Auch für Krabbelkinder geht es um Sekunden

Von: Gerald Eimer
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Gut gesichert: Feuerlöscher, Rauchmelder, Brandschutztüren und vieles mehr zählen zu den Errungenschaften der Kita St. Fronleichnam, weil die U3-Betreuung neue Anforderungen stellt. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Im Brandfall geht es um Sekunden. „Dann muss sich jeder ein Kind schnappen und raus”, sagt Stefanie Dautzenberg-Schmitz. Lange Erklärungen wären in ihrer Kita Zeitverschwendung.

Viele Kinder würden sie nicht verstehen, weil sie noch gar kein Deutsch können, andere sind zu klein, um sich selber retten zu können. Denn zwölf der rund 80 Kinder im Montessori-Kinderhaus St. Fronleichnam sind erst zwei Jahre alt - ein Umstand der völlig neue Anforderungen an das Brandschutzkonzept stellt.

Seit Einführung des Kinderbildungsgesetzes Kibiz und dem Ausbau der U3-Betreuung stehen alle Kitas vor dem gleichen Problem: Wie schaffen es fünf bis sechs Erzieherinnen im Ernstfall innerhalb kürzester Zeit bis zu zehn Kinder zu evakuieren, die kaum krabbeln können? „Richtig gruselig wird es, wenn es zwei Stockwerke gibt”, sagt Stefan Peters.

Peters ist Brandschutzexperte bei der Aachener Sachverständigengesellschaft BFT-Cognos, deren 35 Mitarbeiter jährlich mehr als 500 Bauobjekte nach Sicherheitsaspekten begutachten - darunter waren bereits das Aachener Rathaus, das RWTH-Hauptgebäude, der neue Tivoli, der Hauptbahnhof, die Rheumaklinik und viele andere mehr. Vor genau zehn Jahren wurde das in Süsterfeld ansässige Unternehmen gegründet - damals noch unter dem Eindruck der verheerenden Brandkatastrophe auf dem Düsseldorfer Flughafen. „Seitdem geht ohne Brandschutz nichts mehr”, sagt Peters.

Rechnergestützt überprüfen Fachleute wie er Sicherheitskonzepte. Sie simulieren unter anderem, wie schnell ein Raum verraucht und wie schnell er verlassen werden kann. Verstärkt rücken seit einigen Jahren Einrichtungen in den Mittelpunkt, in denen Menschen auf Hilfe angewiesen sind. Altenheime beispielsweise, und ganz aktuell eben auch Kindertagesstätten.

Mehr als 20 Kitas im Stadtgebiet haben Peters und seine Kollegen bereits begutachtet, darunter auch das komplett sanierte Kinderhaus St. Fronleichnam an der Schleswigstraße, Aachens älteste Montessori-Einrichtung. Seitdem kann die Leiterin Dautzenberg-Schmitz auf ein ausgereiftes Sicherheitskonzept vertrauen. Sogar im Vorratsschrank hängt jetzt ein Rauchmelder.

Aus jedem Gruppen- und Schlafraum führen Türen ins Freie, es gibt neue Verbindungstüren für weitere Fluchtwege, automatisch schließende Brandschutztüren, alle Türen können stets von innen geöffnet werden, Elektrogeräte sind mit Notschaltern ausgestattet. Hinzu kommt, dass das gesamte Team geschult ist, um im Alarmfall das Richtige zu tun und die Einrichtung schnell zu räumen.

Als Sicherheitsbeauftragte muss sich Dautzenberg-Schmitz bei den Kolleginnen auch schon mal unbeliebt machen: Etwa, wenn die Dekoration im Flur wieder abgenommen werden muss, weil sie zu schnell Feuer fangen könnte.

Mehr als 130 Einrichtungen

Man muss für jede Einrichtung die richtige Balance finden, sagt Peters. Denn auch er weiß, dass kleine Kinder ihre Kuschelecken brauchen und dass sie ihre Bastelarbeiten und bunten Bilder gerne ausstellen. Der Brandschutz solle nicht den pädagogischen Anforderungen entgegenstehen, meint er. Daher müsse jede Kita gesondert begutachtet werden. Nur die Bauordnung anzuwenden, sei nicht genug. Gutachtern wie ihm wird die Arbeit sobald nicht ausgehen. Alleine in Aachen gibt es mehr als 130 Kindertagesstätten, in denen die Betreuungsplätze für Unter-Dreijährige kontinuierlich ausgebaut werden sollen.

Stefanie Dautzenberg-Schmitz ist nach zweijähriger Umbauphase im laufenden Betrieb zufrieden mit dem Ergebnis. Ihre Einrichtung hat anderen nun einiges voraus. Ihr größter Wunsch ist dennoch, dass bloß nie der Ernstfall eintreten möge.
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