Aachen - Altlastensanierung: Nachbarn von Philips in Sorge

Altlastensanierung: Nachbarn von Philips in Sorge

Von: Werner Czempas
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90 Anwohner und Eltern verfolg
90 Anwohner und Eltern verfolgten die Informationsveranstaltung zur Altlastensanierung bei Philips. Ihre Ängste und Sorgen konnten Vertreter der Stadt und des Unternehmens ihnen nicht nehmen. Foto: Ralf Roeger

Aachen. In Rothe Erde geht die Angst um. Tränen fließen. Mochten auch die Gutachter und Fachleute der Stadt in der Bürgerversammlung zur Altlastensanierung des Philips Industrieparks Rothe Erde ein ums andere Mal versichern, dass keinerlei Gefahren von den Sanierungsmaßnahmen zu erwarten sind, die Bürger sind verunsichert und voller Sorgen.

Über Jahrzehnte drangen auf dem Philips-Gelände gesundheitsgefährdende (auch krebserregende) Leichtflüchtige Chlorierte Kohlenwasserstoffe (LCKW) in Boden und Grundwasser. Vom Grundwasser geht laut Experten keine Gefahr aus, da es weder auf dem Philips-Areal noch auf den Grundstücken der Anwohner genutzt wird. Auf der ersten Sanierungsfläche direkt neben der Kindertagesstätte an der Weißwasserstraße und unweit von Wohnhäusern an der Hütten- und der Weißwasserstraße werden fünf Meter tief 16 000 Tonnen kontaminierter Boden ausgebaggert. Die Vorarbeiten beginnen nach bisherigem Plan im Februar 2012, die Erdarbeiten ab Ostern bis Ende Sommerferien.

Mit Staub, Erschütterungen und Lärm sowie nicht auzuschließenden Geruchsbelästigungen ist zu rechnen. Spezielle vier Meter hohe mobile Schallschutzwände werden aufgestellt. Die Ladungen der Lastwagen werden mit Planen abgedeckt. Für den Abtransport der Schadstoffe bleibt die Hüttenstraße gesperrt: Ein- und Ausfahrt der Lkw erfolgt über Lilienstraße (Philips-Gelände), Eisenbahnweg, Madrider Ring, zur Autobahn, Endziel Deponie.

Bei der Bürger-Informationsveranstaltung in der Grundschule Barbarastraße folgten knapp 90 Anwohner und viele Väter und Mütter und die Erzieherinnen der Kinder aus der Kindertagesstätte Weißwasserstraße gespannt den Vorträgen der Experten. In der anschließenden Diskussion meldeten sie sich zahlreich zu Wort.

„Plötzlich alles so schnell”

„Ich bin nach dem Gehörten weder beruhigt, noch habe ich Vertrauen. Mein Eindruck im Moment ist, dass ich meine Tochter als erstes aus der Kindertagesstätte abmelde”, eröffnete ein junger Vater die Runde. „Ich bin jetzt überhaupt nicht entspannt, ich fühle mich nicht sicher”, bekannte ein anderer. „Wie bekomme ich mein Kind da raus?”, beschrieb ein Vater die Ungewissheit.

„Ist die Situation nun schlimm oder ist sie es nicht? Ich verstehe das Ganze nicht mehr”, bekannte sich der frühere Ratsherr Heinz Pesch wie viele andere als ratlos. Wie tief die Betroffenheit und die Ängste sitzen, wurde klar, als eine junge Mutter mit tränenerstickter Stimme klagte: „Wenn ich sechs Wochen unter Erschütterungen und Lärm zu leiden habe, ist mir das egal. Mir ist aber nicht egal, wenn mein Kind in 20 Jahren Krebs hat.”

Immer wieder fragten die Eltern, warum „plötzlich alles so schnell” geschehen müsse und warum sich die Stadt nicht „von vornherein” für eine komplette Verlagerung der Kindertagesstätte entschlossen habe. Adelheid Grünwald, kommissarische Leiterin der für die Kindertagesstätten zuständigen städtischen Fachabteilung, drückte ihre Kritik vorsichtig aus: „Ich vermisse ein wenig, dass jemand auf uns als Fachbereich zukommt.” Der sei bislang nicht angesprochen worden. Jetzt habe er die „Arschkarte”, denn es sei nicht möglich, auf die Schnelle neue Räume für eine Kindertagesstätte zu organisieren. Die Ausstattung von Containern mit sanitären Anlagen und Leitungen für Strom und anderes dauere mindestens ein halbes Jahr, wobei noch völlig unklar sei, wo sie aufgestellt werden könnten.

Herbert Hilgers als Leiter der Unteren Bodenschutzbehörde im städtischen Fachbereich Umwelt und Manager Stefan Remmert vom sanierungspflichtigen Unternehmen Philips reagierten wie bislang schon in allen öffentlichen Veranstaltungen offen auf die sich zuspitzende Kritik. Am Ende fasste Hilgers zusammen: „Es sind noch viele Sorgen übrig geblieben. Aber wir werden in weiteren Beratungen unsere ganzen Bemühungen daransetzen, Ihnen die Sorgen zu nehmen.” Remmert versicherte für Philips: „Wir brechen keine Maßnahme übers Knie. Wir stehen unter keinem zeitlichen Druck. Brauchen wir mehr Zeit, nehmen wir die uns auch.”

Zur Zeit gebe es, so Hilgers, noch keine endgültige Lösung. Im Januar komme es zu einer weiteren Besprechung mit allen Gutachtern, Vertretern von Philips und allen betroffenen Fachbereichen der Stadt. Entscheidungen würden dann „hier in gleicher Runde nochmals vorgestellt”, versprach Hilgers. Auch die Frage einer Verlagerung der Kindertagesstätte werde „sicherlich erörtert und ernsthaft in die Überlegungen” einbezogen. Keineswegs sei es eine Frage der Kosten.

Remmert bestätigte: „Philips ist bereit, sämtliche Anforderungen zu erfüllen. Das ist für uns selbstverständlich.” „Wir gehen auf Nummer sicher”, bekräftigte Heinz-Peter Thelen vom Sachverständigenbüro Tauw. Und nochmals versicherte Hilgers: „Derzeit und während der Sanierung ist niemand gefährdet, das ist sicher auszuschließen.”

Doch es bleibt die Angst. Auch Kerstin Löhrer, Leiterin der Kindertagesstätte mit 16 Mitarbeiterinnen und 50 Kindern, bekannte: „Ich war bisher immer entspannt. Aber nach diesem Abend bin ich innerlich unruhig.” Sie könne die Verantwortung nicht übernehmen, wenn ein Alarmruf komme, in der Kindertagesstätte die Fenster dicht zu machen.
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