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Bei psychisch Kranken stoßen Behörden an Grenzen

Von: Heiner Hautermans
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Die Stadt will das Mietverhältnis für die Wohnung über der OT Talstraße, in der sich der 27-Jährige üblicherweise aufhält, baldmöglichst beenden. Foto: Harald Krömer

Aachen. Weshalb kann ein einzelner junger Mann, der offenbar immer wieder mal ausrastet, ein halbes Viertel in Aufruhr versetzen, eine Jugendeinrichtung vorübergehend dichtmachen und Angst und Schrecken bei Jugendlichen und städtischen Bediensteten verbreiten?

Welche Handhaben gibt es in derartigen Fällen? Wie oft treten diese oder ähnliche Situationen in Aachen auf? Diese Fragen stellt sich sicher mancher, der seit Wochen staunend die Vorgänge um die OT Talstraße verfolgt.

Ein psychisch kranker 27-Jähriger zerschlägt in dem ehemaligen Straßenbahndepot immer wieder Fenster oder die Inneneinrichtung, belästigt und bedroht Besucher und Personal, geht auf seine eigene Familie los oder legt sich auch mal - mitten im Berufsverkehr - auf die Fahrbahn des Europaplatzes.

Seit zwei Jahren beschäftigt der Mann die Polizei. Sprecher Paul Kemen: „Wir haben öfters und auf eindringliche Weise mit ihm zu tun gehabt.”

Verstärkt seien Einsätze gefahren worden, eine Gefährder-Ansprache mit dem Betroffenen wurde gemacht, Strafanzeigen etwa wegen Körperverletzung, Sachbeschädigung oder häuslicher Gewalt gefertigt. Kemen: „Unser Part ist erledigt. Die Register, die wir ziehen konnten, sind gezogen worden. Jetzt sind andere Institutionen gefragt.”

Die Strafanzeigen befinden sich inzwischen bei der Staatsanwaltschaft, die den Mann von einem psychiatrischen Sachverständigen untersuchen lässt, ob er schuldfähig und gemeingefährlich ist.

Sollte er erneute erhebliche Straftaten begehen, dürften rasche Konsequenzen folgen, indem die Gemeingefährlichkeit angenommen wird und eine dauerhafte Unterbringung erfolgt.

Früher als erwartet

Klar ist, dass der Mann zwangseingewiesen worden war und früher entlassen wurde, als erwartet worden war. Deshalb hat die Stadt die OT Talstraße seit Wochen geschlossen und ein Hausverbot gegen ihn verhängt, das von dem Betroffenen aber missachtet werde.

Die bis zu 50 jungen Leute in der OT Talstraße äußerten in der Sitzung des Fachausschusses kürzlich völliges Unverständnis über die ungewollte Evakuierung ihrer Anlaufstelle, schließlich ist die OT für sie eine wichtige Adresse. Doch auch für die Behörden ist der Umgang mit Menschen wie dem 27-Jährigen nicht einfach.

Wieder rückfällig

359 Menschen, die eine Gefahr für sich oder andere darstellten, sind im letzten Jahr in die entsprechenden Fachkrankenhäuser eingewiesen worden, ihre Zahl ist in den letzten Jahren langsam, aber kontinuierlich gestiegen.

Detlev Fröhlke, Leiter des Ordnungsamtes: „Pro Tag ein Fall. Ich finde das recht viel.” Wobei es nicht immer so spektakulär und folgenreich zugeht wie an der Talstraße.

Rechtliche Grundlage für die Behörden ist §167;17 des sogenannten Psych-KG. Fröhlke: „Wir können für 24 Stunden freiheitseinschränkende Maßnahmen vornehmen lassen, durch die Einweisung in eine geschlossene Abteilung. Dafür braucht es ein Attest eines Facharztes, das nicht älter als 24 Stunden sein darf.”

Am Tag danach muss dann ein Amtsrichter entscheiden, ob der Aufenthalt in den entsprechenden Krankenhäusern auf bis zu sechs Wochen verlängert wird oder nicht.

Beteiligt sind nicht selten auch die Ärzte des Gesundheitsamtes. Die Bandbreite reicht von akut suizidgefährdeten oder gegen andere aggressive Personen bis hin zu vermüllten Wohnungen, „wenn sich jemand nicht mehr helfen kann”. Fröhlke: „Für uns sind das immer sehr schwierige Fälle.”

Problematisch kann sein, dass renitente Täter nach der Einlieferung in ein Fachkrankenhaus medikamentös behandelt und ruhiggestellt werden.

Nach relativ kurzer Zeit können sie entlassen werden, setzen aber dann die Medikamente ab und werden wieder rückfällig. In solch hartnäckigen Fällen gibt es dann die Möglichkeit, einen Betreuer zu bestellen, der einer dauerhaften Unterbringung ebenfalls zustimmen kann.
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