Aachen/Tansania - Artistenschule aus Tansania kommt mit „Mother Africa“ nach Aachen

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Artistenschule aus Tansania kommt mit „Mother Africa“ nach Aachen

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„Mother Africa“ ist eine farbenprächtige Show mit Tanz, Musik und Akrobatiknummern, .... Foto: Suzy-Stoeckl, Wolfgang Klauke
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... die von Winston Ruddle ins Leben gerufen wurde. Foto: Hans-Jürgen Herrmann
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Winston Ruddle gründete 2003 in Daressalaam eine Underground-Artistenschule. Foto: Steffeneissner

Aachen/Tansania. Winston Ruddle, in Simbabwe geborener deutscher Staatsbürger, gilt als der erste Schwarzafrikaner, der jemals eine eigene große Zirkusshow inszenierte und produzierte. Der heute 50-jährige Weltbürger mit Wohnsitzen in Köln, in Tansania und Australien gründete 2003 eine Underground-Artistenschule in Daressalaam.

Aus ihr gehen Akrobaten für die Shows „Afrika! Afrika!“ und „Mother Africa“ hervor. Olaf Neumann war mit Winston Ruddle in Südafrika und Tansania und sprach mit ihm über sein abenteuerliches Leben beim Zirkus.

Mr. Ruddle, was ist Ihre früheste Zirkus-Erfahrung?

Mitte der 80er sah ich in Simbabwe tansanische Akrobaten. Zu der Zeit war ich Breakdancer und es fiel mir leicht, zur Akrobatik zu wechseln, weil es viele Gemeinsamkeiten gibt. Das Trio aus Tansania hatte mich so sehr beeindruckt, dass ich diesen Schritt einfach machen musste. Die Namen der Akrobaten habe ich bis heute nicht vergessen: Salim, Ramson und Hamis.

Die Kunstform Breakdance ist in den 70er Jahren in New York entstanden. Wie kam sie nach Simbabwe?

Simbabwe war einst eine englische Kolonie. Wir waren von allem Englischen beeinflusst und schauten amerikanisches Fernsehen. Die TV-Stars waren unsere Lehrer. Auf diese Weise kam ich mit Breakdance in Kontakt.

In Simbabwe wurden Sie sogar Breakdance-Champion. Wie kam es dazu?

Mit 13 fing ich mit Breakdance an und hörte erst in meinen 20ern wieder damit auf. Ich habe heute noch einige Moves drauf, bin aber nicht mehr so flink wie die jungen Leute. In Simbabwe gab es überall Breakdance-Wettbewerbe. In unserem Team waren acht Tänzer, aber einmal traten wir bei einem Wettbewerb nicht als Mannschaft an, sondern einzeln. Am Ende gewannen wir die ersten drei Plätze, aber das Preisgeld teilten wir unter uns acht auf. Einmal fuhren wir zu einem Wettbewerb in Harare. Wir hatten gerade so viel Geld dabei, wie die Hinreise kostete und nichts mehr für die Rückfahrt. Deshalb wollten wir den Wettbewerb unbedingt gewinnen. Als wir in Harare angekommen waren, war die Veranstaltung abgesagt und wir standen mit leeren Händen da.

Was haben Sie dann gemacht?

Wir sind nach Hause gelaufen: 400 Kilometer. Es dauerte vier Tage. Ab und zu wurden wir ein Stückchen in einem Auto mitgenommen. Wir ernährten uns von gestohlenen Früchten und Süßkartoffeln.

Wie alt waren Sie, als Sie die Schule abgeschlossen hatten?

Ich habe keinen richtigen Abschluss. Ich hatte Pech und meine Mutter starb. Sie war mein Rückhalt. Nach ihrem Tod stellte mein Stiefvater die Schulgeldzahlungen ein. Ich schaffte es noch bis zum vierten Jahr in der Highschool, ein Trimester vor dem Abschluss.

Wie kamen Sie schließlich zum Zirkus?

