Aachen - Ausraster mit tödlichen Folgen im Hafturlaub

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Ausraster mit tödlichen Folgen im Hafturlaub

Von: Werner Breuer undWolfgang Schumacher
Letzte Aktualisierung:

Aachen. „Was hätten wir anders machen können?” Diese Frage stellt sich Karl Schwers, stellvertretender Leiter der Justizvollzugsanstalt Aachen, immer wieder, seitdem ein Gefangener während seines Hafturlaubs mutmaßlich einen 42-jährigen Mann zu Tode geprügelt hat.

Der 28-Jährige hatte seine etwa vierjährige Haftstrafe wegen Gewalttaten fast abgesessen. „Er wäre in wenigen Tagen entlassen worden”, sagt Schwers.

Am 16. Juli hatte sich der Freigänger mit zwei Kumpanen zu der furchtbaren Tat hinreißen lassen. In dem Eckhaus an der Gartenstraße gegenüber dem Westpark kam es zu einem Streit der Dreiergruppe, die beiden Mittäter sind 22 und 26 Jahren alt, mit zwei Hausbewohnern. Wahrscheinlich war Alkohol im Spiel, warum es Streit gab, dazu äußert sich die Staatsanwaltschaft bislang nicht.

Jedenfalls traten die Drei so heftig auf den Kopf des am Boden liegenden Opfers ein, dass der Mann bereits im Uniklinikum als hirntot eingestuft wurde. Er hatte einen Schädelbruch und schwere Hirnverletzungen, an denen er am frühen Morgen des 19. Juli starb. Das zweite Opfer, ein 39-jähriger Mann, kam mit leichten Verletzungen davon, er war „nur” die Treppe hinuntergefallen.

Dass von dem Häftling weiterhin ein Gefahrenpotenzial ausgeht, war der JVA bekannt. Dafür hatte der 28-Jährige gewissermaßen selbst gesorgt: Weil er einen Antrag auf vorzeitige Entlassung gestellt hatte, wurde ein Gutachten erforderlich mit dem Ergebnis, „dass eine gewisse Problematik fortbesteht”, erklärte Schwers am Mittwoch.

Doch auch „kleine Fortschritte” habe ihm die Gutachterin bescheinigt. „Ich habe viele Gespräche mit ihm geführt”, berichtet Schwers. Danach hatte er den Eindruck, dass der 28-Jährige sich „positiv entwickelt hat”.

Vollendeter Totschlag

Dazu mag auch ein Anti-Gewalt-Training beigetragen haben, an dem der Gefangene teilgenommen hatte. Gemeinsam mit der Gutachterin kam man überein, seine bevorstehende Entlassung durch Haftlockerungen vorzubereiten, eine sogenannte Eingliederungshilfe. Schwers: „Wir können ihn ja nicht einfach nach vier Jahren vor die Tür schicken”.

Deshalb gab es für den Mann aus dem Hafthaus 2, in dem auch Jungtäter untergebracht sind, begleitete Ausgänge, Außenarbeit unter Aufsicht und eben auch Hafturlaub, es war sein dritter. Dabei sei man schrittweise vorgegangen, sagte Schwers. Den ersten Hafturlaub mit Übernachtung habe der Gefangene etwa drei Monate vor seiner geplanten Entlassung gehabt. In den offenen Vollzug kam er nicht. Die Mitarbeiter der JVA seien als Ansprechpartner wichtig gewesen, erklärt Schwers, zudem habe man den Häftling besser beobachten können. Auch Maßnahmen zur Führungsaufsicht für die Zeit nach der Entlassung waren ins Auge gefasst. Doch beim dritten Hafturlaub - er sollte von Freitag bis Montag dauern - wurden alle Pläne Makulatur.

Die Staatsanwaltschaft, bekundete ihr Sprecher Robert Deller, vernehme immer noch Zeugen. Die Anklage gegen die drei Täter lautet auf Totschlag und gefährliche Körperverletzung. Dem Vernehmen nach haben die Täter den Gewaltexzess, der stark an die Münchener U-Bahn-Tat erinnert, zugegeben, ein von Reue getragenes Geständnis gibt es aber nicht.

„Ein Auto kann man an ein Diagnosegerät anschließen”, meint Karl Schwers, „aber wir arbeiten hier mit Menschen.” Hätte die JVA etwas anders machen können? „Wir hätten ihn so oder so entlassen müssen”, stellt Schwers klar. Er wünscht sich noch mehr Behandlungsangebote in der Anstalt. Bei 760 Insassen sei es jedoch schwierig, für jeden einzelnen spezielle Angebote zu organisieren.
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