Alte Nadelfabrik fordert ihren Preis

Von: Gerald Eimer
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Schleierhafte Kostensteigerung: Knapp 400.000 Euro sollen nachträglich für den Umbau der alten Nadelfabrik am Reichsweg bewilligt werden. Damit bewegen sich die Baukosten schon jetzt auf elf Millionen Euro zu. Viele Politiker fürchten, dass das noch nicht das Ende ist. Foto: Harald Krömer

Aachen. Die erheblichen Kostensteigerungen beim Umbau der alten Rheinnadel-Fabrik zum Haus der Identität und Integration sind das Aufreger-Thema der Woche. Knapp 400.000 Euro sollen die Fraktionen am Mittwoch nachträglich bewilligen.

Zu viel für die FDP, die als einstige Befürworterin nun die Kehrtwende vollzieht und gegen die überplanmäßigen Ausgaben stimmen wird. So konsequent sind die anderen Fraktionen nicht, doch schwer verärgert reagieren auch sie.

„Unsere Befürchtungen haben sich bewahrheitet”, sagt CDU-Faraktionschef Harald Baal, dessen Partei das Projekt im Aachener Osten von Anfang an skeptisch verfolgt hat und der nun ebenfalls alles andere als begeistert über die Kostenentwicklung ist.

„Fass ohne Boden”

10,3 Millionen Euro waren einst für den Umbau der Nadelfabrik am Reichsweg veranschlagt - dafür sollen dort unter anderem das Stadtarchiv und zahlreiche Vereine aus den Bereichen Kultur, Sport und Bildung unterkommen. Das Haus soll eine wichtige Anlaufstelle für Migranten werden und das Ostviertel bereichern. Mittel fließen dafür auch aus Düsseldorf in die Stadtteilerneuerung. Doch ob sich das alles wie geplant rechnet, ist längst nicht ausgemacht. Bereits im Dezember konnten die Ratsleute einer Verwaltungsvorlage entnehmen, dass weitere Kostensteigerungen zu erwarten sind, damals war noch von rund 605.000 Euro die Rede.

Im Hauptausschuss (Mittwoch ab 16 Uhr, Rathaus) und wenig später im Rat (ab 17 Uhr) geht es zwar offiziell „nur” noch um knapp 400.000 Euro, doch längst haben viele Politiker die Befürchtung, dass dies nicht das Ende ist. Von einem „Fass ohne Boden” spricht bereits FDP-Fraktionsgeschäftsführerin Sigrid Moselage, die von der Verwaltung ein Ende der „Salamitaktik” fordert. Die wahren Kosten dürften nicht länger nur scheibchenweise ans Licht kommen. „Jetzt muss alles auf den Tisch”, fordert sie.

Jeder wisse, dass solch alte Industrie-Immobilien Überraschungen bergen, sagt Partteifreundin Ruth Crumbach-Trommler. Daher fragt sie sich, was die Gutachter eigentlich im Vorfeld untersucht hätten. Die mangelhafte Tragfähigkeit von Boden und Wänden, Schadstoffe im Boden, Asbest in den Wänden, die Winterbauheizung, die Lüftungsanlage im Boxgym - alles Dinge, von denen man vorher hätte wissen können, meint Crumbach-Trommler, die aber nun für die angeblich unvorhersehbaren Kostensteigerungen herhalten müssen.

Zugleich stellt sich für die FDP die Frage, ob nicht auch der Vorbesitzer und damit auch der langjährige Rheinnadel-Chef Klaus Pavel an den Kostensteigerungen beteiligt werden kann. „Wir wollen die Gutachten und die Verträge sehen”, fordern Moselage und Crumbach Trommler, „wir wollen wissen, wofür die Stadt, der Vorbesitzer und die Gutachter haften müssen.”

Diese rechtliche Klärung wollen auch CDU, SPD, Grüne und Linke von der Verwaltung einfordern. Denn in allen Fraktionen ist das Rätselraten groß, warum der Voreigentümer nicht stärker in die Pflicht genommen wird. Dies gilt auch für die Sicherungskosten des Objekts, in dem Pavel derzeit noch einige Räume nutzt. 100.000 Euro sind alleine für die Objektsicherung während der Bauzeit zusätzlich veranschlagt. Zumindest die FDP meint, dass der Mieter daran beteiligt werden müsse.

Hinterlassenschaft des Alt-OB

Eine Mehrheit wird am Mittwoch wohl „zähneknirschend” die Mehrkosten hinnehmen, die nicht nur CDU-Ratsvertreter als späte Hinterlassenschaft des früheren Oberbürgermeisters Jürgen Linden ansehen, der sich damals auch persönlich für das Haus der Identität und Integration stark gemacht hat. Ein Ausstieg aus dem Projekt aber sei nicht mehr möglich, weil bereits zu viel Geld geflossen ist. „Das ist das Ärgerliche, wenn man einmal zugestimmt hat”, meint Ellen Begolli, Linke, die von dem Gesamtkonzept jedoch nach wie vor überzeugt ist.

Sicher ist schon jetzt, dass die Stadt am Reichsweg nicht nur mit den Baukosten noch lange zu kämpfen haben wird. Denn die Folge- und Betriebskosten für das Haus sind bislang noch gar nicht beziffert.
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