Adalbertstraße: Drohnen und Drucker statt Tram und Trottoir

Von: Robert Esser
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Einkaufsflair damals und heute: Früher rollten Straßenbahnen durch die Adalbertstraße, heute undenkbar? Foto: Sepp Linckens
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Einkaufsflair damals und heute: Früher rollten Straßenbahnen durch die Adalbertstraße, heute undenkbar? Foto: Michael Jaspers
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Schuhe aus 3D-Druckern: Einzelhandelsexperte Manfred Piana wirft einen Blick in die Zukunft. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Was für eine Sause. Der Fanfarenkorps Nütheim-Schleckheim bläst ein Tschingderrassabum, bunte Girlanden und Luftballons tanzen im Wind – dazu schluckt das Volk Freibier und Erbsensuppe. Party pur. Die Adalbert-straße, Aachens größte und populärste Fußgängerzone, ist schwarz vor Menschen. Tausende Bürger und Händler in Feierlaune. Die Zeitung druckt seitenweise Extrablätter. Lang ist’s her.

An diesem Wochenende vor genau 40 Jahren – am 15. Oktober 1977 – wurde die Adalbertstraße als reine Fußgängerzone inklusive brandneuem Kugelbrunnen (siehe Seite Kultur) eingeweiht. Vergleichbares gab es in der ganzen Region nicht. Seitdem hat sich jedoch Entscheidendes geändert – aus Aachener Sicht leider nicht nur zum Besseren.

„City-Promenade“ nannten die Stadtoberen damals die Flaniermeile. Zwei Millionen D-Mark waren in die frisch gepflasterte Oberfläche zwischen Elisenbrunnen und Kaiserplatz gesteckt worden. Der Promenaden-Begriff geriet zwar schnell in Vergessenheit, aber die „Adalbertstraße“ avancierte zum Inbegriff glänzender Einkaufsmöglichkeiten. Auch wenn sie nach der Propsteikirche am Ende der stadtauswärts verjüngten Straße benannt ist, deren Umfeld mittlerweile so gar nicht zu einem Einkaufsparadies passen will. Weil dort seit vielen Jahren mehr Straßenprostitution, Junkies und Alkoholkranke als irgendwo anders in der Stadt zu finden sind. Daran konnte auch die gewaltige Einkaufsmall Aquis Plaza mit 130 Geschäften und einer reinen Verkaufsfläche von 30.000 Quadratmetern nichts ändern. Sie saugt seit 2015 massenhaft Kundschaft auf. 290 Millionen Euro ließ sich der Betreiber ECE den silbernen Einkaufstempel kosten. Vor 40 Jahren völlig undenkbar.

6200 Passanten pro Stunde

Trotzdem: „Die Adalbertstraße benötigt dringend weitere, entscheidende Investitionen“, sagt Manfred Piana (66). Er war 34 Jahre Geschäftsführer des Einzelhandelsverbandes Aachen-Düren-Köln, steht seit 36 Jahren an der Spitze des Märkte und Aktionskreises City (MAC) – der wichtigsten Werbegemeinschaft der Aachener Händler und Gastronomen. Er kennt sich in der Branche aus. Und er kennt die Zahlen: 6200 Passanten pro Stunde zählte das renommierte Immobilien-Beratungsunternehmen Jones Lang LaSalle (JLL) beim jüngsten Vergleich von 170 Einkaufstraßen in ganz Deutschland. Das reicht bundesweit nur für Platz 29. Vor Jahren strömten hier regelmäßig über 8000 Menschen entlang.

Vor einigen Jahrzehnten waren es noch mehr. Viel mehr. Seit 1960 ist die Adalbertstraße für den Individualverkehr gesperrt. Doch mussten sich Passanten bis 1974 noch vor der durch die Häuserschluchten ratternden Straßenbahn hüten. Danach begann der Umbau, die Schienen verschwanden. „Aber es gab über viele Jahre hinweg enorm florierenden Einzelhandel mit vielen inhabergeführten Geschäften“, erinnert sich Piana. Mit klingenden Namen, an die sich nicht nur frühere Kundengenerationen gerne erinnern: Blömer, Herrenmode Ruffini, Haus für Alle, Schuh Möcker, Philipp Leisten, Bock – Herren- und Damenmode, das Hifi-Geschäft Allo Pach und Fister-Damenmode, vormals das Krefelder Seidenhaus. Alle weg.

„Das waren völlig andere Zeiten“, stellt Karl-Dieter Fister fest. „Die Adalbert-straße wird von Filialisten dominiert, von großen Ketten, das ist leider ziemlich austauschbar und für Aachen nicht mehr so identitätsstiftend wie in den diesbezüglich tatsächlich guten alten Zeiten“, erklärt er. So seien auch die erzielbaren Quadratmeter-Mieten, die von diversen Immobilienberatern seit einigen Jahren auf über 100 Euro taxiert werden, längst deutlich niedriger angesiedelt, schildert der erfahrene Geschäftsmann. „Extreme Mietpreise gelten höchstens für kleine Geschäftsflächen“, sagt er. Man muss aufpassen, dass damit kein fortschreitender Niveau- und Qualitätsverlust einhergeht.

Niemand drückt sich mehr an den Schaufensterscheiben der Adalbertstraße buchstäblich die Nasen platt – so wie früher bei Allo Pach, vor dessen Schwarzweiß-Röhrenfernsehern in der Auslage zuweilen Aachener im Pulk Fußballübertragungen verfolgten, mangels eigenem TV. Und überhaupt: Schaufenster sind einfach nicht mehr das, was sie mal waren. „Früher schlenderten ungezählte Familien auch sonntags, wenn die Geschäfte geschlossen waren, durch die Adalbertstraße und schauten sich an, was es zu kaufen gab“, sagt Piana. Das ist vorbei.

Zweistellige Umsatzraten wandern von Jahr zu Jahr in den Online-Handel ab. „Längst reicht ein Klick ins Internet, um sich über die neueste Mode zu informieren – und aus Einzelhändler-Perspektive schlimmstenfalls ein weiterer Klick, um die Ware zu kaufen, ohne auch nur einen Fuß in die Stadt gesetzt zu haben“, stellt der MAC-Geschäftsführer fest. Nicht nur in Aachen, sondern in ganz Europa, stellten Städte und Studien fest, dass die Menschen immer seltener die Innenstädte besuchen.

„Es wird nie mehr so sein wie früher, das ist klar“, sagt Piana. „Aber es gibt durchaus Mittel und Wege, um weiterhin als Einkaufsstadt attraktiv zu bleiben.“ Ein Beispiel ist „Click & Collect“. Darunter versteht man die Idee, dass Kunden zu Hause via Internet etwa eine modische Bluse aussuchen, diese im Geschäft reservieren, das gute Stück vor Ort anprobieren und bei Gefallen kaufen und mitnehmen. „Möglicherweise werden Schuhgeschäfte aber auch bald statt mit Schuhen mit Granulat beliefert, weil sich die Kunden dann in der Adalbertstraße vor Ort ihre individuellen Schuhe aus dem 3D-Drucker kommen lassen“, blickt der Einzelhandelsexperte in die Zukunft.

Angesichts des demographischen Wandels mit einer rasant alternden Gesellschaft wäre auch ein autonomes, elektrisches Kleinbussystem – vielleicht sogar der in Aachen entwickelte E-Mover – als Transportmittel durch die Adalbertstraße denkbar. Erleichterung für Senioren. Oder computergesteuerte Drohnen, die über den Köpfen der Passanten hinweg die Einkäufe nach Hause fliegen. „Natürlich sind das Visionen, Zukunftsmusik – aber wer hätte vor zehn Jahren gedacht, wie schnell sich die Situation im stationären Einzelhandel wandelt?“

Stockende Bauvorhaben

Anderes dauert indes auch in der Aachener Adalbertstraße deutlich länger als erhofft. Das galt für die Einkaufsmall Aquis Plaza, deren Bau sich viele Jahre verzögerte. Das gilt für große leerstehende Handelsimmobilien wie das ehemalige Wehmeyer-Haus, das seit Jahren wie die Nachbargebäude leersteht, weil der vom Eigentümer Peek & Cloppenburg versprochene Neubau eines 10.000 Quadratmeter großen, hochmodernen „Weltstadthauses“ weiter auf sich warten lässt. Der Stadt sind die Hände gebunden, sie ist auf die Investoren angewiesen, kann kaum Druck ausüben. Baustart unbekannt.

Genauso wie der erwartete Abriss der Schrottimmobilien direkt neben dem Aquis Plaza zwischen Willy-Brandt- und Kaiserplatz. Auch die sind reihenweise verwaist, das Areal steht zum Verkauf. Projektentwickler wollen auch hier weitere Einzelhandelsflächen schaffen. Angesichts stagnierender Mieterlöse in 1a- und 1b-Lagen sowie der schwindenden Kundenströme warnen Fachleute schon davor, die Spirale zu überdrehen und zu viele zusätzliche Geschäftsflächen zu schaffen. Das Umfeld leidet schon jetzt. Und Leerstände belasten das Einkaufsflair einer sonst attraktiven Innenstadt spürbar.

Dagegen stemmen sich nur wenige „Anker“, also starke Publikumsmagneten. Der Kaufhof etwa, seit Jahrzehnten Anziehungspunkt in der Aachener Adalbert-straße, baut auf allen Etagen um. Die Lebensmittelabteilung im Keller wurde weitgehend dicht gemacht, Mode nach den jüngsten Erkenntnissen der Marktforschung auf tausenden Quadratmetern neu positioniert. Dafür investiert Kaufhof-Direktor Günther Knie, obwohl sein Mutterkonzern finanziell eher klamm aufgestellt ist, seit Monaten stattliche Summen. „Genau richtig“, urteilt Piana. „Die Großen müssen Entscheidungen treffen, den Standort aufwerten, sich aufstellen für die Zukunft – nur so gelingt es, die Innenstadt lebendig zu halten.“

Apropos: Mitnichten ist die Diskussion über Fußgängerzonen 40 Jahre nach der Einweihung der Adalbertstraße als „City-Promenade“ beendet. Aachener Kommunalpolitiker und Projektentwickler denken durchaus darüber nach, noch weitere Fußgängerzonen zu befürworten. Zum Beispiel am Theaterplatz, weil dort gerade durch einen „Motel One“-Hotelneubau und andere prächtige Bauvorhaben eine ganz neue Atmosphäre Raum greift.

Umgekehrt ist auch – und das wäre ebenso einzigartig in der Aachener Stadtgeschichte – die Rückwandlung einer Fußgängerzone in eine mit Autos befahrbare Straße nicht tabu. Im Gegenteil. Weil das neue Altstadtquartier Büchel – mit der Rotlichtmeile Antoniusstraße – eine neue Zufahrt bräuchte und der Elisenbrunnen entlastet werden soll, ist eine Öffnung der Großkölnstraße nicht ausgeschlossen. Der Planungsprozess läuft. Allerdings nicht gerade im Sauseschritt. Weitere 40 Jahre soll es wohl keineswegs dauern.

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