Aachen - Borussia Brand: der ewige Tabellenletzte

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Borussia Brand: der ewige Tabellenletzte

Von: Günter Kirschbaum
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Pascal Closquin: Einer der Brander Bundesliga-Prügelknaben.
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Pascal Closquin: Einer der Brander Bundesliga-Prügelknaben.

Aachen. Sagen Ihnen die Namen Michael Görsch, Marek Cihak, Pascal Closquin oder Ondrej Kunz noch etwas? Oder Dirk Höllen, Reiner Felder oder Michael Thomas? Wenn Sie kein leidenschaftlicher Statistiker sind, dann müssen Sie sich deshalb keine Sorgen machen. Doch in Tischtennis-Kreisen stehen diese sieben Namen für eine außerordentliche Serie an Erfolglosigkeit.

Diese sieben Spieler kamen bei Borussia Brand in der Saison 1996/97 zum Einsatz, als der Klub aus dem Aachener Süden in der Bundesliga mitspielen durfte. Die erschütternde Bilanz: 0:44 Punkte und 7:132 Spiele. Damit sind die Borussen 57. und Letzter der ewigen Rangliste der deutschen Eliteliga.

„Wir waren nicht konkurrenzfähig“, blickt Michael Thomas zurück. „Da war oft schon nach 45 Minuten Schluss“, erinnert sich Thomas. Heute ist er der Chef der Brander Tischtennis-Abteilung und die Nummer sechs der Verbandsliga-Mannschaft, die in dieser Saison um den Aufstieg kämpft.

Es war die Saison, in der die Karriere des späteren Weltranglisten-Ersten Timo Boll Fahrt aufnahm. Beim TTV Gönnern gab der Hesse als 15-Jähriger sein Bundesliga-Debüt. Jörg Roßkopf, Vladimir Samsonov und Jean-Michel Saive waren die großen Stars der Szene. Die Konkurrenz hatte die Brander schon vor dem ersten Spieltag als sicheren Absteiger auf dem Zettel. Nur dass die Prognosen in dieser Deutlichkeit bestätigt werden sollten, hatte niemand erwartet.

Das ominöse letzte Spiel

Und vielleicht hätte sich vieles anders entwickelt, wäre das letzte Spiel der vorausgegangenen Saison anders ausgegangen. Bis zum Schluss hatten sich Altena und Brand ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Meisterschaft in der Zweiten Liga Nord geliefert. Die Mannschaft des damaligen Managers Harald Palm hatte seinerzeit fast schon Bundesliga-Qualität. Der frühere Asienmeister Sun Jianwei, der aktuelle tschechische Nationaltrainer Tomas Demek und der spätere niederländische Top-Spieler Trinko Keen gehörten dem Team an.

Und dann kam das letzte Saisonspiel in Essen. Ein Punkt hätte Brand zu Titel und Aufstieg gereicht. Die Bundesliga war das Ziel, auf das hingearbeitet worden war. Doch in der Reviermetropole durchlebte die Borussia eine ihrer sportlich schwärzesten Stunden. Mit 7:9 und völlig fertig verließen die Gäste die Halle in Holsterhausen. Mit 19:21 im letztmöglichen Satz wurden die Gäste geschlagen. Der Titel ging nicht in den Aachener Süden, sondern ins Sauerland, wo Altena mit seinem Aushängeschild Wilfried Lieck Meisterschaft und Aufstieg feierte.

„Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn nicht dieses eine Spiel gefehlt hätte“, meint Michael Thomas. Dieses „eine Spiel“ hatte nämlich Auswirkungen, die sich knapp sechs Wochen später als desaströs erwiesen. Nahezu die komplette Mannschaft kehrte Brand den Rücken, Manager Palm stellte ein neues Team zusammen, das in der Zweiten Liga einen neuen Anlauf nehmen sollte. „Und dann kam ein Anruf vom Deutschen Tischtennis-Bund und die Frage, ob wir nicht doch in der Bundesliga spielen wollten“, erinnert sich Michael Thomas. „Altena hatte zurückgezogen.“

Die Antwort der Borussen kam nicht spontan. Auf einer Abteilungsversammlung wurde beschlossen, das Abenteuer zu wagen. „Wir hatten so lange darauf hingearbeitet, also haben wir gesagt: Wir ziehen das durch. Vielleicht war die Verlockung einfach zu groß.“

Personell nachrüsten konnten die Brander nicht. Die Wechselfrist war schon längst abgelaufen. Also musste der Klub in der seinerzeit stärksten nationalen Liga der Welt mit allenfalls ambitionierten Zweitligaspielern antreten. Das Ende der Geschichte ist bekannt. Borussia Brand wurde der schlechteste deutsche Tischtennis-Erstligist aller Zeiten.

Die erste und einzige Erstliga-Spielzeit wurde für Borussia Brand – wie Michael Thomas es nennt – ein „Spießrutenlaufen“. Das wirkte sich dann auch auf die Zweite Mannschaft aus, die eigentlich in die Landesliga aufsteigen wollte. Als bei Ondrej Kunz das Kreuzband riss, standen nur noch drei Spieler für das Vierer-Team zur Verfügung. „Weil es aber einen schlechten Eindruck gemacht hätte, nur vier Spieler auf die Mannschaftsliste zu setzen, hatte man auch Dirk Höller, Reiner Felder und mich auf den Positionen fünf bis sieben gemeldet“, erinnert sich Michael Thomas. „Jeder von uns hatte jeweils drei Einsätze.“

Der Brander Absturz erfolgte nicht in Etappen. Das Team wurde von Beginn an sportlich regelrecht verprügelt. Fanden die ersten Heimspiele in der Halle an der Rombachstraße noch in der großen Halle statt, wurde die Spielstätte bald zu geräumig. Es ging in die kleine Halle, in der heute die Verbandsliga-Spiele stattfinden. Und auch da gab es auf den Besucherplätzen kein Gedränge. Erstliga-Tischtennis fand zunehmend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Zu spät zu kommen durfte man sich auch nicht leisten, wollte man ein paar Ballwechsel sehen. Denn die Matches dauerten insgesamt selten länger als 45 Minuten. Die Pause, die es nach sechs Spielen gab und den Klubs ein paar zusätzliche Mark durch den Verkauf von Speisen und Getränken einbringen sollte, fand in Brand fast nie statt, weil die Veranstaltung da schon beendet war.

Nach der Saison meldete Brand seine erste Mannschaft ab. „Dieser Rückzug hat dem Verein nicht geschadet“, sagt der Abteilungsleiter Thomas. „Das, was Borussia Brand war, begann bei der Zweiten.“

Mit seinen drei Bundesliga-Einsätzen verbindet er aber auch durchaus Positives. „Im ersten Spiel trafen wir auf Düsseldorf“, erinnert sich Thomas. „Im Doppel habe ich gegen Samsonov gespielt. Das war schon ein wahnsinniges Erlebnis.“ Die Begegnungen mit den Besten der Zunft beherrschen seinen sportlichen Rückblick. „Da war nichts Arrogantes dabei“, erzählt die Nummer sieben des ewigen Bundesliga-Schlusslichtes. „Die haben gegen uns auch mit angezogener Handbremse gespielt.“

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