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Atze Schmidt: Von Dorfgöttern, Mao und der großen Mauer

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Atze Schmidt, 75, lebt heute in dem emsländischen Dorf Rütenbrock. Foto: Margret Herdt
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Sieht aus wie eine Stadt in Deutschland, ist aber in China: Qingdao am Gelben Meer, die einstige deutsche Kolonie Tsingtau.

Aachen/Rütenbrock. In den 1970er Jahren war er Mitglied der „Nachrichten“-Redaktion, da hatte er schon bei Zeitungen in Bayern, Hessen, Niedersachsen und Dänemark gearbeitet. Nirgendwo hielt es ihn lange. Ausgerechnet in China, wo er „durch puren Zufall“ einen Job ergatterte, machte er eine Ausnahme.

Zuletzt war er einer der dienstältesten „Ausländischen Experten“, wie China seine in den Bereichen Medien und Bildung beschäftigten ausländischen Mitarbeiter bezeichnet. Die längste Zeit seiner 17 Jahre in China war Atze Schmidt als Lektor in einem Pekinger Großverlag tätig, einer medienpolitischen Schaltstelle, wo vieles fürs Ausland publiziert wird, was im Reich der Mitte als wichtig gilt. Während er dort mit chinesischen Übersetzern zusammenarbeitete, unterrichtete seine Frau am Pekinger Goethe-Institut. Beides hervorragende Voraussetzungen dafür, jene Fülle von Innenansichten zu gewinnen, die in dem Buch „China tickt anders“ nun beschrieben sind.

Bis an die Grenzen zu Vietnam

Der Leser wird mitgenommen auf Reisen bis an die Grenzen zu Vietnam und Pakistan, zu Wanderungen auf der Großen Mauer, die längst von Gesträuch und Getier als Biotop erobert wurde, in ein Sexmuseum voll deftiger Erotika und in die Archive des Pekinger Verlags, in denen Material lagert, das Schmidt für einen Rückblick auf die Jahre des bizarren Kults um die Person Mao Zedongs nutzte.

Als die Einladung nach China kam, war Atze Schmidt durch nichts aufzuhalten. „Nie wollte ich mir im Leben die Chance verbauen, immer wieder was ganz anderes zu machen.“ Das habe er sich schon in jungen Jahren geschworen. „Vermutlich die beste Idee, die ich je hatte.“ Brisantes kommt in dem Buch zur Sprache: Die verheerenden Folgen des Umgangs von Partei und Regierung mit Aids und Sars, die lange Zeit völlige Gleichgültigkeit gegenüber den katastrophalen Umweltschäden, die hysterischen Reaktionen der gleichgeschalteten Medien, als der Vatikan 120 in China hingerichtete Missionare und chinesische Christen kanonisierte.

Zu der Fülle von Themen, die der Kollege aus der Erfahrung von selbst Erlebtem behandelt, zählen ferner der auf dem Land noch lebendige Glaube an Dorfgötter, der Ahnenkult, Begegnungen mit nationalen Minderheiten, die allgegenwärtige Korruption und die Kehrseiten der Reformpolitik.

Auch Kurioses kommt nicht zu kurz. Schmidt erlebte, wie sich mit offenherzig gezeigten Busen viel Bier verkaufen ließ; am Rand eines Dorfs entdeckte er auf freiem Feld ein riesiges Mao-Monument, dem die Schädeldecke fehlte, und fand heraus, weshalb das so war; auf seinem Schreibtisch landeten abstruse Rezepte gegen Krankheiten wie „Regenwürmer gegen Asthma“; und er sammelte umwerfend komische Stilblüten aus den Übersetzungen seiner chinesischen Kollegen („da die Heuschrecke gern Heu frisst, bringt sie den landwirtschaftlichen Kulturpflanzen Naturkatastrophen bei“). Köstlich schließlich eine Neufassung von „Romeo und Julia“, geschrieben von jungen Chinesen, die am Pekinger Goethe-Institut Deutsch lernten.

Während Schmidts Aufenthalt in China boten sich ihm Chancen, die es in Deutschland so wohl nie gegeben hätte: Immer wieder gab es Einladungen von Filmstudios und Fernsehanstalten, an Filmen und Werbespots mitzuwirken. So mimte er in einem Kinofilm, der in Qingdao spielte, der „deutschen Stadt“ am Gelben Meer, einen Botschafter und in TV-Produktionen so einiges vom Straßenmusikanten bis zum Unternehmer. „Es waren Jahre des Lernens, der Auseinandersetzungen mit dem Anderssein, die das Denken aus seinen unbewusst eurozentrischen Bahnen hoben“, schreibt Schmidt.

Atze Schmidt: „China tickt anders“, erschienen im Verlag „interconnections, Freiburg.

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