Aachen - Abiturient führt auf stadthistorische Zeitreise

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Abiturient führt auf stadthistorische Zeitreise

Von: Werner Czempas
Letzte Aktualisierung:
Freut sich über die Veröffen
Freut sich über die Veröffentlichung seines ersten Buches: Frederic Carl.

Aachen. Am ehemaligen Chemischen Laboratorium der RWTH, dort, wo heute das Super C vom Templergraben über die Dächer Aachens blickt, prangte im Giebel einst die gelehrte lateinische Inschrift: „Mens agitat molem.” Der Geist bewegt die Materie. Die Aachener übersetzten das philosophische Wort kalauernd kühn in: „Der Mensch agitiert met de Mull.”

Ein neues Aachen-Buch erzählt von diesem wortspielerischen Schabernack. Genauer: ein großes Bilder-Buch mit ein bisschen Text drumrum. Wer von den Alten und Älteren darin blättert, wird ein ums andere Mal innehalten und sich an selber noch erlebte oder von Altvorderen überlieferte Zeiten erinnern.

Die Jüngeren werden staunen, von welcher Pracht und Schönheit das alte Aachen war. „Aachen Gestern/Heute” heißt der Bildband. Er nimmt den Leser mit auf eine stadthistorische Zeitreise.

Verfasser des Buchs ist Frederic Carl. Was ihn aus der Schar der vielen anderen Aachen-Autoren heraushebt, ist sein Alter: Frederic Carl ist 19 Jahre alt. Er steckt mitten im Abitur. Als er sein Werk begann, war er gerade mal 17. Der Schüler der Freien Waldorfschule Aachen musste sich in der 12. Klasse an die traditionelle Jahresarbeit setzen. „Was mach ich?” grübelte der junge Mann, der stadtgeschichtlich interessiert gerne in alten Fotos, Kalendern, Büchern und Alben über Aachen kramt.

Frederics Vater Bernd half beim Grübeln auf die Sprünge. Als über Jahre engagierter Beiratsvorsitzender der stadthistorischen AKV-Sammlung Crous hatte Bernd Carl gerade die Aachen-Sammlung des AKV-Mitglieds Klaus Wintgens für die Sammlung Crous erworben. Das machte in Zahlen: 20 Fotoalben mit 4500 alten Aachener Ansichtskarten aus der Zeit zwischen 1850 und 1950.

„Wo ist das? Das Gebäude ist erhalten, das existiert nicht mehr, die Straße sieht heute ganz anders aus”, vertiefte sich Sohn Frederic in die Schatzkiste. Beim Stöbern zündete die Idee: das Gestern dem Heute gegenüberstellen, vom möglichst gleichen Standort, aus gleicher Perspektive eine Auswahl der alten Fotos vergleichen mit eigenen neuen Aufnahmen.

„Das war gar nicht so einfach. Hoch motiviert ging ich an die Arbeit. Ich ahnte nicht, wie viel Zeit und Mühe sie kosten würde”, erzählt Frederic Carl. Monatelang zog der Schüler los, mit dem Fahrrad quer durch die Stadt, ausgerüstet mit einer Kamera und in der Hand immer ein paar der alten Ansichtskarten aus der Sammlung Wintgens. Meistens am Wochenende, weil dann weniger Verkehr herrschte und er den Standpunkt der Fotografen von anno dazumal ungefährdeter finden konnte. „Ich suchte nach noch erkennbaren Erkern, Fenstern und Türen.”

Der damals 17-jährige Frederic Carl ging akribisch vor. Er entdeckte erstaunliche Dinge, stadthistorische Kostbarkeiten. Für die den rund 300 alten und neuen Fotos, alten Grafiken und Stichen vorangestellten Texte vertiefte er sich in zahlreiche Bücher und ins Internet. „Aachen Gestern/Heute” betitelte der fleißige Schüler seine Jahresarbeit.

Die Schule zeichnete ihn dafür mit der Note „Eins” aus und riet, „die schöne Arbeit zu veröffentlichen und etwas daraus zu machen”. So entstand das gleichnamige Buch - exakt nach der Vorlage der Schularbeit, nur ein paar seiner Fotos hat Frederic Carl fürs Buch aktualisiert.

Mit einer kleinen Geschichte Aachens führt der Autor in den Bildband ein, bevor er den Leser mitnimmt auf einen Rundgang durch dreizehn Stadtgebiete. Die Foto-Zeitreise „Gestern/Heute” führt vom Markt und Rathaus zum Katschhof, vom Münsterplatz und Dom zum Hof und Büchel, an den Elisenbrunnen und in die Adalbertstraße, über die Theaterstraße und ins Ros- und Pontviertel, rund um den Alleenring mit Hauptbahnhof und Hochhaus, Kaiserplatz, Hansemannplatz und Quellenhof, an den Hangeweiher und ins Frankenberger Viertel und nach Burtscheid und sie endet am Dreiländereck und in Vaals.

So ein Foto-Rundgang kann auch schmerzen. „Warum hat man das nicht retten können?”, fragt sich auch Frederic Carl oft, wenn er einige der historischen Ansichten vergleicht mit dem Glanzlosen, was heute geworden ist.

Carl: „Aber ich wollte nicht nur das Schöne zeigen, sondern einfach Tatsachen: Das war früher, das ist heute.” Wer im Bildband blättert, entdeckt bestürzt wieder einmal mehr die furchtbaren Wunden, die der Zweite Weltkrieg geschlagen hat. Nicht nur die lustig-schräge „Wartehalle” mit Ausschank im Hauptbahnhof, Kneipenidyll und richtiges Haus auf dem heutigen Gleis 8/9, ist verloren.

„Es war viel Arbeit, aber sie hat sich gelohnt”, meint Frederic Carl bescheiden. Aus der Fülle des Materials hätte er „durchaus noch ein zweites Buch” gestalten können. „Wenn das mit dem Abitur klappt”, will Frederic Carl Sicherheits-Ingenieur studieren. Mag durchaus sein, dass sich irgendwann Zeit findet für eine Fortsetzung von „Aachen Gestern/Heute”...

„Aachen Gestern/Heute”: Autor Frederic Carl; Leinenband, 204 Seiten, rund 300 Fotos, Grafiken und Stiche; herausgegeben von der AKV-Sammlung Crous; erhältlich ab 12. Juni in der Mayerschen Buchhandlung; Preis 19,90 Euro; der Erlös geht an die Sammlung Crous.

In der Kundenhalle der Sparkasse Aachen am Friedrich-Wilhelm-Platz wird vom 13. Juni bis zum 4. Juli auf 20 Schautafeln eine Foto-Ausstellung zum Buch ”Aachen Gestern/Heute” gezeigt.
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