Aachen - Bildungschancen? Das Netzwerk „Arbeiterkind“ sieht Handlungsbedarf

Bildungschancen? Das Netzwerk „Arbeiterkind“ sieht Handlungsbedarf

Von: Margot Gasper
Letzte Aktualisierung:
5108864.jpg
Sie helfen beim großen Schritt von der Schule an die Hochschule: der wissenschaftliche Assistent Jan van den Hurk, Personalberater Jörg Löschmann sowie die beiden Studentinnen Cansu Dogan und Alexandra Kessler (von links) engagieren sich in Aachen für das ehrenamtliche Netzwerk „Arbeiterkind“. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Jörg Löschmann war zehn Jahre alt, als man ihm die Weichen stellte. „Höchstens Hauptschule“ empfahl seine Klassenlehrerin für die weitere Schulkarriere des Viertklässlers. Keine Frage, Jörg Löschmann hat es weit gebracht mit dieser Empfehlung: Hauptschule, Mittlere Reife, Höhere Handelsschule, kaufmännische Ausbildung – und irgendwann Studium.

Heute ist Jörg Löschmann 42 und selbstständiger Personalberater. Trotzdem sagt der Mann aus Eschweiler: Hätte man ihm in der Schule mehr zugetraut und ihm Mut gemacht, dann wäre manches einfacher gewesen. Um anderen Mut zu machen, engagiert sich Löschmann heute bei „Arbeiterkind“. Die bundesweite Initiative ermutigt junge Leute aus nicht-akademischen Familien zum Studium und unterstützt sie auf dem Weg durch die Hochschule. Auch in Aachen gibt es eine Gruppe.

Wenn die Eltern studiert haben

Wenn Papa oder Mama an der Uni waren, dann sind die Chancen groß, dass auch das Kind studiert. Von 100 Kindern, deren Eltern studiert haben, nehmen 71 ein Studium auf. Von 100 Kindern, deren Eltern nicht studiert haben, machen dagegen nur 24 den Schritt an die Hochschule, obwohl doppelt so viele die Hochschulreife erwerben. Diese Zahlen hat das Deutsche Studentenwerk in seiner 19. Sozialerhebung ermittelt.

„In Deutschland lässt sich die Wahrscheinlichkeit, ob ein Kind studieren wird, am Bildungsstand der Eltern ablesen“, sagt Katja Urbatsch. Sie hat „Arbeiterkind“ im Jahr 2008 als Doktorandin in Gießen gegründet. „Wer aus einer nicht-akademischen Familie stammt und trotzdem studiert hat, weiß, dass die eigentliche Benachteiligung vor allem in einem großen Informationsdefizit besteht“, heißt es bei der Initiative. „Es trauen sich immer noch viele Kinder aus Nicht-Akademiker-Familien nicht an die Uni oder haben schlicht keine Informationen und keine Unterstützung.“

70 Gruppen in Deutschland

Mittlerweile hat „Arbeiterkind“ deutschlandweit 70 Gruppen, die informieren und motivieren wollen. Alexandra Kessler engagiert sich in der Aachener Gruppe des Netzwerks. Die 29-Jährige studiert internationale Beziehungen und Entwicklungspolitik. „Meine Eltern haben mich nicht wirklich bei der Studienwahl unterstützen können“, erinnert sie sich. Sie möchte nun anderen helfen, die Chancen zu ergreifen, die sich bieten. „Ich selbst habe mich zum Beispiel erst mit dem Thema Stipendien befasst, als alle Bewerbungsfristen abgelaufen waren. Wenn mich da mal früher jemand aufmerksam gemacht hätte...“

„Ich konnte keinen fragen“, sagt auch Jan van den Hurk, wenn er an seinen Studienbeginn zurückdenkt. Der 31-Jährige arbeitet heute als wissenschaftlicher Assistent an der Hochschule in Aachen. Und auch er will sein Wissen teilen.

