Aachen - Brennpunkt Ostviertel: Warum Multikulti auch anstrengend ist

Brennpunkt Ostviertel: Warum Multikulti auch anstrengend ist

Von: Werner Breuer
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„Warum haben Sie Angst?“: Ferbat Septürk erklärt Wilma Emmerich beim AN-Forum im Kasino des Zeitungsverlags, dass es nicht zu seiner Kultur gehöre, ältere Damen zu bedrohen. Foto: Harald Krömer
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An einem Tisch: Moderator Achim Kaiser im Gespräch mit Gastronomin Aynur Kazak, Dezernentin Annekathrin Grehling, Polizeipräsident Klaus Oelze und Sozialarbeiter Richard Okon (von rechts).

Aachen. In den Armen gelegen haben sie sich am Ende nicht. Wer anderes erwartet hatte, glaubt vielleicht auch an Multikultisonntagsreden. Aber die Welt ist komplizierter, das war spätestens am Ende der rund zweieinhalbstündigen und teils hitzigen Diskussion im Kasino des Zeitungsverlags wohl allen klar. Vorher vielleicht nicht allen.

Schon der Titel „Brennpunkt Ostviertel“ war provozierend. Wird da in der veröffentlichten Meinung ein ganzes Quartier denunziert? Manche Anwohner und auch Geschäftsleute beklagen das. „Viele sagen, sie hätten Angst, in die Elsassstraße zu kommen“, berichtete Aynur Kazak. Die Betreiberin des Kennedy-Grills sorgt sich um ausbleibende Gäste, die vom schlechten Image des Ostviertels vertrieben werden. „Es ist meine Heimat“, sagt Kazak, „ich habe keine Angst, auf die Straße zu gehen.“

Dafür sieht auch Christian Lücker keinen Grund. „Das Viertel ist nicht so schlimm, wie die Öffentlichkeit meint.“ Der Apotheker berichtete von seinen Mitarbeitern, die auch abends recht entspannt dort durch die Straßen gingen.

„Fahndungsraum 117“ belastet

Aber Wilma Emmerich hat Angst. „Es wird viel gedealt“, sagte die Seniorin, auch sei sie schon beleidigt und gar bedroht worden. Und das Sicherheitsgefühl älterer Menschen liege der Polizei sehr am Herzen, betonte Polizeipräsident Klaus Oelze. Es zu vermitteln ist offenbar nicht leicht im „Fahndungsraum 117“, wie das Quartier rund um den Kennedypark behördenintern heißt. Oelze beschrieb ihn als den „am stärksten belasteten Bereich in Aachen“.

Hier seien seit Oktober insgesamt 1884 Gramm Betäubungsmittel sichergestellt worden, größtenteils Amphetamin, aber auch Heroin und Kokain. Außerdem beschlagnahmte die Polizei diverse Messer, Baseballschläger, Bankkarten, gefälschte Rezepte, 17 gestohlene Handys und 16,5 Kilogramm unversteuerten Tabak.

Seit Oktober. Das heißt nicht, dass für die Ordnungshüter zuvor das Ostviertel ein weißer Fleck auf dem Stadtplan war. „Wir sind seit Jahren dort stark unterwegs“, berichtete der Polizeipräsident, „auch verdeckt.“ Aber seitdem im Oktober ein Polizeibeamter bei der Verfolgung eines mit Haftbefehl gesuchten Mannes erst selbst zum Verfolgten wurde und später seine zur Verstärkung herbeigerufenen Kollegen vor einer größeren Gruppe junger Leute zurückwichen, ist vieles anders geworden im Viertel.

„Polizei flüchtet“

Das damalige Vorgehen rechtfertigte Oelze beim AN-Forum noch einmal als seinerzeit gebotene „Deeskalation“. Doch für die Behörde war es offenbar eine Herausforderung. „Später hieß es: Die Polizei flüchtet“, erklärte Oelze. „Wir mussten ins Ostviertel rein, und das haben wir mit Erfolg getan.“

Diesen Erfolg empfinden andere als Schikane. Viele junge Leute berichteten beim AN-Forum von entwürdigenden Prozeduren bei den neuerdings häufigen Razzien. Sie hätten sich ausziehen müssen und seien nackt in aller Öffentlichkeit durchsucht worden. In seiner Shisha-Bar hätten die Beamten teures Mobiliar demoliert, beklagte Sergin Tahmiscioglu. Und immer wieder gerieten die jungen Leute mit „offensichtlichem Migrationshintergrund“ ins Visier, hieß es.