1988 gastierte in Simbabwe der Continental Circus. Der Besitzer war Deutscher und hieß Rudy Enders, ein Neffe von Adolf Althoff. Enders arbeitete mit vielen Artisten aus Ungarn zusammen. Eines Tages kam dieser Zirkus in meine Stadt und ich kaufte mir eine Eintrittskarte. Ein paar der akrobatischen Nummern hatte ich bereits woanders gesehen und so bekam ich tatsächlich einen Job beim Continental Circus.

Sollten Sie dort in der Manege arbeiten?

Nein, ich sollte beim Auf- und Abbau des Zeltes helfen. Ich weiß noch, wie ich immer den Clown auf der Bühne beobachtete, der sehr gut war. Er wurde für mich zu einem Vorbild. Eines Tages wurde dieser Clown verhaftet – zwei Stunden vor Showbeginn! Rudy Enders stand die Panik ins Gesicht geschrieben, denn der Clown war das verbindende Element zwischen den Programmpunkten. Da ich die Nummern des Clowns praktisch auswendig kannte, bot ich Rudy Enders an einzuspringen. Nach der Show bot er mir die Stelle des Clowns an. Ich erhielt 50 Dollar die Woche. In Simbabwe war das damals sehr viel Geld, man konnte von 50 Cent am Tag leben. Später erhielt ich sogar 60 Dollar, von denen ich 50 sparen konnte.

Wie ging es für Sie beim Zirkus weiter?

Ich entwickelte mich zu einem Solokünstler mit einer Roller-Skating-Nummer und anschließend lief ich auf dem Hochseil. Diese Nummer mischte ich mit Comedy-Elementen.

Anfang der 90er Jahre traten Sie unter anderem in Mosambik auf, wo seit 1976 ein Bürgerkrieg tobte. Was haben Sie dort erlebt?

Als wir mit dem Zirkus in Mosambik tourten, herrschte dort immer noch Krieg. Ein sehr schlimmer Bürgerkrieg. Ein reicher Mosambikaner, ein richtiger Mafia-Typ, hatte uns nach Maputo eingeladen. Die letzten 70 Kilometer vor der Stadt musste unser schwer bewachter Konvoi an dutzenden Patrouillen stoppen. Mosambik war damals extrem arm und man riet uns, so viele Zigaretten wie möglich mitzubringen, um sie an die Soldaten zu verschenken.

Unsere Shows in Mosambik waren sehr erfolgreich, allerdings durften wir nur tagsüber spielen. Am letzten Tag gaben wir eine Abschiedsparty mit all unseren Künstlern und Mitarbeitern. Ich werde nie vergessen, wie tausende hungrige Mosambikaner uns beim Essen zusahen. Dieser Mafia-Typ griff sich ein Brathähnchen und schmiss es auf den Boden. Sofort stürzten sich zahlreiche Kinder darauf, und innerhalb weniger Sekunden war das Hähnchen restlos verschwunden.

Später in Australien erspielten Sie sich den Beinamen „Papa Afrika, Vater des afrikanischen Zirkus“. Wie kam es dazu?

Im November 1997 kaufte ich mir von meinen Ersparnissen ein Flugticket nach Perth, wo ich ohne Visum hinreisen konnte. In Perth rief ich beim Perry Brothers Zirkus an, der am anderen Ende von Australien residierte. Als ich dort ankam, hatte ich kein gutes Gefühl. Es war ein schmutziger Zirkus und er machte mir ein denkbar schlechtes Angebot. Also flog ich weiter, um mich beim Silver Circus vorzustellen. Die Chefin war zuerst ein bisschen skeptisch, weil sie noch nie etwas von afrikanischen Artisten gehört hatte, und ließ mich im Regen stehen. Erst nachdem sie sich meine VHS-Kassette dreimal nacheinander angesehen hatte, bat sie mich herein. Ich war inzwischen nass bis auf die Knochen, aber ich bekam ein Engagement und blieb drei Jahre.

Kann man beim Zirkus viel Geld verdienen?

2000 lernte ich in Australien einen Agenten aus Singapur kennen. Er bot meiner Gruppe The Amazing Simbabwe Brothers 30 000 Singapur-Dollar für ein neuntägiges Gastspiel an. Dafür mussten wir sonst 10 Monate arbeiten. Aber unser Boss in Australien wollte uns nicht gehen lassen. Wir wollten das Gastspiel aber unbedingt machen und bauten uns für Singapur einfach ein zweites Setup. Eines Nachts verließen wir den Zirkus heimlich ohne unsere Klamotten und Autos und flogen nach Singapur.

Als wir neun Tage später zurück wollten, ließ man uns nicht nach Australien einchecken, weil uns unser Zirkus wegen Diebstahls angezeigt hatte. Auf einmal saßen wir mit 30.000 Dollar in Singapur fest. Ohne Visum durfte man sich dort maximal 15 Tage aufhalten, weshalb wir dann weiter nach Malaysia flogen. Dort blieben wir so lange, bis unser Geld komplett aufgebraucht war. Nach drei Monaten nahm ich Kontakt zu einem Agenten auf. Weitere drei Monate später durften wir endlich wieder zurück nach Australien.

Später gingen Sie neue Wege und begannen, Artisten auszubilden. Wie kam es dazu?

Ich hatte im Jahr 2000 in Australien ein interessantes Angebot von einem Amerikaner bekommen und begann, eine Gruppe zusammenzustellen, die ich in Tansania über Monate trainierte. Aber das Engagement platzte und ich gründete eine Website. Auf einmal bekam ich Angebote aus Dubai, Bahrain, China. Nun hatte ich zwar viele Jobs, aber nicht genug Artisten. Also gründete ich 2003 in Daressalaam eine Schule. Ohne diesen Zufall würde es heute „Afrika! Afrika!“ und „Mother Africa“ nicht geben.

Wie kam es zu den Shows „Afrika! Afrika!“ und „Mother Africa“?

2003 sprach ich in Deutschland mit dem Promoter Matthias Hoffmann über meine Idee eines afrikanischen Zirkus. Er wollte sofort mit mir zusammenarbeiten und gab mir zum Beweis einen Scheck über 50 000 Euro. Ich wollte ihn in Frankfurt einlösen, hatte aber Angst, er könne nicht gedeckt sein und verließ die Schalterhalle in Panik. Aber die Dame an der Kasse holte mich zurück, um mir die Summe auszuzahlen. Zwei Wochen später begann ich, überall in Afrika Akrobaten, Sänger und Tänzer zu kontaktieren und flog nach Äthiopien, Kenia, Tansania, Südafrika, in den Sudan und in viele andere Länder. Den Künstler Waterman entdeckte ich auf einem Jahrmarkt in Ghana.

Zurück in Deutschland schnitt ich dann für Matthias Hoffmann eine Best-Of-DVD mit all meinen Videos zusammen. Er meinte, für diese Show bräuchten wir jemanden, dessen Name eine sehr starke Strahlkraft besitzt. So kam André Heller mit ins Spiel. Zuerst meinte er, das sei Unsinn, dafür könne er seinen Namen nicht hergeben.

Wie konnten Sie André Heller schließlich von Ihrer Idee überzeugen?

Ich sagte zu ihm: „Herr Heller, dies sind nur meine selbst gedrehten Videos. Wenn man diese Leute trainiert, wird dabei eine ganz besonderer Zirkus herauskommen“. Er ließ sich aber nicht überzeugen. Drei Wochen später rief Hoffmann mich wieder an: „Heller ist dabei!“ 2004 fing ich dann an, die Artisten, die Heller ausgesucht hatte, in meiner Schule in Tansania zu trainieren.

Nach acht Monaten brachte ich alle Mitwirkenden nach Deutschland, wo Heller und Hoffmann dann die Show inszenierten. „Afrika! Afrika!“ wurde auf Anhieb ein großer Hit und Hoffmann hatte seine Investitionen schnell wieder eingespielt. Inzwischen haben Hoffmann und Heller sich aus „Afrika! Afrika!“ zurückgezogen. Der bayerische Produzent Hubert Schober hat die Verantwortung beider Shows übernommen.

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