Alles begann mit einer kleinen Sänger-Rebellion

Von: Martina Feldhaus
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Intensive Vorbereitung: Jeden Dienstag proben die Sängerinnen und Sänger in der Domsingschule. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Um ehrfürchtig zu werden, dazu fehlt Thomas Beaujean eigentlich die Zeit. Zu viel hat er in diesen Wochen um die Ohren: Proben, Konzerte, Akquirierung von Sponsoren, Vorbereitungen auf die Jubläumsveranstaltungen... Er steckt im „Hamsterrädchen“, sagt der Dirigent – und setzt ein verschmitztes Lächeln auf.

Trotzdem: 50 Jahre Cappella Aquensis, ein halbes Jahrhundert Chorgeschichte also, das ist schon eine beeindruckende Zahl. Und wer könnte besser davon erzählen als Beaujean, der den weit über Aachens Grenzen hinaus bekannten und renommierten Chor seit 36 Jahren leitet. Und der auch bei der Gründung dabei war, dieser höchst ungewöhnlichen Ende 1963.

Damals war Thomas Beaujean jugendliche 17 Jahre alt und hatte bis zu seinem Stimmbruch im Domchor gesungen, als der Aachener Domkapellmeister Professor Theodor Bernhard Rehmann überraschend starb. Die Bestürzung war groß. Dennoch reiste der Domchor nach Rom, um wie geplant die h-Moll Messe von Bach zu singen. Während der Reise, erinnert sich Beaujean, wurde bekannt, wer der Nachfolger Rehmanns werden sollte: Domvikar Dr. Rudolf Pohl.

Dann ging alles ganz schnell. Denn viele Frauen und Männer im Domchor waren nicht einverstanden mit dieser Berufung, fürchteten, dass Pohl den Knabenchor, mit dem er schon seit Jahren erfolgreich gearbeitet hatte, in der Chorhierarchie an die erste Stelle rücken und den gemischten Chor ins zweite Glied versetzen würde.

Aus Protest verließen 57 Sängerinnen und Sänger den Domchor, gründeten die Cappella Aquensis und fingen noch im selben Jahr in der David-Hansemann-Schule, dann in der Schule Beeckstraße an zu proben. Mit dem ersten Dirigenten hatte das abgespaltene Ensemble großes Glück. „Keinen geringerer als André Rieu, den Vater des Stargeigers, konnten sie verpflichten. Er leitete damals das Limburgische Sinfonieorchester“, erzählt Beaujean. Es folgten einige schwierige Anfangsjahre. Denn wegen seines eigenwilligen Weges wurde der Chor vor allem in Aachen nicht überall anerkannt.

Nach Gottesdienst-Auftritten im benachbarten Belgien und den Niederlanden, zahlreichen Hochämtern und einer ersten Schallplatten-Aufnahme in der Propsteikirche in Kornelimünster gelang es 1965, das erste A-cappella-Konzert in St. Nikolaus zu singen. Die Kirche wurde zum neuen Konzert- und Heimatort. Daraufhin folgte eine rasche und erfolgreiche Karriere mit Konzerten in Maastricht, Tongeren, Aachen und Umgebung, mit Reisen nach Paris und Reims. Bis im Oktober 1973 André Rieu seine Leitung bei Cappella Aquensis aus beruflichen Gründen niederlegte.

Eine schwierige Phase waren die Jahre bis Ende 1974, weiß Beaujean, der zu dieser Zeit in Köln Chor- und Orchesterleitung studierte. Eine Fusion mit dem Städtischen Chor scheiterte, wegen unterschiedlicher Auffassungen, wegen eines unterschiedlichen Repertoires. Als Interims-Dirigent sprang dann der spätere Domorganist Norbert Richtsteig ein. Mit Willi Eschweiler am Pult ging es ab 1975 wieder aufwärts. „Er kannte die Tradition der geistlichen Musik aus dem Domchor, war Leiter der Schola Cantorum St. Foillan und des Kirchenchores St. Barbara in Eilendorf. Er war vom Fach“, beschreibt Thomas Beaujean im Rückblick dessen Qualitäten.