Aufschlussreiche Stichprobe

Marija Jankovic schaffte es, das anschaulich zu machen: Sie bat all jene Gäste des AN-Forums, die in der jüngsten Zeit im Ostviertel von der Polizei kontrolliert worden waren, um ein Handzeichen. Und die vielen, die da aufzeigten, waren größtenteils keine hellhäutigen deutschen Durchschnittsbürger. Sonderlich gemischt sehe diese Gruppe wohl nicht aus, befand Marija Jankovic.

Für den Polizeipräsidenten ist ein solches Bild aufgrund der Bevölkerungsstruktur des Quartiers nachvollziehbar. „Die Wahrscheinlichkeit, bei einer Razzia im Ostviertel auf jemanden zu treffen, der einen Migrationshintergrund hat, ist statistisch gesehen recht hoch“, betonte Oelze.

Das ließ Bettina Stassen jedoch nicht gelten. „Kontrolliert werden ausschließlich Migranten“, meinte sie, eine deutsches Gericht habe dies gerade als „rassistische Polizeipraxis“ verurteilt. Der Aachener Polizeichef schließt das für seine Behörde aus. „Ich gehe nicht davon aus, dass meine Mitarbeiter das machen“, sagte Oelze.

Fatale Folgen

Was Richard Okon nicht weiter wundert. „Sie glauben ihren Beamten, was soll da so ein Jugendlicher sagen?“ Der Leiter der Offenen Tür Josefshaus verwies darauf, dass ihm „Jugendliche glaubhaft von solchen Aktionen berichtet“ hätten. Okon hält sie für nicht gerade zielführend. „Den harten Kern der Jugendlichen können Sie damit nicht einschüchtern“, schrieb er dem Polizeipräsidenten ins Stammbuch, „Sie wecken nur ihren Kampfgeist.“ Und das könnte nach seiner Ansicht fatale Folgen haben. „Wehe, es gibt einen Märtyrer“, warnte Okon, „dann haben wir in Aachen Formen von Jugendgewalt, die wir hier lieber nicht kennenlernen wollen.“

Es sei aber eben Aufgabe der Polizei, für Sicherheit und Ordnung zu sorgen, betonte Oelze. „Jugendarbeit ist nicht unsere Aufgabe.“ Da sieht sich die Stadt selbst durchaus in der Pflicht. „Wir sperren uns da auch nicht“, betonte Ordnungsdezernentin Annekathrin Grehling. Um dieses Stadtviertel mit besonderem Erneuerungsbedarf habe man sich auch in der Vergangenheit besonders bemüht.

Am Geld könne es auch nicht liegen, meint die Beigeordnete, „wir haben da viel reingesteckt“. Aber natürlich müsse immer überlegt werden, ob die finanziellen Mittel auch an die richtigen Stellen fließen. „Wir brauchen da auch Hinweise“, bat Grehling.

„Unsere Kinder“

Die gab es reichlich, nicht nur an die Adresse der Stadt. Auch Hilfsangebote wie das von Abdurrahman Kol. „Wir können diese Jugendlichen, die anders ticken, besser erreichen“, sagte der Gemeindevorsitzende der Yunus-Emre-Moschee, „es sind unsere Kinder.“ Solche Hilfsangebote seien bislang aber nicht auf große Resonanz gestoßen. „Wir wurden nie ernst genommen als Migrantenorganisation“, bedauerte Kol, der mahnte: „Wenn Menschen von der Gesellschaft ignoriert werden, finden sie Lücken.“

Solche Lücken kennt Richard Okon. Die Jugendlichen im Ostviertel wüssten oft nicht, wo sie hingehören. Die Jungs würden gerade in der Pubertät über die Stränge schlagen. „Aber mir ist nicht bekannt, dass junge Leute ohne Anlass ältere Menschen angreifen.“ Das sagte Ferbat Septürk auch Wilma Emmerich direkt ins Gesicht: „Dass jemand eine ältere Dame bedroht, das gibt es in unserer Kultur nicht.“

Vielleicht weist da der Vorschlag von Axel Deubner den Weg: „Wir sollten dort hingehen, dort essen gehen“, meinte er, so werde das Viertel integriert. „Das ist die Aufgabe der Patrioten dieser Stadt.“

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