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Arbeiten gehen, Deutsch pauken: Zwei Flüchtlinge starten durch

Von: Margot Gasper
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In Aachen angekommen: Seit einigen Monaten kellnert Hasan Aldouba (rechts) im Café Madrid in der Pontstraße. Sein Freund Mohammed Alraee trägt Zeitungen aus. Foto: Heike Lachmann
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Dr. Gisela Werner kümmert sich seit anderthalb Jahren um die beiden Flüchtlinge. Foto: Heike Lachmann

Aachen. Es ist jetzt gut ein Jahr her, da saß ein junger Mann in Aachen und wartete verzweifelt auf Post vom Amt. Mohammed Alraee aus dem syrischen Aleppo hatte die gefährliche Flucht über die Balkanroute geschafft, die Zeit in verschiedenen Notunterkünften hinter sich gebracht, war in Aachen angekommen und hatte sogar zusammen mit einem Freund eine kleine Wohnung gefunden.

Aber offiziell gab es Mohammed Alraee in Deutschland überhaupt nicht. Der damals 20-Jährige war einer von 3800 Flüchtlingen, die der Städteregion Aachen zwar offiziell zugewiesen, aber nicht registriert waren. Irgendwo zwischen Passau, wo er in die Bundesrepublik einreiste, und dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) waren seine Unterlagen verloren gegangen.

Folglich kam keine Post vom Amt, es gab keinen Anhörungstermin und keine Entscheidung über sein Asylersuchen. Die „Nachrichten“ berichteten damals über Alraee und über seinen Freund Hasan Aldouba, der mit ihm nach Deutschland gekommen war, aber schon längst seinen Aufenthaltstitel hatte, einen Deutschkurs besuchte und Pläne für die Zukunft schmieden konnte.

Ein Jahr später hat sich viel getan. Seit Ende August 2016 hat auch Mohammed Alraee die ersehnten Papiere, die ihm den Aufenthalt in Aachen ermöglichen. Damit konnte auch er – verspätet zwar – durchstarten und einen Sprachkurs belegen. Es ist wirklich bemerkenswert, wie gut die jungen Männer, beide Jahrgang 1995, mittlerweile Deutsch sprechen.

Nächste Hürde: Sprachprüfung

Dass sie die Sprache so erfolgreich gelernt haben, hat ihnen Selbstvertrauen gegeben – auch mit Blick auf ihre berufliche Zukunft. Vor der Flucht aus Aleppo hatten sie bereits zwei Jahre lang an der dortigen Universität studiert, Mohammed Alraee mit dem Berufsziel Ingenieur für Umwelttechnik, Hasan Aldouba mit dem Berufsziel Ingenieur Biotechnologie. Nun möchten sie ab Herbst 2018 wieder studieren, am liebsten an der Fachhochschule Aachen. Die nächste Hürde, die sie dafür nehmen müssen, ist die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang (DSH-Examen).

Für junge Leute, die gerade einmal zwei Jahre in Deutschland leben, haben Mohammed Alraee und Hasan Aldouba schon einen ganz guten Einblick gewonnen, wie die Arbeitswelt hierzulande tickt. Sie haben Praktika absolviert, Mohammed Alraee zum Beispiel beim Theater Aachen. Sie haben auch ein Bewerbungsverfahren durchlaufen.

Unsicher, ob sie es in Deutschland an eine Hochschule schaffen, hatten sich die Freunde vergangenes Jahr am Uniklinikum um eine Ausbildung zum Anästhesietechnischen Assistenten beworben. Die Ausbildung haben sie nicht bekommen. Aber sie schafften es immerhin bis zum Vorstellungsgespräch und ins Assessment-Center, wo aussichtsreichen Bewerbern auf den Zahn gefühlt wird.

Seit einigen Monaten haben beide einen Job. Mohammed Alraee trägt Zeitungen aus, Hasan Aldouba kellnert im Café Madrid in der Pontstraße. „Ich hatte vorher noch nie in der Gastronomie gearbeitet“, sagt er. „Und meine Probeschicht war sehr peinlich. Zwei bis drei Mal sind Getränke auf die Gäste gefallen.“ Mit dem Job hat es trotzdem geklappt.

Und mit vielen seiner Kollegen aus dem Lokal ist er heute auch befreundet. Vom Verdienst geht bei beiden ein Großteil ans Jobcenter. Die Arbeit ist ihnen aber wichtig. „Ich fühle mich verloren, wenn ich nur zu Hause sitze“, sagt Hasan Aldouba. „Und jetzt, wo wir arbeiten dürfen, würden wir uns schämen, nicht zu arbeiten“, sagt sein Freund Mohammed. „Wir wollen etwas zurückgeben.“

Zu den Freunden und Unterstützern der jungen Syrer gehört auch weiterhin Dr. Gisela Werner. Die Aachener Psychologin hatte die Flüchtlinge ganz zufällig kennengelernt und kümmert sich noch heute um sie. Auch ihrer Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, dass Mohammed Alraee schließlich doch relativ zügig als Flüchtling registriert wurde. „Denn ohne Registrierung kein Aufenthaltsstatus, kein Sprachkurs und keine Chance auf Ausbildung“, sagt Werner.

Mit Hochachtung verfolgt sie, wie selbstständig ihre beiden Schützlinge mittlerweile ihr Leben in Aachen organisieren und kaum mehr Hilfe brauchen bei Kontakten mit Jobcenter, Ausländeramt, Arbeitgeber, Krankenkasse, Vermieter, Ärzten und Bildungseinrichtungen. Wer jemals im Ausland gelebt hat, weiß, wie schwierig zum Beispiel Telefonate in einer anderen Sprache sind.

Die beiden Syrer haben in Aachen mittlerweile viele Freunde und sind gut vernetzt. Aachen ist vielleicht nicht Heimat, aber doch ein Stück Zuhause geworden. Alles gut also? Das wohl nicht. „Ich fühle mich besser als vor einem Jahr“, sagt Mohammed Alraee. „Und die Leute in Aachen sind wirklich sehr nett. Aber ich denke immer an meine Familie, und das ist sehr schwer.“

Sein großer Bruder, der nicht in der Armee von Machthaber Assad auf das eigene Volk schießen wollte, hat sich dieser Tage erst nach langer Flucht über die Grenze in die Türkei retten können. Seine Mutter aber und die beiden jüngeren Schwestern harren noch im kriegszerstörten Aleppo aus. Mohammed Alraee hat Angst um sie – jeden einzelnen Tag.

Hasan Aldouba hat seine Familie schon seit vier Jahren nicht mehr gesehen. Die Angehörigen flohen bereits vor sechs Jahren in den Libanon. „Ich möchte sie gerne besuchen“, sagt er. „Aber ich weiß nicht, ob das klappt.“

Was wäre ihr allergrößter Wunsch? Über die Frage müssen die beiden jungen Männer überhaupt nicht nachdenken. „Die Familie wiedersehen! Die Familie nach Deutschland nachholen!“

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