Aachen - Alemannia: Die große Abrechnung

Alemannia: Die große Abrechnung

Von: Christoph Pauli
Letzte Aktualisierung:
Alemannia / Jürgen Linden
Am Ende fehlten ihm vier Stimmen: Jürgen Linden ist nicht mehr im Aufsichtsrat der Alemannia. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Die Nachbesprechungen gibt es dann am Montag. Das Präsidium kommt außerplanmäßig zusammen, der Verwaltungsrat tagt, der Aufsichtsrat wird ebenfalls schnell einen Termin finden. Es gibt viel zu analysieren nach einer Jahreshauptversammlung, die spektakulär endete. Auf der Tagesordnung standen Wahlen, heraus kamen aber auch Abwahlen.

Zum Beispiel die von Jürgen Linden, der keine führende Rolle mehr bei Alemannia Aachen spielen wird. Nach 28 Jahren in verschiedenen Ämtern endete seine Vereinskarriere in einer Sporthalle an der Neukölner Straße.

Ehrenpräsident Leo Führen reagierte „erschüttert”, Präsident Alfred Nachtsheim „geschockt”. Dieser Wahltag, soviel steht fest, wird den Verein verändern.

Vorbereitet auf den Gegenwind

Nach fast sieben Stunden endete am Samstag nicht nur die längste Mitgliederversammlung aller Zeiten, sondern auch eine Ära. Jürgen Linden wurde nicht in den Aufsichtsrat gewählt. 181 Mitglieder stimmten dafür, aber 185 dagegen (bei 22 Enthaltungen). 28 Jahre lang war der 63 Jahre alte Ex-Oberbürgermeister der Stadt Aachen in Alemannias Gremien tätig. Die Fans beklatschten teilweise hämisch den Schlussstrich, während andere Mitglieder fassungslos die Sporthalle verließen.

Linden war vor der Versammlung auf Gegenwind vorbereitet. „Ich kannte das eindeutige Votum des IG Vorstandes und auch die Debatte in den Foren.”

Kritik hatte es ausreichend gegeben im Vorlauf. Hätte der Aufsichtsrat eher eingreifen müssen, als sich die drohende finanzielle Misere abzeichnete? Ist er mit verantwortlich?

Von „Verfilzungen” war die Rede. Fakten blieben aus, ein am Freitag veröffentlichtes Rechtsgutachten bescheinigte den Gremien saubere Arbeit. Zurückblieb vermutlich nur bei vielen Mitgliedern dennoch: ein Gefühl und der Wille, etwas zu verändern.

Der Verlauf der Versammlung ließ allerdings nicht erahnen, dass am Ende der Denkzettel ausgestellt wurde. Der Sprecher der IG, Dirk Heinhuis hatte sich öffentlich dafür entschuldigt, „falls der Eindruck entstanden sein sollte, dass wir ihnen eine Bereicherung vorhalten”.

Vor der Wahl verlief der Nachmittag für Jürgen Linden völlig entspannt. Es gab viele lobende Worte, zum Beispiel, weil Linden gerade den Kredit des Vereins bei der Kreissparkasse Heinsberg eingefädelt hatte.

Die Stimmung war bei der Fragestunde war respektvoll, der „Vater des Stadions”, wie sich Linden selbst schon bezeichnet hat, musste sich kaum gegen Vorwürfe wehren. „Ich hätte gerne einmal einen Grund für die Ablehnung gehört”, sagt Linden später, erkennbar erschüttert.

Die Ablehnung fand nicht in der Aussprache statt. Abgerechnet wurde im Schutz der Stimmzettel. Vermutlich muss der starke Mann für die angestammte finanzielle Situation büßen und für eine deutliche Unzufriedenheit an der Basis. „Ich bin schon überrascht, dass ein einzelner in diese Rolle gedrängt wird”, wunderte er sich.

Das Ergebnis hat weitere Auswirkungen. Der renommierte Rechtsanwalt Rolf-Dieter Mönning (290 Ja/73/Nein/22 Enthaltungen) wurde zwar wie die anderen Kandidaten Meino Heyen (309/76/17) und Horst Rambau (302/76/14) überzeugend für den Aufsichtsrat nominiert. Der Insolvenzrechtler nahm die Wahl nicht an, erbat sich Bedenkzeit übers Wochenende. Die Form des Konflikts störte ihn offenbar massiv. „Ich muss mir in Ruhe überlegen, ob sich für so einen Verein arbeiten will, der jemanden mit solch großen Verdienste abstraft, ohne dass die Gründe dafür erkennbar werden.”

So zeichnet sich ab, dass der verkleinerte Aufsichtsrat nicht wie vorgesehen sieben, sondern nur noch fünf Mitglieder hat. Aufgefüllt werden kann das Gremium, dem drei Präsidiumsmitglieder angehören, nur bei der nächsten Mitgliederversammlung.

Es gab auch andere Verlierer

Linden war nicht der einzige Verlierer an diesem denkwürdigen Tag. Auch Hubert Herwartz schaffte es nicht mehr in den Verwaltungsrat (149/213/13). Somit können die beiden Vorsitzenden der Gremien nicht wiedergewählt werden. Die anderen Mitglieder schafften es in das Gremium, wenn auch teilweise mit schlechten Ergebnissen. Günter Delzepich (334/29/10), Rolf Gerwert (292/47/32), Klaus Offergeld (270/79/35), Günter Franken (269/69/46), Heinz Maubach (267/52/41), Helmut Kutsch (247/78/44), Heiner Höfken (236/101/38), Gabriele Mohné (206/151/25) nahmen die Wahl an, während sich Horst Reimig (208/126/39) und Manfred Lorenz (189/145/36) ebenfalls noch etwas Bedenkzeit erbaten.

Vor der Wahl hatte Geschäftsführer Frithjof Kraemer noch einmal die Ursachen für und Rezepte gegen die Finanzkrise beschrieben. Der Verein hat seine liquiden Nöte mit einem Kredit einstweilen beheben können. Wirtschaftsprüfer bescheinigen laut Kraemer eine solide Perspektive, aber die Sanierung der Gesellschaft wird noch ein paar Jahren dauern, räumt auch der Geschäftsführer ein. Schon laufen die Verhandlungen, um die Kreditzinsen zu senken und die Tilgung zu strecken. So wird das Stadion nicht wie geplant nach 18 Jahren, sondern frühestens nach 25 Jahren abbezahlt sein.

Es folgten zwei zähe Wahl-Stunden. Juristische Beobachter hielten die „geheime Wahl” im übrigen für anfechtbar, weil gesetzliche Vorgaben nicht eingehalten worden wären. Präsident und Versammlungsleiter Alfred Nachtsheim widersprach am Sonntag vehement. Wahlkabinen hätte in der Umkleidekabine zur Verfügung gestanden, seien aber nicht genutzt werden.

Linden, der zuletzt 1984 (!) eine Wahl verloren hat, verließ die Halle empfindlich geschlagen. „Alemannia bleibt trotzdem mein Verein.”

Präsident Alfred Nachtsheim sprach am Tag nach der Versammlung auch von einer „Ohrfeige” für die Gremien, deren Kandidaten abgestraft wurden.

Welche Auswirkungen diese Veranstaltung haben wird?

„Wir respektieren das Ergebnis natürlich”, sagt Nachtsheim vor den Gesprächen am Montag. Aber auch er wunderte sich dennoch über die Fan-Zurückhaltung bei der Aussprache. „Für die Vereinskultur”, sagte der Präsident, „ist das schwierig.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert