Aachen - Baumkataster: Ämter haben alle verschiedene Zählweisen

Baumkataster: Ämter haben alle verschiedene Zählweisen

Von: cz
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Wenn Bäume gefällt werden, wie hier im März an der Roermonder Straße, erzürnt es die Bürger. Viele mahnen eine Baumbilanz an. Aber Zahlen und Zuständigkeiten sorgen für Verwirrung. Foto: Harald Krömer

Aachen. Kopfschüttelnd, augenrollend, sich wundernd standen am Ende der Sitzung ein paar Politiker verdattert beisammen. Im Bürgerforum hatten sie vor wenigen Minuten eine Groteske erlebt, ein Stück aus dem bürokratischen Alltag im Lande Absurdistan, gespielt mitten in Aachen. Im Bürgerforum – wie auch in anderen Gremien – mahnen über Fäll-Aktionen erzürnte Bürger regelmäßig eine städtische Baumbilanz an.

Abgesehen von spektakulären Einzelaktionen, wenn etwa am Templergraben jede Menge Bäume fallen, geizt die Verwaltung mit verlässlichem Gesamtüberblick. Weshalb Karl Schultheis, Vorsitzender des Bürgerforums, zwei Experten auftrieb, im Forum vorzutragen: Ilse Stollenwerk, neue Abteilungsleiterin im Stadtbetrieb (Grünflächenamt) und Andreas Schulz, zuständig dort für die Baumpflege.

Das machen die beiden überzeugend. Forsch, sicher, kompetent. Die Zuhörer erfahren: Die Stadt arbeitet an einem „Digitalen Baumkataster“. Seit 2009 ist der Stadtbetrieb mit einer Luftbildauswertung beschäftigt. Ein Flugzeug war über Aachen gekreist und hatte öffentliches Grün von Bäumen über Bänke bis zu Papierkörben fotografiert. Das Material wird auf Karten übertragen. Schritt für Schritt wird der „gesamte öffentliche Baumbesitz erfasst“ (Schulz).

93.000 Bäume (öffentliche, nicht private) hat die Stadt zu versorgen. Der Stadtbetrieb legt „Stammdaten“ über ihre Vitalität an. „Um einen verkehrssicheren Baum zu haben“, wird jeder Baum kontrolliert – in drei Jahren durchläuft die Kontrolle alle Jahreszeiten. So wächst ein „Maßnahmenkatalog“ zur Baumpflege heran. Ziel ist die komplette Dokumentation aller Bäume mit Art, Höhe, Breite, Alter und mit Kontroll-, Pflege- und Pflanzplänen. Alles kann abgefragt werden: etwa Schäden durch Verkehr oder Streusalz. Aufkommen, Verlauf, Ausbreitung und Rückgang durch Viren, Bakterien, Pilze, Insekten.

Das dauert. Hamburg hat für sein digitales Baumkataster sechs Jahre benötigt. Andere Städte kontrollieren regelmäßig ihren Baumbestand durch Luftbilder. Alleine die Erfassung der geographischen (93.000) Objektdaten war für die Stadt „ein Meilenstein”, sagt Baumhüter Andreas Schulz. Er sagt es mit beruflichem Stolz und Ehrgeiz. Politiker und Zuhörer klopfen Beifall.

Doch die Bürokratie liegt schon auf der Lauer. Den Politikern teilt eine Tischvorlage „Baumbilanz Straßenbaumaßnahmen in 2012“ dürre Zahlen mit: 29 Bäume wurden gefällt, 46 neu gepflanzt, ein Plus von 17 Bäumen im vergangenen Jahr. Mit statistischen Spielchen ist einem erfahrenen Politiker wie dem Heiner März von der SPD aber nicht beizukommen. Von zwei Fällungen weiß er, die in der Aufzählung fehlen. Wer die Statistik erfasst habe, will März wissen. Der sich per Flugzeug und Luftbildern zu einem modernen digitalen Baumkataster aufschwingende Stadtbetrieb war es nicht. Wahrscheinlich haben die städtischen „Straßenbauer“ gezählt, das Straßenbauamt. März bohrt: „Wie arbeiten Sie mit den Straßenbauern zusammen?“ Irgendwie wohl gar nicht. Und da sind ja auch noch die Baum-„Naturdenkmäler”. Die, sagt Schulz, sind „nicht in der Pflege des Stadtbetriebs“, das erledigen die Baumschützer im Umweltamt.

Stadtbetrieb, Grünflächenamt, Straßenbauamt, Umweltamt . . . - Politikern wie Zuhörern schwant schwindelerregend etwas über weitverzweigte städtische Baum-Instanzen. Dennoch zeigt sich Hans Falk vom Aachener Baumschutzbündnis von den Neuigkeiten aus dem Stadtbetrieb „positiv überrascht“, habe das Bündnis doch bisher vergeblich ein Baumkataster angemahnt und höre nun erstmals davon. Wie es zu den negativen Auskünften städtischer Stellen bisher habe kommen können? Andreas Schulz ahnt es: „Es ist eine Frage der Zuständigkeit . . . Es wird auch aneinander vorbeigearbeitet . . . Es gibt unterschiedliche Zielsetzungen.“

Vorsitzender Karl Schultheis ist baff: „Es macht Sinn, wenn alle Verwaltungsstellen mit dem gleichen Datenbestand arbeiten.“ Im Herbst soll das Thema wieder auf die Tagesordnung. Bürger Siegfried Klinkhammer legt den Politikern nahe, den Stadtbetrieb personell in die Lage zu versetzen, 93.000 Bäume zu dokumentieren. „Wollen Sie das Baumkataster in einem Jahr oder in zehn?”

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