Besuch in Auschwitz: Schicksal der Opfer ist plötzlich ganz nah

Von: Holger Richter
Letzte Aktualisierung:
6713769.jpg
Sie sind wieder zu Hause, aber die Eindrücke, die die Schüler der Klasse 10d der Heinrich-Heine-Gesamtschule gemeinsam mit ihrem Lehrer Leo Gielkens (vorne, rechts) beim Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz gemacht haben, beschäftigen die 16- und 17-Jährigen noch immer. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Die große Mehrheit der Schülerinnen und Schüler gibt es zu. Auf eine Klassenfahrt nach Auschwitz hatten die meisten von ihnen eigentlich „überhaupt keinen Bock“. Während andere Klassen der Jahrgangsstufe 10 der Heinrich-Heine-Gesamtschule im Oktober nach Spanien oder an die Nordsee gefahren sind, führte ihr Lehrer Leo Gielkens die Klasse 10d ins polnische Oswiciem in der Nähe von Krakau.

Das ist die Stadt, die durch die nationalsozialistischen Konzentrationslager Auschwitz und Auschwitz-Birkenau schreckliche Berühmtheit erlangt hat. Zurückgekehrt sind die jungen Leute mit vielen Eindrücken und einer ganz anderen Sicht auf die Dinge, die sie bis dato nur aus den Geschichtsbüchern kannten.

„Als wir ins Stammlager Auschwitz gefahren sind, da haben wir noch gelacht und Spaß gemacht“, erzählt der 16-jährige Marcel Paetsch­­ke, „aber als wir die Gebäude gesehen haben, waren alle auf einmal still, einige hatten sogar Tränen in den Augen.“

Ein Name aus Eilendorf

Vor Ort betrachteten die Schüler die Berge von Haaren der ehemaligen Häftlinge dort, die Schuhe, die Zahnbürsten, zählt Diana Khalil auf. Dabei wurde der 16-Jährigen bewusst, „wie die Menschen hier damals erniedrigt worden sind“. Und plötzlich war das Schicksal der ermordeten Juden, Polen, Sinti und Roma ganz nah. Denn Diana stammt aus Syrien, Teile ihrer Familie wohnen immer noch in Aleppo. Und dort sei Erniedrigung, Angst und Tod auch an der Tagesordnung.

Ähnlich erging es ihrer Klassenkameradin Zimka Sulejman. Sie stammt aus Mazedonien und gehört zu den Roma. Dass „die eigenen Leute in den Brennöfen verbrannt worden sind“, sei ein mulmiges Gefühl gewesen. Ohnehin findet die 17-Jährige es schade, dass man bei Auschwitz meist nur von ermordeten Juden spreche, dabei seien dort auch etwa 23 000 Sinti und Roma ermordet worden. Doch auch ihre Aachener Heimat war in Auschwitz plötzlich ganz nahe, denn in den Todeslisten hätten sie auch Namen von Menschen aus Eilendorf oder Kohlscheid gefunden.

Lehrer Leo Gielkens hat seine Schüler in verschiedenen Fächern auf die Fahrt vorbereitet und ihnen in Polen ein anspruchsvolles Programm zugemutet, denn nach den Besuchen in den Lagern wurden abends mitunter noch Filme zum Thema gezeigt.

„Viele Klassen, die Auschwitz besuchen, wohnen in Krakau und machen einen Ausflug zur Gedenkstätte“, erzählt der Pädagoge, „bei uns war es umgekehrt: Wir haben in Oswiciem gewohnt und sind an einem Tag mal nach Krakau gefahren.“ Die Gefahr, dass es den Schülern zu viel werden könnte, bestehe immer, so Gielkens: „Aber wir haben auch bewusst Freiräume gesucht und zum Beispiel Fußball gespielt.“

Zurück in der Heinrich-Heine-Gesamtschule haben die Schülerinnen und Schüler ihre Eindrücke unter anderem in einer Zitatsammlung verarbeitet. „Auschwitz war mit Abstand der grausamste Ort, denn ich je besichtigt habe“, schreibt etwa Jan Philip. Und seine Mitschülerin Jessica sagt: „Es waren hier Menschen wie du und ich. Solange wir an die Opfer denken, werden sie am Leben bleiben.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert