Ab 2013/14 kein Unterricht mehr für Sehbehinderte

Von: Margot Gasper
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Der Schulunterricht an der Joh
Der Schulunterricht an der Johannes-Kepler-Schule läuft aus, trotzdem bleiben die Bildschirme der Vergrößerungsgeräte auch in Zukunft nicht dunkel. Konrektorin Armgard Gessert und Schulleiterin Claudia Geise (von links) feilen derzeit an neuen Angeboten für Sehbehinderte, die in Laurensberg angeboten werden. Foto: Harald Krömer

Aachen. Wenn nächste Woche die Schule wieder losgeht, dann startet die Johannes-Kepler-Schule, oben im großen Schulzentrum Laurensberg, in ganz kleiner Besetzung. Die Förderschule mit dem Schwerpunkt Sehen hat am Hander Weg dann nur noch elf Schülerinnen und Schüler - und auch die nur noch höchstens ein Jahr lang.

„Ab dem Schuljahr 2013/14 unterrichten wir an der Stammschule keine Schüler mehr”, erklärt Schulleiterin Claudia Geise.

Die Förderschule Sehen allerdings bleibt bestehen, das betont die Rektorin ausdrücklich. „Wir verschwinden nicht von der Bildfläche. Unserem Schulträger, dem Landschaftsverband Rheinland, liegt daran, dass wir hier vor Ort bleiben.” Und auch die bewährten Angebote bleiben: die Frühförderung für sehbehinderte Kinder, das umfangreiche Beratungsangebot, die Betreuung der Kinder, die im Gemeinsamen Unterricht (GU) eine allgemeine Schule besuchen, der große Bereich der Diagnostik und die Fortbildung. „All das soll sogar weiter ausgebaut werden”, versichern Geise und Konrektorin Armgard Gessert.

Dass im Schulgebäude der Johannes-Kepler-Schule irgendwann keine Kinder mehr lernen würden, war angesichts sinkender Schülerzahlen schon länger klar. Die auslaufende Schließung sei bereits im vergangenen Schuljahr mit dem Landschaftsverband vereinbart worden, erläutert Geise. Mit dem Schuljahr 2014/15 sollte eigentlich Schluss sein.

Dieser Zeitplan hat sich nun erledigt. Denn die Schülerzahlen sind noch weitaus schneller gesunken, als erwartet wurde. Immer mehr Eltern nutzen die Chance, ihr sehbehindertes Kind wohnortnah an eine allgemeine Schule zu schicken. „Die Entwicklung der Inklusion gibt Eltern neue Möglichkeiten an die Hand”, weiß die Schulleiterin, „die Familien wünschen sich für ihr Kind so viel Normalität wie möglich.”

Drastische Folgen

Die Folgen für die Förderschule sind drastisch. Vor den Sommerferien hat die Johannes-Kepler-Schule bereits alle ihre Primarschüler verabschiedet. Grundschulklassen gibt es dort jetzt nicht mehr. „Wir hätten im neuen Schuljahr nur noch drei Kinder in der Primarstufe gehabt”, erläutert Geise. Übrig bleiben also noch elf junge Leute in den Jahrgangsstufen 7 bis 10, die gemeinsam in einer Klasse unterrichtet werden.

Sie gehören nicht nur in drei Jahrgänge. Die Schüler haben auch ganz unterschiedliche Sehbehinderungen und absolvieren zudem noch verschiedene Bildungsgänge. In solch einer kleinen Lerngruppe mit so speziellen Bedürfnissen werde der Unterricht schwierig, sagt Geise, „selbst bei einer gekonnten Binnendifferenzierung”. Man werde das letzte Jahr gemeinsame in der Stammschule auch intensiv nutzen, um für alle elf jungen Leute eine neue Schule zu suchen. „Alle sollen in Ruhe den für sie optimalen Förderort finden.” Und manche werden bereits im Laufe des Schuljahrs wechseln.

Im Sommer 2013 geht es dann mit neuen Schwerpunkten weiter. Ein Konzept für die Zukunft der LVR-Förderschule Sehen in Aachen hat der Schulausschuss der Landschaftsversammlung bereits im Mai zustimmend zur Kenntnis genommen.

Angedacht ist zum Beispiel, die Johannes-Kepler-Schule zum Beratungs-, Förder- und Fortbildungszentrum für den Förderschwerpunkt Sehen auszubauen. Ohnehin umfasst Förderung für Sehbehinderte sehr viel mehr als die üblichen Unterrichtsfächer. Damit Kinder mit Sehbehinderung barrierefrei am Alltag teilhaben können, müssen sie in lebenspraktischen Bereichen speziell trainiert werden. So können sie sich später sicher in verkehrsreichen Innenstädten bewegen oder in der Küche souverän mit scharfen Messern hantieren.

Auch beim Zehn-Finger-Tastaturschreiben brauchen Sehbehinderte spezielle Kurse. „Die wollen wir in unserem Computerraum künftig verstärkt anbieten”, kündigt Geise an. Sie denkt auch bereits über eine umfangreiche Hilfsmittelausstellung in der Schule nach. „Dort könnten Kinder optische und elektronische Hilfsmittel ausprobieren.”

Unterrichten werden die Sonderpädagogen der Johannes-Kepler-Schule natürlich auch weiterhin. „Im kommenden Schuljahr betreuen wir allein 46 Schülerinnen und Schüler an anderen Schulen im Gemeinsamen Unterricht”, sagt Geise. Künftig wird das Kollegium wohl noch mehr unterwegs sein.

Das Thema Inklusion, die selbstverständliche Teilhabe Behinderter in allen Lebensbereichen, werde auch an den Schulen einen grundlegenden Systemwandel auslösen, erwartet das Schulleitungsteam. „Es wird eine große Anstrengung für alle, eine Kultur des Willkommens zu schaffen”, erwartet Armgard Gessert. Leider stimmten die Rahmenbedingungen - bisher - nicht: „Nötig sind zusätzliche personelle Ressourcen und Weiterbildungsangebote.”

Auch der Lehrermangel mache sich längst massiv bemerkbar. „Wir werden in den nächsten Jahren zu wenig Sonderpädagogen mit der speziellen Ausbildung haben”, befürchtet Geise.

Die Schulgeschichte reicht bis 1965 zurück

Ab Sommer 2013 wird an der Stammschule der Johannes-Kepler-Schule am Hander Weg kein Unterricht mehr erteilt. Damit endet ein Kapitel in einer langen Schulgeschichte. Bereits 1965 wurde die Schule gegründet, seit 1971 ist sie in Trägerschaft des Landschaftsverbands Rheinland. Der Neubau im Schulzentrum Laurensberg wurde 1980 bezogen. Und ihren jetzigen Namen - nach dem sehbehinderten Mathematiker und Astronomen Johannes Kepler (1571-1630) - hat die Förderschule erst seit 2009.

Das Einzugsgebiet der Johannes-Kepler-Schule ist riesig. Es umfasst die Städteregion Aachen, die Kreise Düren und Heinsberg sowie Teile der Kreise Euskirchen und Viersen.

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