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Auch die Aachener haben schweigend weggeschaut

Von: Werner Czempas
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Mehr als die Erfüllung eines Rituals: Auf dem Synagogenplatz erinnerten Redner an die Pogromnacht 1938 und warnten zugleich vor heutigen Gefahren durch Rechtsextremisten. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Wie konnte das geschehen? Morden und Totschlagen, Brandschatzen und Plündern, Rauben und Zerstören, Treten und Schlagen und Verhöhnen, Verhaften und Verschleppen und Auslöschen jüdischen Lebens? Zum 75. Jahrestag der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 suchten zwei Gedenkveranstaltungen nach Antworten.

„Auch nach so langer Zeit ist das, was geschah, ein Anlass zur Trauer und Scham darüber, dass die Täter deutsche Bürger waren, viele von ihnen getaufte Christen, Aachener Bürger.“ So leitete Oberbürgermeister Marcel Philipp seine Rede ein beim Gedenken, zu dem die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in den Krönungssaal eingeladen hatte.

Eine bemerkenswerte Rede, in der der OB fortfuhr: „Der Pogrom geschah in aller Öffentlichkeit. Mitbürger und Nachbarn, Geschäftspartner und Kollegen konnten sehen, was geschah. Es gibt Fotos von einer Menschenmenge, die zusieht, wie die Aachener Synagoge brennt. Warum nur fehlten Betroffenheit und Mitgefühl, warum schaute man weg und steckte den Kopf in den Sand vor der Inhumanität dessen, was geschah?“

Auftakt zu millionenfachem Mord

Die Pogromnacht sei nicht vom Himmel gefallen. Jahrhundertealte Vorurteile, so Philipp, seien der geistige Nährboden gewesen. Der habe es den Nationalsozialisten leichter gemacht, „eine jahrelange Hetze zu betreiben und eine Flut von Gesetzen zu erlassen, die die Juden in Deutschland ausgrenzte, demütigte, aus dem öffentlichen und wirtschaftlichen Leben ausschloss“. Der Oberbürgermeister: „Die Pogromnacht war ein Kulminationspunkt und zugleich Auftakt für den millionenfachen Völkermord.“

Auch 75 Jahre später müssten wir uns diesen Verbrechen und Schrecken der Vergangenheit stellen. Alles sei zu tun, damit Rassismus, Antisemitismus und rechtsextreme Gedanken nicht die Köpfe vergifteten. Marcel Philipp: „Zum Lernen aus der Geschichte gehört auch, dass wir Solidarität üben mit unserer jüdischen Gemeinde in Aachen, dass wir sie fördern und stärken.“

Bewegend der Auftritt von Jungen und Mädchen der Realschule Marienschule Alsdorf. In wechselnden Rollen erinnerten sie mit Namen und Video-Bildern an die Schicksale der jüdischen Bürger Alsdorfs, die gute Nachbarn waren, prima Arbeitskollegen, die jeder kannte.

Aus hinterem Winkel des Krönungssaals schwebte ein heller Musikton herbei. „Der kleine Harlekin“, Karlheinz Stockhausen zauberhaft interpretiert von Jessica Schlömer. Sie und ihre Mitstudentin Ye Gyeong Lim und Mitstudent Lew Berkowskiy (beide Violine) von der Musikhochschule ließen ihre Musik flammend lodern, aufrühren, klagen, trauern, weinen. Die Gedenkstunde beendete Rabbiner Mordechai Bohrer mit dem auf Hebräisch und Deutsch gesungenen „Gott voller Erbarmen“.

„Wachsam bleiben“

Unter dem Motto „Der Opfer gedenken – die Zukunft gestalten frei von Antisemitismus, Rassismus, Faschismus und Krieg“ stand eine zweite Gedenkveranstaltung am Sonntagmorgen. Zu ihr hatten zahlreiche Gruppen vor die Synagoge auf den Synagogenplatz eingeladen. Die Kunsthistorikerin Alexandra Simon-Tönges moderierte eine Veranstaltung, in der neben der Erinnerung an die Pogromnacht auch immer wieder vor heutigen rechtsextremistischen Gefahren gewarnt wurde. Simon-Tönges: „Der Rechtsextremismus in Deutschland fordert uns täglich heraus. Wir müssen wachsam sein und streitbar bleiben gegenüber allen Formen von Menschenfeindlichkeit.“

Ratsherr Horst Schnitzler (UWG) und Schülerin Mathilde Lettinga zitierten aus den Deutschland-Berichten der SPD, die die Ereignisse des 9. und 10. Novembers 1938 in Aachen präzise und mit den Namen der Rädelsführer unter anderen aus Polizei, Feuerwehr und Rathaus schilderten. Der „Antisemitismus der Gegenwart“ nahm breiten Raum ein in der Rede des Aachener Politologen Richard Gebhardt. Seine Mahnung: „Die Verbreitung antisemitischer Vorurteile in der Bevölkerung gibt keinen Grund zur Beruhigung.“ Gebhardt weiter: „Uns treibt auch heute nicht die Pflicht zur Erfüllung eines Rituals auf die Straße, sondern der Drang, auch in der Gegenwart gegen die Ideologien der Ungleichwertigkeit zu protestieren.“

Auch Ralf Woelk, Vorsitzender der DGB-Region NRW Süd-West (Aachen), lenkte das Augenmerk auf Rechtsradikalismus und Rassismus heute. Der 9. November sei fester Bestandteil der Erinnerungskultur, wobei man sich immer und immer einig sei über das „Nie wieder“. Woelk mit Hinweis unter anderem auf die NSU-Morde: „Und trotzdem passiert es immer wieder, trotz alledem passiert es immer noch.“ Rechtsradikalismus und Rassismus seien nach wie vor eine Herausforderung.

Musikalisch begleitet wurde die Gedenkstunde von Illya Kiuila auf der Violine. Schauspielerin Annette Schmidt vom Theater K las einfühlsam und ergreifend Gedichte zweier jüdischer Lyrikerinnen.

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