„Arbeiterkind“ in Aachen bietet vor allem Beratung an: online im Internet, bei monatlichen Sprechstunden oder bei Infoveranstaltungen. Bei den Studieninformationstagen der RWTH war „Arbeiterkind“ jüngst mit einem Stand vertreten. Und auf Wunsch halten die Ehrenamtler auch Vorträge in Schulen und informieren Oberstufenschüler über mögliche Wege ins Studium. Im Januar waren sie zum Beispiel am Geschwister-Scholl-Gymnasium zu Gast.

Junge Leute aus nicht-akademischen Familien machen sich häufig Sorgen, ob sie ein Studium überhaupt finanzieren können. „Wir geben zum Beispiel Tipps, wo man sich beraten lassen kann“, sagt der angehende Wirtschaftsingenieur Vitali Krusch (23).

Wer geht aufs Gymnasium?

Die Ehrenamtler von „Arbeiterkind“ haben vor allem mit Oberstufenschülern und Studenten zu tun. „Aber eigentlich setzen wir damit ja spät an“, überlegt Alexandra Kessler. Denn wenn es um Bildungschancen geht, dann werden wichtige Weichen schon in der Grundschule gestellt.

Man muss nur in die „Auswertung der Aufnahmezahlen der Aachener Schulen“ schauen, die die Stadt jährlich zusammenstellt. Diese Statistik verzeichnet für Aachen insgesamt eine hohe Übertrittsquote zu den Gymnasien. Zum Schuljahr 2011/12 wechselten sogar gut 54 Prozent der Grundschüler auf ein Gymnasium.

Bei den einzelnen Schulen aber sind die Unterschiede riesig. Es gibt Grundschulen, da geht die große Mehrheit der Viertklässler zum Gymnasium, an manchen Schulen seit Jahren mehr als 90 Prozent. Und es gibt Schulen, da ist diese Quote ganz klein. Das sind vor allem die Schulen in sozialen Brennpunkten, mit vielen Kindern aus Familien, die es nicht leicht haben. Die Zahlen belegen für Aachen, was Fachleute seit langem kritisieren: Der Schulerfolg in Deutschland hängt immer noch viel zu sehr vom Elternhaus ab.

Aber was brauchen die Grundschulen, um Kinder besser zu unterstützen? „Mehr Ressourcen für die Schulen eröffnen mehr Bildungschancen für Kinder.“ Auf diese Formel bringt Andreas Biener, Schulleiter der Gemeinschaftsgrundschule Driescher Hof, die Sache. Deshalb ist er sehr froh über den Schulsozialarbeiter, der die Schule seit einigen Monaten unterstützt. „Er berät Familien, die Unterstützung brauchen, und hilft bei Anträgen auf zusätzliche Förderung“, erläutert Biener. „Und das hilft den Kindern.“

Die Schulsozialarbeit in Driescher Hof wurde möglich durch Mittel des Bildungs- und Teilhabepakets. Mit diesen Geldern konnte die Stadt, vor allem für ihre Grundschulen, insgesamt 18 Vollzeitstellen zusätzlich einrichten. „Unseren Schulsozialarbeiter möchte ich hier nicht mehr missen“, sagt An­dreas Biener.

Aachens größte Grundschule, die Gemeinschaftsgrundschule Am Höfling, hat keinen Schulsozialarbeiter aus dem Bildungs- und Teilhabepaket abgekriegt. „Aber eigentlich brauchen alle Schulen einen Sozialarbeiter“, sagt Schulleiterin Anita Groß. Am Höfling wird aus Mitteln des Teilhabepakets aber eine intensive Einzelförderung für Kinder von Hilfeempfängern finanziert. „Eine ehemalige Kollegin von uns kommt regelmäßig in die Schule und coacht aktuell vier Kinder ganz intensiv“, berichtet die Rektorin. „Davon erhoffen wir uns viel. Und von solchen Sachen brauchen wir mehr!“

Seit mehr als 30 Jahren ist Anita Groß nun schon Lehrerin. „Die Grundschulen müssen die Begabungen der Kinder erkennen“, fordert sie. „Aber manchmal werden diese Stärken nicht gesehen.“ Diesen Satz würde das „Arbeiterkind“ Jörg Löschmann wohl auch unterschreiben.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert