Städteregion Aachen - Aktion gegen Gewalt im Jobcenter

Aktion gegen Gewalt im Jobcenter

Von: Jutta Geese und Tobias Klee
Letzte Aktualisierung:
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„Jobcenter gegen Gewalt“: Personalratsvorsitzende Ursula Winkler und Geschäftsführer Stefan Graaf stellen die Plakate vor, mit denen das städteregionale Jobcenter in allen Geschäftsstellen für einen respektvollen Umgang von Mitarbeitern und Kunden wirbt. Foto: Jutta Geese

Städteregion Aachen. Beleidigungen, Drohungen und sogar körperliche Attacken: Die Beschäftigten der Jobcenter sehen sich immer öfter gewalttätigen Angriffen ausgesetzt. Trauriger Höhepunkt war vor gut vier Monaten die Tötung einer Jobcenter-Mitarbeiterin in Neuss. Für Geschäftsführung und Personalrat des städteregionalen Jobcenters war dies Anlass zu überlegen, wie der steigenden Aggressivität begegnet werden und die Sicherheit von Mitarbeitern, aber auch von Besuchern der Jobcenter, erhöht werden kann.

 Ein Ergebnis: Mit der Plakataktion „Jobcenter gegen Gewalt“ werben sie ab sofort in allen Zweigstellen um gegenseitigen Respekt.

Neuland betraten Geschäftsführer Stefan Graaf, Personalratsvorsitzende Ursula Winkler und der unter anderem für Arbeitssicherheit zuständige Joachim Müller mit ihren Überlegungen zum Thema Sicherheit allerdings nicht. „Seit dem Jahr 2008 sind wir mit dem Aachener Modell führend in Sachen Sicherheitsprävention“, sagt Graaf. Entwickelt wurde das Konzept damals mit der Polizei und der Deutschen Unfallversicherung. Der Anlass: die Geiselnahme von zwei Beschäftigten in einer Aachener Jobcenter-Zweigstelle. Eine der beiden Geiseln damals war Ursula Winkler.

Das Konzept, das neben technischen Maßnahmen wie Installation von Alarmknöpfen auch Deeskalationstrainings und Verhaltensregeln für die Beschäftigten sowie Verwaltungsverfahren umfasst, sei gut, sagt Ursula Winkler. „Aber da muss noch etwas vorgeschaltet werden“, ist sie sich mit Graaf einig. „Wir müssen Standards für einen respektvollen Umgang miteinander entwickeln.“ Denn eines wollen Graaf und Winkler auf keinen Fall: dass sich die Beschäftigten hinter Panzerglas verbarrikadieren müssen oder Jobcenter-Besucher Sicherheitsschleusen passieren müssen, um mit ihren Sachbearbeiter reden zu können. „Wir sind eine offene Behörde, unsere Arbeit beruht auf Vertrauen, da passt so etwas einfach nicht“, sagt Graaf.

Das unterstreicht auch Sonja Niessen, Mitarbeiterin im Jobcenter in Baesweiler – und das, obwohl sie erst vor wenigen Wochen selbst angegriffen wurde, zum zweiten Mal seit 2008. Ein Leistungsbezieher hatte ihr im vergangenen Oktober eine Tür gegen den Körper geschlagen. „In dieser Situation hätte auch kein Deeskalationslehrgang etwas gebracht“, sagt sie. „Das ging alles sehr schnell.“ Solch ein Erlebnis schockiere natürlich. „Man lernt daraus. Aber man kann sich nicht darauf vorbereiten.“ Ihr ist wichtig zu vermitteln, „dass wir im Jobcenter den Menschen helfen möchten, aber wir haben nur einen relativ geringen Ermessensspielraum“. Ursula Winkler sagt es ganz deutlich: „Unsere Mitarbeiter üben keine Willkür aus.“

Doch im Spannungsfeld von „fördern und fordern“, wie es die Hartz-IV-Gesetze vorsehen, geraten die Jobcenter-Beschäftigten schnell in den Fokus und bekommen Wut und Ärger der Langzeitarbeitslosen zu spüren, weiß Graaf. Gewalttätig werden zum Glück nur wenige, betont er und nennt Zahlen für die Städteregion: „Im vergangenen Jahr haben wir 31 Hausverbote gegen Kunden angedroht oder ausgesprochen, und es gab etwa 20 Strafanzeigen. Das ist bei etwa 51 500 Leistungsbeziehern und täglich etwa 2000 Kundenkontakten ein erfreulich gringer Anteil. Gleichwohl haben die Mitarbeiter täglich in einem schwierigen Arbeitsfeld unter enormem Druck auch eine Menge persönlicher Vorwürfe bis hin zu Beleidigungen auszuhalten.“

Mit der Plakataktion wolle man ein Zeichen setzen – ein Anliegen, das von Jobcenter-Kunden wie dem Eschweiler Thomas Awihsus ausdrücklich unterstützt wird, der sich jedoch auch wünscht, dass Leistungsbezieher stärker in Entscheidungen einbezogen werden.

Im Neusser Fall hat die Staatsanwaltschaft übrigens mittlerweile Anklage gegen den Täter wegen versuchten Mordes erhoben.

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