Aachen - Avi Primor hat die Ruhe weg

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Avi Primor hat die Ruhe weg

Von: Holger Richter
Letzte Aktualisierung:
Zum neunten Krönungsfestmahl
Zum neunten Krönungsfestmahl nahmen 263 Gäste im festlich dekorierten und illuminierten Krönungssaal des Aachener Rathauses Platz. Der Erlös des Essens kommt der Sanierung des historischen Baus zugute.

Aachen. Avi Primor ist offenbar durch nichts aus der Ruhe zu bringen. „Ich habe soeben mit großem Interesse den Titel meiner Rede gehört”, sagte der 76-jährige Festredner des neunten Krönungsfestmahls am Sonntagabend im Aachener Rathaus, „denn er war mir bis jetzt völlig unbekannt.”

Als „hochaktuellen Vortrag” des ehemaligen israelischen Botschafters in Deutschland mit dem Titel „Chancen und Risiken des Umbruchs in der arabischen Welt” hatte Georg Helg, der zweite Vorsitzende des veranstaltenden Rathausvereins, diese Rede vor 263 Gästen im Krönungssaal zuvor angekündigt. Doch mit seiner Verwunderung hatte Primor anschließend nicht nur die Lacher auf seiner Seite, sondern er konzentrierte ein umfassendes Themengebiet gekonnt auf zwei Kernfragen und damit auf eine leicht verdauliche Länge zwischen den beiden Vorspeisen des festlichen Vier-Gänge-Festmenüs. Zu dem lädt der Rathausverein seit seiner Gründung 2002 immer am 23. Oktober ein - dem Krönungstag Karls V., des letzten Königs, der 1520 in Aachen gekrönt wurde.

Primors Kernfragen lauteten: „Erstens: Ist ein Frieden im Nahen Osten möglich? Zweitens: Kann und sollte die Europäische Union eine Rolle in diesem Friedensprozess spielen?

Primors Antwort lautete: „Ein Frieden im Nahen Osten ist möglich - möglich geworden.” Während lange Zeit die Palästinenser einerseits die Existenz Israels nicht akzeptierten und die Israelis andererseits nicht auf Gebiete wie Westjordanland, Golanhöhen oder Gazastreifen verzichten wollten, habe sich die Einstellung auf beiden Seiten inzwischen geändert, so dass Primor schlussfolgerte: „Beide Seiten sind für den Frieden reif.”

Was seinen Landsleuten jetzt noch fehle, um sich für ein aktives Vorgehen im Friedensprozess zu entscheiden, sei Glaubwürdigkeit und Sicherheit. „Palästinenserpräsident Mahmud Abbas ist ein glaubwürdiger Mensch”, so Primor, „aber er hat noch nicht einmal die Mittel, um für seine eigene Sicherheit zu sorgen.”

Bleibe die Frage, wer die Verantwortung für die Sicherheit übernehmen könne? „Die politische Verantwortung”, betonte Primor. Die USA seien bis zu den nächsten Präsidentschaftswahlen im November 2012 gelähmt, „also könnte vielleicht die Europäische Union die Sicherheit garantieren”, fragte der Festredner. Soldaten wolle freilich niemand nach Israel schicken, eine politische Garantie aber scheitere an der fehlenden gemeinsamen Außenpolitik der EU.

So lautete schließlich Primors Schlusswort: „Ein Frieden im Nahen Osten ist mit ausländischer Hilfe möglich.” Wer diese Hilfe anbiete und ob sie vor Ort auch angenommen werde, „das weiß ich nicht. Das kann ich nur hoffen.”

Duemjroefe und Stadtreiter

Mit dieser Festrede reihte sich Avi Primor ein in eine illustre Reihe mit Hans-Dietrich Genscher, Wolfgang Schäuble oder dem luxemburgischen Außenminister Jean Asselborn im vergangenen Jahr. Denn eine europapolitische Rede ist beim Krönungsfestmahl ebenso Tradition wie der Empfang durch Öcher Duemjroefe und Stadtreiter und die Begrüßung durch den Oberbürgermeister, der qua Amt Vorsitzender des Rathausvereins ist. Der Verein setzt den Erlös des Essens - jeder Gast wird mit 195 Euro zur Kasse gebeten - ebenso traditionell für die Sanierung des Rathauses ein.

Insgesamt 800.000 Euro sind im Laufe der Jahre so schon zusammengekommen. Zu dieser Summe tragen auch die beiden Hauptsponsoren Babor und Pro-Idee ihr Scherflein bei, während Irene Schulte-Hillen als Präsidentin der Deutschen Stiftung Musikleben alle Jahre wieder für das musikalische Rahmenprogramm verantwortlich zeichnet. In diesem Jahr verwöhnten Byol Kang an der Violine gemeinsam mit Boris Kusnezow am Klavier sowie die erst 13-jährige Johanna Bufler die Ohren der Gäste.

Um die Gaumen kümmerte sich erneut die Gastronomie des Quellenhofs. Chefkoch Jeroen Rumpen zauberte zusammen mit seinem 24-köpfigen Kochteam zunächst ein gebratenes St. Pierre Filet in Champagnervinaigrette, dann Spaghettini mit gebratenen Waldpilzen und schließlich ein Filetsteak vom Limousin-Rind auf die Teller, bevor eine pochierte Williams-Birne auf Blätterteig das Festmenü abrundete. Serviert wurde es in perfekter Choreografie von 45 Servicekräften auf 2800 Tellern, die nebst 1800 Gläsern und 3200 Bestecken ebenfalls von der Quellenhof-Gastronomie gestellt wurden.

Schwere Kost gabs hingegen für den Festredner. Avi Primor erhielt aus den Händen von Oberbürgermeister Marcel Philipp ein Karlssiegel, eine Kiste Öcher Printen und das 580 Seiten starke Rathaus-Buch von Georg Helg und Alt-OB Jürgen Linden. „Lassen Sie sich durch die Dicke des Buches bitte nicht abschrecken”, riet Philipp dem prominenten Gast. „Die Hälfte davon hat Ihnen Herr Helg heute Abend sowieso schon erzählt.” Doch auch davon war Avi Primor nicht aus der Ruhe zu bringen.
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