Bombardier: Josef Kreutz kennt kein Privatleben mehr

Von: Heiner Hautermans
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Wichtig ist, dass das Feuer nicht ausgeht: Josef Kreutz glaubt weiter an den Erhalt des Aachener Standorts von Bombardier. Das Wir-Gefühl der großen Betriebsfamilie könne man in Berlin, dem Sitz der Geschäftsführung, bislang nicht erzeugen, sagt der 51-Jährige. Foto: Harald Krömer

Aachen. „Das ist das Schlimmste, was einem Betriebsrat passieren kann!“ Fast sieben Wochen ist es her, dass Josef Kreutz von der Bombardier-Geschäftsführung erfuhr, dass das Aachener Traditionswerk geschlossen werden soll. Am 16. Oktober, erinnert sich der Betriebsratsvorsitzende genau, wurde ihm in einem informellen Gespräch bedeutet, dass die fast 175 Jahre alte Produktionsstätte dichtgemacht werden soll.

Die Gegenseite erwartete von ihm, dass er noch einige Tage die Hiobsbotschaft zurückhalten würde, doch der 51-Jährige beriet sich mit seiner Lebensgefährtin, die in Tränen ausbrach, und seiner Stellvertreterin Christa Schröder und entschied, die Kollegen und die Öffentlichkeit rasch zu informieren. „Seitdem ist nichts mehr normal. Ein Privatleben gibt es nicht mehr.“ Seither ist Josef Kreutz, vorher nur Insidern bekannt, zu einer festen Größe geworden, zusammen mit dem 1. Bevollmächtigten der IG Metall, Franz-Peter Beckers, einem der Helden von Aachen, die den Kampf gegen den Weltkonzern aus Kanada anführen.

Von 0 auf 100 in einer Sekunde

Wie verkraftet man so eine Ex-tremsituation, von 0 auf 100 in einer Sekunde? Vorbereiten darauf konnte sich der 51-Jährige nicht. Auf einmal steht er an der Spitze der Bewegung, muss Fernseh-Interviews geben, hetzt von Termin zu Termin. „Mein Vorteil ist, ich habe mich mental auf die Situation eingestellt und bin äußerlich cool geblieben.“ Reden schwingen vor Hunderten von Menschen, das ist dem gebürtigen Aachener nicht in die Wiege gelegt worden. „Bei mir ist alles autodidaktisch gegangen. Ich wundere mich manchmal über mich selbst. Ich mache alles aus dem Bauch heraus.“ Seine Kollegen bezeichnen den gelernten Elektroschweißer als Naturtalent.

Betriebsrat ist er seit 18 Jahren, freigestellter 1. Vorsitzender erst seit eineinhalb Jahren. Zuletzt war er Abteilungsmeister in der Schweißaufsicht, ein Job, den er „sehr, sehr gerne gemacht hat“. Aber als ein Kollege ihn fragte, ob er nicht für den Betriebsrat kandidieren wollte, reizte ihn es, auch andere Seiten kennenzulernen, entdeckte er auch Informationsdefizite bei den Betriebsräten: „Man kann seinen Teil beitragen aufzuklären und mitzuwirken.“ So hält er es auch in der Krise, hielt die Talbötter bei der Stange, als er noch Hoffnung auf ein Einlenken der Firmenleitung hatte und schlägt jetzt eine andere Tonart an, weil die Chefetage auf stur schaltet. Sicher hat er manchmal Lampenfieber vor einer Rede, doch die Angst trete in den Hintergrund, weil man für eine gute Sache unterwegs sei.

Kampf noch lange nicht verloren

Denn den Kampf gibt Josef Kreutz noch lange nicht verloren. Zwar habe man das Ziel, die Schließungsabsicht zu kippen, noch nicht erreicht, aber: „Wir haben mehr Aufmerksamkeit losgetreten, als die erwartet haben.“ In der gerechten Sache sieht er sich getragen von seinem Umfeld, von Verwandten, Freunden und Nachbarn: „Was eine Riesenkraft gibt, ist die Riesensolidarität. Ich mache das ja nicht alleine.“ Täglich kommen Beweise der Unterstützung an, Süßigkeiten von Zentis nebenan, belegte Brote für die Mahnwache, ein Baumarkt stiftet ein Holzhaus für die kalten Wintertage, Wendelin Haverkamp organisiert kurz vor Weihnachten eine Sondervorstellung des Puppentheaters „Pech und Schwefel“ und viele andere mehr, die man gar nicht aufzählen kann.

