Anto­niusstraße: Polizei von Politikern schwer enttäuscht

Von: Gerald Eimer
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Aufbruch oder Stillstand: Darüber haben heute die Politiker zu entscheiden, die sich im Stadtrat mit dem „Altstadtquartier Büchel“ und der Zukunft der Rotlichtmeile Antoniusstraße (Bildmitte) befassen werden. Über die Frage nach dem richtigen Standort für die Bordellbetriebe ist derweil ein offener Zwist zwischen Politik und Polizeiführung zutage getreten. Foto: Manfred Kistermann
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Werben vor der Presse erneut für eine Verlagerung der Rotlichtszene an den Stadtrand: Polizeipräsident Dirk Weinspach (2.v.l.) und seine Sicherheitsexperten. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Das Verhältnis zwischen der Aachener Polizei und den Entscheidungsträgern der örtlichen Politik muss derzeit mindestens als angespannt bezeichnet werden.

Dies hat Polizeipräsident Dirk Weinspach auf einer weiteren Pressekonferenz zum Thema Anto­niusstraße am Dienstag deutlich gemacht, in der er den Wortführern der Ratsfraktionen mangelnde Gesprächsbereitschaft über die Situation in der Rotlichtmeile vorwarf. „Wir können einen wesentlichen Beitrag zu den Sicherheitsfragen leisten, damit die Politik fundiert entscheiden kann. Wir wollen gehört werden und fordern das ein“, erklärte er.

Weinspach spielt damit auf den Brief an, den er am 22. Mai an Oberbürgermeister Marcel Philipp geschickt hat und in dem er sich aus polizeilicher Sicht klar für eine Verlagerung der Bordellszene aus der Innenstadt in ein Gewerbegebiet ausgesprochen hat. Es habe daraufhin keinen einzigen Gesprächswunsch seitens der Politiker gegeben, zeigte sich Weins­pach am Dienstag verärgert.

Stattdessen habe er alle Reaktionen nur in der Presse nachlesen können – bis hin zum „Nachrichten“-Bericht am vergangenen Samstag, dem zu entnehmen war, dass in der Ratssitzung am  Mittwoch ein Grundsatzbeschluss zur Zukunft der Antonius­straße gefasst werden soll. „Das hat für starke Irritationen bei den Kollegen gesorgt“, sagt Weinspach. „Wir wollten intensiv ins Gespräch kommen“, dazu aber sei es bis heute nicht gekommen. Um so wichtiger war ihm der kurzfristig angesetzte Pressetermin, mit dem er sich innerhalb von drei Wochen zum zweiten Mal zur Antonius­straße zu Wort meldet.

Einen Tag vor der Ratssitzung zeigt das in aller Deutlichkeit, wie tief der Frust in Reihen der Ordnungskräfte offenbar sitzt. Dies machten auch seine Sicherheitsexperten Helmut Lennartz und Wilhelm Sauer deutlich, die unter anderem beklagten, in den zurückliegenden Jahren lediglich in Detailfragen zur Antoniusstraße einbezogen worden zu sein. Nie aber hätten sie Gelegenheit gehabt, die Gesamtsituation in Frage zu stellen und ihre sicherheitspolitische Sicht darzulegen.

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Gegenargumente seitens der Politiker, wonach die Polizei doch seit Jahren in viele Gesprächsrunden eingebunden gewesen sei und reichlich Gelegenheit für Stellungnahmen gehabt habe, weist Weins­pach zurück: „Wir haben keine Bringschuld, die Politik hat eine Holschuld, damit sie eine Entscheidungsgrundlage hat.“ Und er fügt hinzu: „Wir sind nicht die kompetenteren Stadtplaner, aber wir müssen die Fehler ausbaden, die durch eine verfehlte Stadtplanung entstehen.“

Eben dies sei auch der Grund, warum die Polizei sich am Dienstag erneut „hartnäckig“ zu Wort meldete, wie Lennartz unterstrich. Denn mit den Planungen für das „Altstadtquartier Büchel“ inklusive der Bordellbetriebe werde eine Grundsatzentscheidung getroffen, die sich noch lange auf das Leben der Menschen im Innenstadtbereich auswirken werde. „Wir zementieren Probleme über Jahrzehnte“, so Sauer, „davor wollen wir warnen.“

Aus Sicht der Polizei kann es nach den jetzigen Vorgaben kaum gelingen, das Altstadtquartier nachhaltig aufzuhübschen. „Bürgerliche Idylle und zehn Meter daneben Rotlichtbereich – das funktioniert nicht“, sagt Weinspach. Er nannte nochmals die drei Hauptgründe, die für eine Auslagerung an den Stadtrand sprächen.

Erstens: Die Bordellstraße werde immer Kriminalitätsschwerpunkt sein, sie ziehe Kriminelle und Opfer gleichermaßen an. Zweitens: Das Rotlichtviertel strahle auf das Umfeld aus, befördere organisierte Kriminalität und illegale Prostitution in Bars und Wohnungen in den Nebenstraßen. Drittens: Der nach jetzigem Planungsstand geplante „abgeschottete und blickdichte“ im Umfeld des Laufhaus-Bordells erschwere die Einsatzmöglichkeiten der Polizei und gefährde auch die Kollegen.

Auch Weinspach und seine Kollegen wissen, dass diese Probleme mit einem Bordell am Stadtrand nicht aus der Welt wären. Aber sie wären leichter lösbar, sind sie überzeugt. Man müsse auch dort genau schauen, wer der Betreiber ist und wer den Sicherheitsdienst stellt, betont Weinspach, der damit auch auf Bedenken seitens der Staatsanwaltschaft reagiert, die sich eher gegen eine Auslagerung ausspricht, weil sie dann erst recht aufflammende Revierkämpfe der einschlägigen Rockerbanden erwartet.

Und auch das Argument, dass die Sexarbeiterinnen ihrem Job in der Innenstadt sicherer nachgehen könnten als in einem Gewerbegebiet, lässt Weinspach nicht gelten. Die geplante Abschottung des Laufhauses halte die meist osteuropäischen Frauen auch in der Innenstadt unter Kontrolle. Sprachprobleme und der ständige Wechsel der Frauen mache es Hilfseinrichtungen ohnehin schwer, das Vertrauen der Prostituierten zu gewinnen und ihnen Ausstiegsmöglichkeiten aufzuzeigen.

„Eine Auslagerung würde die Situation der Frauen aus unserer Sicht nicht verschlechtern“, sagt auch Walter Pabich von der Direktion Kriminalität und zuständig für den Bereich Prostitution und Menschenhandel.

Als Zuhörer wollen Weinspach und seine Mannen heute auch die Diskussion im Rat verfolgen. Alles deutet darauf hin, dass die Politik dem Ansinnen der Polizei nicht folgen wird. Mit großer Mehrheit haben sich die Fraktionen von CDU, SPD, Grünen, Linken und Piraten längst entschieden, den vor zwei Jahren eingeleiteten Städtebauwettbewerb nicht zu gefährden und dem Altstadtquartier endlich zu neuer Blüte zu verhelfen. Nach Stand der Dinge kann das zeitnah nur samt Puff gelingen.

Der Polizei bleibt dann die Chance, sich im weiteren Anhörungsverfahren zu äußern. „Wir werden im förmlichen Verfahren unsere Rolle spielen“, kündigt Weinspach an. Trotz der derzeit mangelhaft ausgeprägten Kommunikationskultur werde man auch „suboptimale Lösungen“ mitgestalten.

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