Radarfallen Blitzen Freisteller

Ausländeramt reißt Familie auseinander

Von: Georg Dünnwald
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Frühmorgens am Nikolaustag klingelten Beamte des Ausländeramtes der Städteregion und der Polizei Sturm an einer Wohnung im Aachener Stadtteil Forst.

Die Beamten hatten nur ein Ansinnen: Die 19-jährige Tochter einer Roma-Familie, Sadbera R. sollte sofort mitkommen. „Noch heute werden Sie nach Sarajewo abgeschoben”, erklärten ihr die Beamten.

Ihre Familie setzte schnell alle Hebel in Bewegung. Ein Anwalt versuchte, beim Aachener Verwaltungsgericht einen Eilantrag durchzusetzen, der die Abschiebung hätte stoppen können. Doch fünf Minuten vor dem Abflug vom Köln-Bonner Flughafen aus, gegen 12.35 Uhr, kam der Bescheid aus Aachen: „Der Eilantrag ist abgelehnt.”

Der Katholikenrat Aachen-Stadt protestiert aufs Heftigste, auch die reformpädagogische Sekundarschule am Dreiländereck und das Netzwerk Asyl haben sich dem Protest angeschlossen. „Auch wenn die Abschiebung formal rechtlich legal gewesen sein mag, ist es doch unmenschlich und in keinster Weise hinnehmbar, dass durch die Abschiebung der 19-jährigen Tochter eine Familie auseinandergerissen wird”, meint Katholikenrats-Vorsitzender Holger Brantin, der gleichzeitig Vorsitzender Richter am Landgericht Aachen ist.

„Der Ausländerbehörde war durch Vorlage verschiedener medizinischer Atteste und Stellungnahmen nachweislich bekannt, dass die Familie psychisch schwer belastet ist”, erklärt An­drea Genten vom Netzwerk Asyl. „Ich berate seit ewiger Zeit Flüchtlinge, aber ich habe noch nie erlebt, dass in Aachen eine Familie durch die Ausländerbehörde auseinandergerissen wurde”, sagt sie. Seit es die Städteregion gibt, ist das Ausländeramt dieser untergeordnet.

Holger Benend vom Presseamt der Städteregion bestätigt die Vorgehensweise der Behörde mit der 19-Jährigen: „Es hat einen ersten, angekündigten Termin für die Rückführung gegeben. Zu diesem Zeitpunkt war sie nicht anwesend und hat sich der Rückführung entzogen”, erklärt er den Einsatz am frühen Morgen des 6. Dezembers. Benend hat die Stellungnahme nach Rücksprache mit Städteregionsrat Helmut Etschenberg abgegeben. Ob die Entscheidung für eine Abschiebung zwingend nötig war, will er nicht bewerten. Die Fragen nach dem Ermessensspielraum der zuständigen Beamten und nach der Verhältnismäßigkeit lässt Benend unbeantwortet.

Der 63-jährige Großvater der Roma-Familie hatte nach eigenen Angaben im Bosnienkrieg Folterungen von Familienangehörigen mit ansehen müssen, seine Frau wurde in dieser Zeit ermordet. Dennoch wurden die Asylanträge der Familie, des Ehepaars R., der Eltern von Sadbera, ihr eigener und auch der der elf- und 17-jährigen Brüder abgelehnt.

Daraufhin unternahm der Großvater zwei Suizid-Versuche. Er wurde lange im Krankenhaus behandelt, die Mutter der Abgeschobenen wurde ebenfalls wochenlang in der Psychiatrie nach der Asylablehnung behandelt. Sie war zusammengebrochen. „Nach der Abschiebung der Tochter geht es der Frau sehr schlecht”, sagt An­drea Genten.

„Politik muss Maßstäbe setzen”

Sie ist überzeugt: „Jetzt muss die Politik Maßstäbe setzen. Der Städteregionsrat ist gefordert.” Die Grüne Elisabeth Paul, Stellvertreterin von Etschenberg, habe sich sehr für die Roma-Familie eingesetzt und einen Termin mit Etschenberg vereinbart, der am Freitag stattfindet. Teilnehmen werden der Städteregionsrat, die Chefin der Ausländerbehörde und die Beschwerdeführer.

Elisabeth Paul: „Wir sind entsetzt, dass in der Städteregion überhaupt noch abgeschoben wird.” Ins gleiche Horn stößt Marika Jungblut, die stellvertretende Sprecherin der Fraktion der Linken: „So geht das nicht, vor allem dürfen doch Familien nicht auseinandergerissen werden.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert