Am Ende war der Jürgen den Tränen nahe

Von: Jan Mönch
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Linden
Jürgen Linden neben dem stellvertretenden Chefredakteur dieser Zeitung, Bernd Büttgens. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Als Ägid Lennartz die letzten Töne auf dem Piano erklingen ließ, als die Stimmung auf dem Marktplatz langsam besinnlich wurde und als Jürgen Linden sich in inniger Umarmung mit Gitta Haller dem Marktplatz präsentierte, da fiel so etwas wie ein Schlüsselsatz des Abends. „Ich kannte den Jürgen schon, da war er noch so klein”, entfuhr es der Grande Dame des Öcher Platt unversehens und mit der Hand auf Hüfthöhe.

Und auch wer vom stolzen Alter einer Gitta Haller (Jahrgang 1928) noch ein Stückchen entfernt ist, der konnte nachfühlen, was die Sängerin bewegte: Man muss schon eine Weile im Gedächtnis kramen, um sich an ein Aachen ohne Jürgen Linden zu erinnern, und es wird eine Weile dauern, sich an ein Aachen ohne Jürgen Linden zu gewöhnen.

„Sein Name ist zum Synonym für seinen Posten geworden”, hatten zuvor die Moderatoren Uwe Brandt, lange Jahre die rechte Hand von Jürgen Linden, und Bernd Büttgens, stellvertretender Chefredakteur der „Nachrichten”, festgestellt. Trotzdem hieß es am Samstagabend im Rahmen des September Specials: „Tschö Jürgen, vöölmoels Merssi” - eine Stadt verabschiedete sich nach 20 Jahren von ihrem Oberbürgermeister.

Keine großen Reden von wichtigen Leuten hatte dieser sich gewünscht, sondern einen Abend, an dem jeder seinen Spaß hat. Was selbstredend nur teilweise erfüllt wurde. Denn während „große Reden” tatsächlich ausblieben, hatten die Macher „wichtige Personen” noch und nöcher ins Programm gehievt. Unter den wachenden Blicken der Rathausgarde Öcher Duemjroefe zählten dazu Jupp Ebert, Hein Engelhardt, die Stadtgarde Oecher Penn, die 4 Amigos, die Wheels - die Liste war zu lang, um jedem gerecht zu werden.

Oft dominierte augenzwinkernder Humor, wenn ein Jürgen B. Hausmann ankündigte, „ein Gedicht kompostiert” zu haben, und loslegte: „Wenn ich Sie sah vor ihrem Rathaus / lief die Erotik ihnen aus den Ohren heraus.” Oder als Lästermaul Heini Mercks Aachens erstem Bürger „das Aussehen eines italienischen Grafs” und „den Charme eines spanischen Toreros” bescheinigte.

Doch nicht nur als Öcher durch und durch, sondern auch als großer Verfechter des europäischen Gedankens hatte Linden sich stets gegeben. Diesem Spagat wurde entsprochen mit dem per Telefon zugeschalteten Karlspreisträger Pat Cox. „A wonderful European” lobte der ehemalige Präsident des Europäischen Parlaments seinen einstigen Gastgeber.

Von weit her kam auch das von Brandt und Büttgens verlesene Grußwort von Bernhard Paul, Direktor des derzeit in Wien gastierenden Circus Roncalli: „Wenn wir andernorts unter der Bürokratie leiden, vermissen wir die Aachener Grundhaltung.”

Nachdenkliche Töne schließlich waren zuweilen zu hören, wenn Jürgen Linden selbst im Interview zu Wort kam. Glücklich sei er, „Friede, Freiheit und Wohlstand” erlebt zu haben - was der Verdienst eines zusammenwachsenden Europas sei. „Frieden ist alles, ohne Frieden ist alles nichts.”

Gewaltiger Andrang

Auch des gewaltigen Andrangs wegen musste man sich im Verlauf des rund 180-minütigen Programms immer wieder in Erinnerung rufen, dass im Windschatten des Rathauses ein Vertreter des so unbeliebten Politikerberufs verabschiedet wurde.

Woher all die Emotionen? Einige Antworten lieferten per Videoleinwand eingespielte Stimmen aus dem Volk. Als „nicht so abgehoben” hat ein Öcher mittleren Alters den OB 20 Jahre lang erlebt. Ein Rentner lobte: „Ein ganz feiner Mann.” „Sehr fürsorglich”, befand gar eine Schülerin. Etwas weniger wohlwollend brummelte nichtsdestotrotz ein Vierter: „Hoffentlich wird der Nächste besser.”

„Der Nächste” ist Christdemokrat Marcel Philipp, der bekannte: „Es wird eine Herausforderung und zugleich eine Ehre sein, in die Fußstapfen von Jürgen Linden zu treten.” Womit Philipp auch Bernd Büttgens bestätigte, der mit einem „professionellen, fast freundschaftlichen Amtswechsel” rechnet.

Die letzten Worte freilich gehörten Jürgen Linden, der auch angesichts der abertausend Taschentücher, mit denen das Publikum winkte, den Tränen nahe war - er richtete sie an die Aachener und widmete sie seinem Nachfolger: „Ich bitte Sie alle, den neuen Oberbürgermeister so zu unterstützen, wie Sie mich unterstützt haben. Das ist unsere Stadt, und sie soll eine gute Zukunft haben.”
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