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Arbeitskreis will Aachens letzte „Hexe” rehabilitieren

Von: Gerald Eimer
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Kämpft für die Rehabilitieru
Kämpft für die Rehabilitierung mittelalterlicher Justizopfer: Hartmut Hegeler, evangelischer Pfarrer im Ruhestand aus Unna, zeigt auf diesem Foto sein Buch über Anton Praetorius (1560-1613), den ersten evangelischen Pfarrer, der gegen die Hexenverfolgung eintrat. Foto: epd

Aachen. Die Enttäuschung über Aachens Lokalpolitiker sitzt immer nocht tief. Er sei regelrecht „geschockt, dass die Aachener Politiker bis heute nicht ein Wort des Bedauerns über den Tod dieses 13-jährigen Mädchens ausgesprochen haben”, sagt Hartmut Hegeler. „Das sitzt mir im Magen.”

Hegeler, pensionierter Pfarrer aus Unna, gehört zu den Wortführern des „Arbeitskreises Hexenprozesse”, der sich deutschlandweit um die Aufarbeitung eines grausigen Kapitels der Geschichte bemüht und für die Rehabilitierung der unschuldig hingerichteten Opfer der Hexenprozesse einsetzt.

Der 65-Jährige spricht von einem „überfälligen Akt im Geiste der Erinnerung und Versöhnung”. Dass sich ausgerechnet eine Stadt, die sich um den Titel Kulturhauptstadt Europas mitbewirbt und die den Karlspreis vergibt, so schwer damit tut, geht ihm nicht in den Kopf.

Der Fall des namenlosen 13-jährigen Mädchens, das im Jahr 1649 als vermutlich letzte „Hexe” von Aachen lebendig verbrannt worden sein soll, hat Hegeler besonders schockiert. Dokumentiert ist sein Schicksal in den Aufzeichnungen des Aachener Jesuitenkollegs, auf die sich wiederum Hetty Kemmerich in ihrem Buch über die Hexenprozesse „Sagt, was ich gestehen soll”, stützt. Das Mädchen gehörte demnach zu einer vagabundierenden Familie, die möglicherweise auch kriminell war.

Das Waisenkind

Vier ihrer Brüder sollen zuvor in Holland aufs Rad gespannt und zu Tode gefoltert worden sein, ihr Vater und ein weiterer Bruder erlitten dieselbe Strafe in Aachen, die Mutter wurde auf der Flucht erschossen. Das durch die Stadt herumirrende Waisenkind erregte offenbar den Argwohn in der Bevölkerung. Unter dem Vorwurf der Giftmischerei wurde es zwei Monate nach der Hinrichtung des Vaters angeklagt und kurz darauf wegen Zauberei und Teufelsbuhlschaft zum Tode verurteilt. Sie wurde aus der Stadt herausgeführt und auf dem Richtplatz am Königshügel bei lebendigem Leib verbrannt.

Gedenktafel in Arbeit

Bis heute erinnert in Aachen nichts an dieses grausige Geschehen. Andreas Vogt, ein enger Freund Hegelers, der ebenfalls seit vielen Jahren vom Hexen-Thema fasziniert ist, wollte das nicht länger hinnehmen. Im vergangenen Juli hat er offiziell einen Antrag auf die Rehabilitierung des Mädchens und der weiteren als Hexen verbrannten Frauen in Aachen gestellt. Mehrere Aachener unterstützten ihn bei diesem Vorhaben, darunter das Frauennetzwerk und der Künstler Pierre Habets.

Doch die Stadt tut sich bislang schwer. Eine Gedenktafel ist derzeit zwar in Arbeit, doch zu einer moralischen Rehabilitierung mochte sich niemand durchringen. Dazu gebe es auch keinen Anlass, sagt Dietmar Kottmann, der den Antrag für die Stadt juristisch bewertet und bearbeitet hat. Angehörige, denen damit geholfen wäre, sind nicht bekannt. Und ansonsten zweifele ohnehin „praktisch niemand mehr daran, dass der damalige Strafvorwurf einer angeblichen Hexerei oder Zauberei naturwissenschaftlicher Unsinn und juristisch gesehen krasses Unrecht war”.

Doch genau diese Aussage hat sich Vogt erhofft: „Das ist in 350 Jahren nie gesagt worden. Ich verstehe nicht, wo das Problem ist.” Es kostet noch nicht mal etwas, fügt Hegeler hinzu. Und vor allem: Andere Städte gehen deutlich offensiver mit dem Thema um.

Alleine im Jahr 2011 haben mit Rüthen, Hilchenbach, Hallenberg, Düsseldorf und Menden fünf nordrhein-westfälische Städte die als Hexen verbrannten Opfer nachträglich rehabilitiert und für unschuldig erklärt.

Weitere Anträge werden in Köln, Sundern, Freudenberg, Wernigerode, Rheinbach, Bad Belzig, Bad Homburg, Rheda-Wiedenbrück, Recklinghausen und Werl bearbeitet. Man muss von einem echten Trend sprechen. Einem Trend, an dem Hegeler maßgeblich beteiligt ist.

Als er noch Religion am Berufskolleg unterrichtete, hätten ihn seine Schüler gedrängt, über die Hexenprozesse zu sprechen. „Ich habe mich zunächst nur widerwillige darauf eingelassen”, sagt der evangelische Pfarrer. Doch je mehr er sich in die Forschung einlas, umso fassungsloser wurde er. Er habe bis dahin keine Ahnung gehabt, dass auch Männer und Kinder unter den Opfern waren, dass Todesurteile in aller Regel von weltlichen Gerichten gesprochen wurden, und dass die Schwerpunkte der Hexenprozesse in evangelischen Gebieten lagen.

„Damals hat es mich gepackt, ich wollte mich auf den neuesten Stand bringen.” Vor gut elf Jahren hat er damit sein Thema gefunden, zu dem er inzwischen selber Aufsätze und Bücher beiträgt.

Sein wichtigstes ist eine Biographie über Anton Praetorius (1560 bis 1613), evangelischer Pfarrer und engagierter Kämpfer gegen Folter und Hexenprozesse. Nach ihm hat er auch seine Webseite www.anton-praetorius.de benannt, auf der er ebenfalls für die Rehabilitierung mittelalterlicher Justizopfer kämpft.

Mit den „Bläck Fööss”

Ganz aktuell hofft er auf ein klärendes Wort des Kölner Kardinals Joachim Meisner über Katharina Henoth, die 1627 als Hexe erst erdrosselt und dann verbrannt wurde. Die „Bläck Fööss” haben ihr ein Lied gewidmet, nun setzen sie sich gemeinsam mit Hegeler für ihre Rehabilitierung ein.

Ist dieser Einsatz nach all den Jahrhunderten wirklich nötig? Hegelers Antwort ist eindeutig: „Man sieht in vielem, was damals passierte, auch Parallelen zu heute.” Falsche Beschuldigungen und Gewalt gegen Andersdenkende oder Andersgläubige gebe es bis heute. Und Sündenböcke werden auch heute noch gesucht. „Daran muss man erinnern.”

Und mit einer Rehabilitierung könnte die Stadt Aachen auch heute noch ein Signal gegen Gewalt, Mobbing und Ausgrenzung von Minderheiten setzen, findet er.
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