2007, erinnert er sich, befand sich Bombardier in einer ähnlichen Situation. Es gab kurz vor Weihnachten keine Aufträge mehr, die Schließung schien unabwendbar. Da kam wieder Erwarten ein Riesenauftrag aus den Niederlanden, später ein weiterer aus Österreich. „Das war für alle das schönste Weihnachtsgeschenk.“ Und auch jetzt sagten alle Experten einen Riesenbedarf an Schienenfahrzeugen für die nächsten Jahre voraus. Bei Bombardier seien falsche Produktentscheidungen gefällt worden: „Auf Neudeutsch nennt man das Missmanagement. Die Leidtragenden sind die Belegschaften.“ Die Schnittstellen zwischen kaufmännischem, technischem und operativem Bereich funktionierten nicht.

Allerdings befinde man sich in einer Sondersituation, schließlich müssen in Aachen noch die Züge ET 430 Stuttgart für die Bundesbahn fertiggestellt werden. Weil Sonderschichten gestrichen wurden, sind die abgemachten Liefertermine nicht zu halten, die Geschäftsführung werde zunehmend nervös und bekomme Druck von der Deutschen Bahn, die um jeden neuen Zug in Nah- und Fernverkehr verlegen ist. Schließlich drohen bei Verzögerungen Konventionalstrafen in zweistelliger Millionenhöhe. „Wir kämpfen nach wie vor um den Erhalt des Werkes. Das muss ja dann nicht mehr Bombardier heißen.“ Es wäre ja verrückt, wenn das, was in 174 Jahren an Fachwissen aufgebaut worden ist, nicht weitergeführt würde: „Wir haben viele Spezialisten hier. Ich sehe, dass wir ein Wahnsinnsdruckpotenzial haben.“ Allerdings bleibt Josef Kreutz auch hier auf dem Teppich: „Alles im gesetzlichen Rahmen, keine wilden Streiks. Ich bin absolut überzeugt, da passiert noch was.“ Ohnehin müssten die Beratungen des Wirtschaftsausschusses im Gesamtbetriebsrat abgewartet werden und sei das von der Geschäftsführung angepeilte Schließungsdatum Juni 2013 bei der gegenwärtigen Produktionsweise nicht zu halten. Solange könnten auch keine Kündigungen ausgesprochen werden: „Jeder weitere Monat ist ein weiteres Gehalt für die Mitarbeiter.“

Ein Fehler?

Und in dieser Zeit könne man noch nach Alternativen suchen, etwa neue Aufträge reinzuholen: „Dann hätten wir eine völlig neue Situation.“ War die Übernahme durch Bombardier 1995 denn ein Fehler? Bis dahin konnte man schließlich die Aufträge selbst reinholen. Josef Kreutz sieht die Entwicklung differenziert. „Es ist schon wichtig, in einem großen Verbund drin zu sein.“ Aber eines, das könne Bombardier nicht liefern: „Wir sind hier eine große Familie. Wir waren 135 Jahre in Familienbesitz. Das prägt bis heute.“ Man kennt sich untereinander, manche Familien sind seit Generationen dabei: „Egal in welche Halle man rein ruft, ein Savelsberg ist immer dabei.“ Dieses Wir-Gefühl könne man in Berlin, dem Sitz der Geschäftsführung von Bombardier Deutschland, nicht erzeugen. „Die Mannschaft setzt die beruflichen Notwendigkeiten fast immer vor das Privatleben.“ Und: Der Standort ist ein Schmelztiegel: „Wir hatten in der Spitze 47 verschiedene Nationalitäten hier.“ Ohne Probleme.

Ältester Hersteller von Schienenfahrzeugen

Das Solidaritätskomitee, das sich zur Unterstützung der Talbötter gegründet hat, wird einige Aktionen starten. Am Dienstag, 18. Dezember, wird vor dem Werk an der Jülicher Straße zwischen 14 und 18 Uhr ein Soli-Basar veranstaltet. Dabei kann Selbstgebasteltes, etwa Teelichter, an den Mann gebracht werden, auch Glühwein, Tee, Kakao, Waffeln und Kekse werden gereicht. Darüber hinaus werden Buttons produziert.

Auch eine Postkartenaktion soll in Angriff genommen werden. Damit soll der Bevölkerung, vor allem aber dem Mutterkonzern in Kanada deutlich gemacht werden, wie groß die Empörung über die Schließungspläne ist. Deshalb soll der Text auf der Rückseite sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch zu sehen sein. Auf der Vorderseite sollen Bilder und Statements von Beschäftigten gezeigt werden.

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