Bei Gorbatschow strahlen des Professors Augen

Von: wos
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Prof. Winfried Böttcher hat mit 75 Jahren immer noch einen Faible für signalrote Pullover. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Professor Winfried Böttcher wird ebenso wie Jubilar Willy Hünerbein am Freitag 75 Jahre alt. Das flotte Alter, die nach wie vor unglaublich gute körperliche Verfassung und das gemeinsame Geburtsdatum sind allerdings nicht das Einzige, was beide verbindet.

Der emeritierte, jedoch heute noch im russischen Kaliningrad (ehemals ostpreußisches Königsberg) tätige Hochschullehrer stürzte sich 1969 wie der Bahnarbeiter Hünerbein in die Niederungen der Kommunalpolitik. Damals in den 68er-Jahren, als Sozialdemokraten am Ohr der aufgewühlten Bürger sein wollten, errangen beide einen Sitz für „die Roten” im CDU-dominierten Stadtrat.

Der noch heute gerne im signal-roten Pullover auftretende Wissenschaftler Böttcher war ab 1967 als Assistent des damals weltbekannten Ostexperten Klaus Mehnert am Politiklehrstuhl an der RWTH tätig. 1969, bestätigt der Professor im „Nachrichten”-Gespräch, da lag die Hochschule noch völlig verkrustet in ihren alten Lehrstrukturen. Erst seit 1965 gab es an der Technischen Hochschule eine Philosophische Fakultät, argwöhnisch beäugt hielten die „unkorrekten” Geisteswisschenschaften Einzug und lehten neben den „ordentlichen” Maschinenbauern und Hüttenkundlern.

Ostexperte und Journalist Mehnert, auf den in den 1970er Jahren der linke Staatstheoretiker Prof. Kurt Lenk folgte, war mit dem wegen seiner NS-Nähe umstrittenen Soziologen Arnold Gehlen damals das Aushängeschild der Aachener Gesellschaftswissenschaften.

Der aufstrebende Jungwissenschaftler Böttcher kümmerte sich in diesem Spannungsfeld nach einem zweijährigen Ausflug an die Londoner School of Economics besonders um Friedens- und Entwickelungspolitik, arbeitete eng mit dem Pädagogiklehrstuhl unter Johannes Zielinski zusammen. Egon Bahrs „Wandel durch Annäherung” habe ihn geprägt, Bahr war Kanzler Brandts DDR-Unterhändler, bereitete der Ostöffnung den Boden.

„Ab 1985 mit dem Machtwechsel zu Gorbatschow in der UdSSR bin ich systematisch nach Russland gefahren.” Da habe er begriffen, dass die Mauer nicht mehr alzulange Bestand haben werde. Böttcher baute das Aachener Centrum für Europäische Studien und das Institut für Europapolitik auf, beide befassten sich zentral mit der ost-West-Problematik.

Vom Osten kann er seit Gorbatschows „gigantischer Leistung” nicht mehr lassen und gründete 2005 an der TU Kaliningrad das „Europa-Institut Klaus Mehnert”. Nach jetzt sechs Jahren Lehre und Ausbildung laufen die Mittel aus. „Wir brauchen wieder Förderer”, ist der unruhige 75-Jährige auf dem Sprung. Für das Fortbestehen seines lebenswerkes wünschen die „Nachrichten” alles Gute.
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