bricht sie gleichzeitig eine Lanze für das deutsche Jugendstrafrecht, „dem in der Hauptsache der Erziehungsgedanke” zugrunde liege. „Alle Einsparungen im Jugendbereich sind fatal”, bekräftigt sie ihre Einschätzung. Denn oftmals seien es ganz traditionelle Vereinsstrukturen, die die Jugendlichen von der Straße und damit von Kriminalität fernhalten. Das alles heiße umgekehrt keinesfalls, dass, wenn es nichts mehr zu erziehen gibt, nicht die volle Härte des Gesetzes angewandt werde.

Begründete Hoffnungen setzt Auchter-Mainz in die konzertierte Aktion des NRW-Innenministers mit dem bildreichen Titel „Kurve kriegen”. In einer Vereinbarung haben sich Kommunen, Polizei und die Staatsanwaltschaft auf ein Frühprogramm für gefährdete Jugendliche im Alter von acht bis 15 Jahre verpflichtet - viel früher kann man wohl nicht mehr beginnen. „Kleine” Langfinger oder frühe Brutalos bekommen dadurch psychologische und pädagogische Hilfsangebote, wenn sie innerhalb von zwölf Monaten durch eine Gewalttat oder drei Eigentumsdelikt aufgefallen sind. Das Programm soll bald unterzeichnet werden und ab Mitte bis Ende September anlaufen.
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