Jetzt waren es nur noch knapp zwei Jahre, bis er selbst Anfang 1977 die Cappella Aquensis als neuer Leiter übernahm. „Ich suchte Ende 1976 einen Chor für das erste Weihnachtskonzert mit dem Aachener Kammerorchester“, erzählt der spätere langjährige Leiter der städtischen Musikschule. Die Aufführungen im Krönungssaal brachten dem Kammerchor und Cappella Aquensis, damals noch unter Eschweiler, viel Lob und Anerkennung. Im Januar darauf übernahm Beaujean schließlich die Leitung des seit 15 Jahren „abtrünnigen“ Chores.

„Am Anfang hatte ich schon so meine Schwierigkeiten“, erzählt der heutige Dirigent. „Ich hatte im Studium Chorreisen nach Lateinamerika und sonst in die Welt unternommen. Ich war jung, ehrgeizig und auch etwas ungeduldig.“ So quietschte und knackte es zwischen Chorsängern und neuem Leiter erstmal ein wenig, bis die Zusammenarbeit so richtig in Gang kam. Beaujean: „Der Chor musste sich zunächst an meine Vorstellungen von Pünktlichkeit und Disziplin gewöhnen.“

Heute kann er es kaum glauben, dass man sich einmal schwer tat. Die 50-köpfige Cappella ist im Chorfach zu einem der Aushängeschilder der Stadt Aachen geworden. Seit den 80er Jahren erweiterte sich das Repertoire stets, von A-cappella-Konzerten und Hochämtern auf Motetten, Orchestermessen und Oratorien – seit 2008 ist die weltliche Chormusik ein fester Bestandteil. Gerne erinnert sich Beaujean daran, wie auch schwierigste Werk wie Händels Psalmvertonung „Dixit Dominus“ in kürzester Zeit einstudiert wurden. Ein erster spektakulärer Erfolg war das Konzert mit Händels „Messias“ in St. Paul und kurz darauf in St. Nikolaus.

Ebenfalls nachhaltig geprägt haben die Konzertreisen nach Nizza und die dortigen Aufführungen von Bachs „Hoher Messe in h-Moll“ sowie Beethovens „Missa Solemnis“ (Dirigent Jeffrey Tate), wo Beaujean im Chor mitsang und erstmals die Leitung aus der Hand gab. „‚Missa Solemnis‘ ist eigentlich unsingbar. Ohne Nizza hätten wir uns da vielleicht nie dran getraut“, sagt er.

Aber auch Auftritte in Aachen sind für Cappella Aquensis echte Höhepunkte gewesen, etwa die Aufführungen von „Missa“ 1988 und 2002, der Katholikentag mit Werken von Francis Poulenc und Frank Martin 1986 oder 1993 das Requiem von Verdi im Aachener Dom. Denn nach und nach kehrte die „geächtete“ Cappella wieder an den ursprünglichen Ort ihres Wirkens zurück, vertritt heute dort regelmäßig den Domchor.

Alte Gräben gibt es nicht mehr

Die alten Gräben sind längst zugeschaufelt. Und Thomas Beaujean ist froh darüber. Über die Spaltung von damals darf zum 50-jährigen Jubiläum geschmunzelt werden. So ist es nicht verwunderlich, dass die Jubiläumskonzerte im Juni in St. Michael und im Aachener Dom stattfinden. Beaujean liebt die Atmosphäre dort. „Die Aura erinnert mich immer ein wenig an meine Zeit als Chorknabe.“

Für den Chorleiter ist Cappella Aquensis längst mehr als nur ein Chor. Er ist ein großer Teil seines Lebens, „die längste Beziehung, die ich je hatte“, sagt er lachend. Intensiv sind auch jetzt die letzten Wochen vor dem Requiem op. 89 von Antonín Dvorak am 1. Juni. „Die Proben sind derzeit sehr zeitaufwendig.“ Aber genau das ist es, was Beaujean liebt. Und was ihn trotz mancher Gedanken ans Aufhören stets dabei bleiben ließ.

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