Aachen - Alle skandierten: Abschalten, abschalten

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Alle skandierten: Abschalten, abschalten

Von: Heiner Hautermans
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Der Andrang war über die Maßen groß: Mehr als 400 Menschen nahmen am Montag ab 18 Uhr an der Anti-Atom-Kundgebung vor dem Elisenbrunnen teil. Sie bildeten einen bunten Querschnitt durch die Bevölkerung - jung und alt, alternativ und etabliert. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Es war wie ein Zeitsprung in die 1970er und 1980er Jahre, der Hoch-Zeit der Anti-Atomkraft-Bewegung. Und sogar die Fähnchen und Aufkleber mit der lachenden Sonne in der Mitte und der Aufschrift „Atomkraft? Nein Danke” waren die gleichen, wenn nicht gar dieselben wie damals. Und doch war etwas anders.

Rund 400 Menschen kamen am Montag zur Anti-Atom-Mahnwache auf den Friedrich-Wilhelm-Platz, mehr als gedacht. Ursprünglich sollte die Veranstaltung in der Rotunde stattfinden, doch die hätte gar nicht ausgereicht - die Menschen standen bis zur Bushaltestelle. „Es sind viele Leute darunter, die man sonst nie sieht”, sinnierte der Alt-Grüne Achim Ferrari. Einige auch, die schon damals demonstriert haben und jetzt ihre Kinder mitbrachten.

Drei Generationen

Familie Reutters etwa war mit den beiden acht und 13 Jahre alten Söhnen aus Würselen angerückt. „Die Kinder haben die Fernsehbilder im Kopf. Wir wollen, dass sie in Zukunft ohne Atomkraft leben können”, sagte der 45-jährige Designer Alfred Reutters. Unterstützung bekommt die vierköpfige Familie von den Großeltern. Opa Dieter Wirtz (70): „Die Enkel haben noch viel Zukunft vor sich. Es gibt genug andere technische Möglichkeiten.”

Transparente sprechen eine klare Sprache: „Verantwortung heißt abschalten.” Und Robert Borsch-Laaks von der mitveranstaltenden Nachbarschaftsinitiative „Drei Rosen”, die Ende Februar eine Menschenkette gegen Atomkraft um den Pappelweiher in Drimborn organisiert hatte, berichtet von der großen Demonstration am Wochenende in Baden-Württemberg, an der 60.000 Menschen teilgenommen haben. Robert Borsch-Laaks hält am Montag „die erste politische Rede” seines Lebens und bekommt dafür großen Zuspruch.

Das Kraftwerk Neckarwestheim liege sechs Meter unterhalb des Flusspegels, habe er zu seiner Verblüffung erfahren: „Was passiert, wenn der Neckar über die Ufer tritt?” Vor vier Jahren habe der Betreiber technische Nachrüstungsmöglichkeiten eingereicht, etwa zusätzliche Notstromaggregate. „Wir wissen jetzt, wozu die notwendig sind”, sagt er unter großem Applaus. Doch die Anträge lägen seit vier Jahren unbearbeitet in der zuständigen Genehmigungsbehörde, dem Umweltministerium. Und Ministerpräsident Mappus sei gar für eine AKW-Laufzeitverlängerung von 28 Jahren eingetreten.

Robert Borsch-Laaks fordert deshalb zu einem „Volksentscheid über die Stromrechnung” auf: „Der Stromwechsel ist das, was jeder tun kann.” Und die Resonanz sei überwältigend: Die sieben Haushalte, die die Nachbarschaftsinitiative bilden, hätten in 90 Flugblättern zum Stromwechselbrunch eingeladen, 30 seien dieser Einladung auch gefolgt. Die Initiative verteilte am Elisenbrunnen entsprechendes Informationsmaterial, verteilte auch 115 Liedtexte, in denen nach einer Melodie des Komponisten Sholom Secunda Bezug auf die aktuelle Katastrophe genommen wird: „Fukushima, Fukushima, bist weit weg und doch so nah!” Zwischendurch wurde aber auch eine Schweigeminute eingelegt, um der Opfer zu gedenken.

Sabine Göddenhenrich, Sprecherin der Grünen, erinnerte auch an die Hunderttausende von Menschen, die auf der Flucht vor der Radioaktivität ihre Häuser verlassen müssen, „ohne zu wissen, ob sie noch einmal zurückkehren können”. Sie nannte die gegenwärtige Entwicklung hochpolitisch und warf den Blick 25 Jahre zurück, als „wir Milch und Gemüse wegschütteten und die Kinder nicht im Sand spielen durften”. Damals sei der russische Schrottreaktor verantwortlich gemacht worden, momentan geschehe die Katastrophe aber in einem Hochtechnologieland: „Für Japan können wir nur noch beten, wer das kann. Für Deutschland aber können wir handeln, hier und jetzt.”

Erst zaghaft, dann immer stärker erscholl dann der Ruf: „Abschalten, abschalten.” Eins war am Ende aber doch anders als vor 30 Jahren: Die Polizei erhielt ebenfalls lauten Applaus, weil sie sich „bereit erklärte, die nicht genehmigte Veranstaltung stattfinden zu lassen”.

Der Nabu Aachen gratuliert den Veranstaltern der spontanen „Abschalten”-Mahnwachen in Aachen und fast vierhundert anderen Städten zu ihrem Erfolg. Bundesweit hätten mehr als 110.000 Menschen teilgenommen. Angesichts dieses überwältigenden Erfolges verlangte Vorsitzender Claus Mayr nicht nur das Abschalten der ältesten sieben „Schrottreaktoren” in Deutschland.

Für die Region seien die nur 200 Kilometer entfernten Atommeiler in Borssele in den Niederlanden und vor allem der über 30 Jahre alte Atommeiler in Tihange bei Huy, 80 Kilometer westlich von Aachen, die größere Bedrohung. „Wenn die belgische Regierung jetzt beginnt, Jodtabletten an die Bevölkerung im Umkreis von 20 Kilometer zu verteilen, zeigt dies mehr als deutlich, dass ihr die Gefahren dieses Pannen-Meilers bewusst sind”, so Mayr. Zudem erwarte der Nabu von den Bundes- und EU-Politikern in der Europastadt Aachen und der Region, sich für eine Überarbeitung des Euratom-Vertrages aus dem Jahre 1957 und für einheitliche Sicherheitsstandards für alle Atomkraftwerke in Europa einzusetzen.

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