Auf dem Schulhof wartet die Patin aus München

Von: Juliane Kern
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Aachen. Heinz Böddicker steht auf dem Schulhof der Gemeinschaftsgrundschule Vaalserquartier und strahlt.

Gleich wird seine Enkelin Jutta aus dem Schulgebäude rennen und ihm entgegenlaufen, die bunte Schultüte in Empfang nehmen, die seine Tochter Corinna im Arm hält und das Extrapäckchen, das die Oma liebevoll verpackt hat.

Als Heinz Böddicker Ostern 1939 eingeschult wurde, strahlte nichts und niemand. Keine Schultüte, nicht die Kinder, nicht die Eltern, nicht die Großeltern.

An seinem ersten Schultag hatte sich der damals 6-Jährige zusammen mit den anderen Kindern in Reih und Glied auf dem Schulhof aufgestellt und den Arm zum Hitlergruß gehoben. „Den hatten wir ja schon vorher lernen müssen”, erzählt er. Zu feiern gab es nichts.

Umso schöner findet es der 76-Jährige heute, seine sechsjährige Enkelin an ihrem ersten Schultag begleiten zu dürfen. „Das ist einfach herrlich”, schwärmt er und freut sich schon auf den Nachmittag, wo die Familie bei Kaffee und Kuchen gemeinsam feiern will.

Auch bei Familie Baum wird es an diesem Nachmittag Kaffee und Kuchen geben. „Das ist bei uns Tradition”, erzählt Heike Baum. Da die Großeltern und Paten ihres Sohnes Jakob fast alle Lehrer sind, werden sie erst später dazustoßen. Dann sitzt die ganze Familie beisammen. „Das ist wichtig, das ist ein Tag für die Kinder”.

Während Heike Baum (noch) alleine auf ihren Sohn wartet, steht für die sechsjährige Kathleen ein ganzes Empfangskommando bereit: Eltern, Großeltern, Tante, Onkel und die Kinderfrau. Auf der Durchreise von der belgischen Küste nach München hat Patin Martina Hamacher einen Zwischenstopp in Aachen eingelegt. „Wir haben unseren Urlaub schon ein wenig passend gemacht für die Nichte. Die Kinder sollen ja merken, dass Schule etwas Tolles ist”, sagt sie.

Dass ihre Tochter die Schule als etwas Schönes empfindet, daran hat Daniela Decker keinen Zweifel. Schließlich ist die heute 28-jährige Mutter von vier Kindern - wie ihr Vater - selbst im Vaalser Quartier zur Schule gegangen.

„Und Frau Ketteniß, die heutige Rektorin, war damals meine Klassenlehrerin. Da ist sie gut aufgehoben.” Damit sich die Kinder auf die Schule freuen und sich schon am ersten Tag wohlfühlen, hat Schulleiterin Ute Ketteniß Ende Juni ein Begrüßungsfest für die (Noch-)Kindergartenkinder ausgerichtet und ihnen einen Brief in die Hand gedrückt.

Für jeden Tag bis zum ersten Schultag - im Vaalser Quartier war es der gestrige 17. August - konnten sie ein Männchen ausmalen. Das hat die Vorfreude auf den großen Tag geweckt.

Ute Ketteniß selbst hat ihren ersten Schultag nicht so schön in Erinnerung, sie denkt eher ein wenig traurig daran zurück. Ihre Mutter, die früh verwitwet war, musste von früh bis spät arbeiten. Sie konnte ihre jüngste Tochter nicht begleiten, obwohl sie es so gerne getan hätte.

„Aus dieser Erfahrung heraus ermuntere ich die Eltern heute auch, diesen Tag mit der Familie als etwas besonderes zu feiern.” Und auch der Schultüte, für die ihre Mutter damals kein Geld gehabt hatte, räumt sie einen hohen Stellenwert ein. Zwar sollte sie nicht überquellen, aber eine Kleinigkeit zum Spielen, etwas Obst, ein paar Süßigkeiten sollten sich schon darin finden.

In 30 Jahren, in denen sie im Vaalserquartier unterrichtet, hat sie es es noch nicht erlebt, dass ein Kind ohne Begleitung gekommen wäre. Auch diesmal ist es nicht anders. Und viele der 60 Erst-Klässler haben sogar die ganze Familie dabei, die Geschwister, die Paten, die Großeltern. So wie die sechsjährige Jutta, die ihren Großeltern strahlend entgegenrennt.
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