Auch ohne laute Töne hallt die Musik nach

Von: Eva Onkels
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Klarinettist Giora Feidman begeistert mit seiner Band und verbindet gekonnt Jazz-Musik und Klezmer.

Aachen. Giora Feidman ist ein Mann, der ohne Zweifel begeistern, in den Bann ziehen und mitreißen kann. Es ist nicht nur seine Musik, die die Menschen in ihren Bann zieht. Feidman selbst ist auf der Bühne präsent, er versteht seine Musik wirklich als Universalsprache, richtet Worte an das Publikum und wirkt dabei wie ein freundlicher älterer Herr von nebenan.

Er verbindet Menschen ebenso wie Jazz-Musik und Klezmer. Diese Kombination ist ein Ohrenschmaus, nicht nur für Jazzfreunde. So verwundert es kaum, dass die Kirche St. Jakob bereits eine halbe Stunde vor Konzertbeginn am Samstag rappelvoll war. Um 18 Uhr, als die ersten Töne aus Feidmanns transparenter Klarinette ertönten, war kaum noch ein Platz zu finden.

Im Rücken der Zuschauer begann Feidman solo das Konzert. Erst als er den Mittelgang durchquert hatte und vorne am Alter stand, stimmten auch Stephan Braun (Jazzcello), Reentko Dirks (Gitarre) und Guido Jäger (Kontrabass) mit ein. Als The Giora Feidman Jazz-Experience treten die Musiker auf, so auch in Aachen.

Als Klezmer bezeichnet man die Musik osteuropäischer Juden, insbesondere deren folkloristische Lieder. Manche Melodien kommen dem Zuhörer bekannt vor, etwa „Donna Donna“ von Shalom Secunda. Feidman verstand es dabei meisterhaft, das Publikum Teil der Musik werden zu lassen: Ein Großteil sang schon nach den ersten paar Takten mit.

Auch als Brückenbauer zwischen den Kulturen versteht sich Giora Feidman. Der 1936 in Buenos Aires geborene Musiker hat einen langen Weg hinter sich. Seinen ersten Klarinettenunterricht bekam er bei seinem Vater, bereits mit 19 Jahren begann er seine Karriere im Opernhaus Teatro Colon. 1957 reist er in das neu gegründete Israel und wurde dort Mitglied im Israel Philharmonic Orchestra, in dem er bis zu einer Augenkrankheit 18 Jahre lang Mitspielender war. Zur gleichen Zeit beginnt er Klezmermusik zu spielen, 1960 gibt er mit einem Trio erstmals ein Klezmer-Konzert. Der Musik bleibt er bis in die Gegenwart treu. In Deutschland wurde er erst 1984 bekannt, als bei der Inszenierung des Musicals „Ghetto“ dabei war. Steven Spielberg griff auf ihn zurück, als er für die Filmmusik zu „Schindlers Liste“ Musiker suchte.

Stille für einen Augenblick

Im Konzert war seine Vorstellung einer harmonischen Verbindung zwischen Völkern und Nationen besonders deutlich in einer Zusammenstellung greifbar, die er „Three anthems“ nennt. Die Nationalhymnen Deutschlands, Israels und Palästina vermischten sich in einem harmonischen Wohlklang und mit Recht stellte Feidman die Frage: „Warum kann es nicht in der ganzen Welt so sein, wie in diesem Moment in der Kirche St. Jakob?“ Dazu passte auch die folgende Improvisation zu Sam Cooks „Wonderful World“. In die Pause verabschiedete das Publikum die Musiker mit Shalom Chaverim. Die Töne des jüdischen Friedensgrußes verhallten in der Kirche und für einen Augenblick war Stille. Nach der Pause ging es weiter mit drei neuen Stücken von Guido Jäger, Reentko Dirks und Stephan Braun, die dem Publikum gut gefielen.

„Musik beginnt nicht mit dem ersten Ton, sondern mit der Stille davor. Und endet nicht mit dem letzten Ton, sondern mit der Stille danach“, sagte Feidman einmal. Und auch am Samstag wurde deutlich, dass die Musik auch ohne Ton noch nachhallen kann und man sich selbst am Schluss des Konzertes die Frage stellt: „Warum kann die Welt nicht den Frieden erleben, wie es die Zuhörer und die Musiker in der Kirche taten?“

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