Aachener Querdenker Helmut Creutz ist im Alter von 94 Jahren gestorben

Von: Gerald Eimer
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Die Zinsen waren für ihn das Grundübel: Der Aachener Helmut Creutz kämpfte über Jahrzehnte hinweg für eine Geldreform. Vergangene Woche ist er gestorben. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Seine großen Themen Geldreform und Zinseszinseffekte haben den Aachener Wirtschaftsanalytiker Helmut Creutz bis ins hohe Alter – körperlich zwar immer hinfälliger, geistig aber messerscharf – nicht losgelassen. Leser der Frankfurter Rundschau kannten ihn als anregenden Kolumnisten.

Anhänger der sogenannten natürlichen Wirtschaftsordnung und der Denkschule des Sozialreformers Silvio Gesell (1863-1930) schätzten ihn als Verfechter für eine gerechtere Gesellschaftsordnung. Und auch den „Nachrichten“ stand er immer wieder als ein vom üblichen Wissenschaftsbetrieb unabhängiger Querdenker für Interviews zur Verfügung. In der vergangenen Woche ist Helmut Creutz im Alter von 94 Jahren gestorben.

Gespräche mit diesem einnehmend freundlichen Herrn waren immer ein Gewinn – auch weil sie stets für einen neuen und überraschenden Blick auf unser Zusammenleben, unsere Gesellschaft und unser Wirtschaftssystem gut waren.

Die großen Krisen unserer Zeit hat dieser Mann als logische Folge eines grundsätzlich fehlkonstruierten Finanzsystems gesehen. Er gehörte zu jenen unkonventionellen Denkern, die seit Jahren vor den Auswirkungen und Folgen eines Geldsystems warnen, das auf Zins und Zinseszinseffekte baut und damit ins schier Uferlose zu wachsen scheint, bevor es dann doch zusammenbricht.

Geprägt hat ihn möglicherweise die erste große Weltwirtschaftskrise, die er in seiner Kindheit miterlebt hat und die mit dem Zweiten Weltkrieg in eine der großen Katastrophen der Menschheitsgeschichte mündete. Erst Ende 1946 kam er selbst – schwer gezeichnet – aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Deutschland zurück. Er baute sich eine Existenz als Innenarchitekt auf, wurde aber auch schnell von der Ära der 68er gepackt. Als Autodidakt befasste er sich zunehmend mit sozialen und ökologischen Fragen, engagierte sich in Bürgerinititaiven und gehörte 1979 zu den Mitgründern der Aachener Grünen, für die er als Landtagskandidat antrat.

Der Weg in den Kollaps

Seit dieser Zeit befasste er sich auch mit dem Geldwesen, das aus seiner Sicht auf ein stetiges und krankhaft über­steigertes Wachstum angelegt ist. In den Zinsen sah er das Grundübel. Sie versprechen Sparern und Anlegern zwar Geldzuwachs, führen aber auch dazu, dass Geld aus Spekulationsgründen gehortet wird. Und zugleich stehen auf der anderen Seite Menschen, die dafür zahlen müssen: Beschäftigte, Kreditnehmer, Kunden. Der wachsenden Masse der Geldvermögen in den Händen weniger steht somit immer auch eine wachsende Masse der Schulden von vielen gegenüber.

Ein solches Geldsystem bedinge es somit zwangsläufig, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht. Früher oder später aber, so seine Prognose, müsse das System kollabieren. Soziale Unruhen, Revolten und auch Kriege seien oftmals die Folge. Die sozialen Spannungen in Griechenland, Spanien und vielen weiteren krisengeschüttelten Ländern seien lediglich Vorboten des bevorstehenden Zusammenbruchs, prophezeite er. Und daran könnten auch Rettungsschirme, Lohnkürzungen oder Sozialabbau in hochverschuldeten Ländern nichts ändern.

Dass viele Europäer inzwischen eine Nullzinspolitik miterleben, wertete er zuletzt als gute Entwicklung, die den Weg in die Katastrophe abbremse. „Doch lösbar ist das Problem nur mit einem Geld, dessen Umlauf auch ohne ständige Zins-Belohnung funktioniert. Zum Beispiel mit einer Gebühr auf die Geldhaltung“, empfahl er. Geld dürfe nicht gehortet werden, sondern müsse ständig in Bewegung bleiben. Creutz verwies gerne auf ein Experiment im österreichischen Wörgl in den 1930er Jahren. Das dort eingeführte Regionalgeld verlor an Wert, wenn es nicht ausgegeben wurde.

Die Folge sei ein einzigartiger wirtschaftlicher Aufschwung in der Region gewesen, weil das Geld schnell ausgegeben wurde und damit in Bewegung blieb. Für viele Regionalgeld-Anhänger war Creutz ein wichtiger Ratgeber. Auch in Aachen gab es eine kleine Fan-Schar, die auf der Grundlage seiner Ideen den sogenannten Pauer eingeführt hat. Wirkliche Durchschlagskraft hat der Pauer allerdings nie entfalten können.

Creutz‘ Ideen sind vor allem in seinem Grundlagenwerk „Das Geld-Syndrom – Wege zu einer krisenfreien Wirtschaftsordnung“ nachzulesen, dessen Erstausgabe 1993 erschienen ist und das 2012 überarbeitet neu aufgelegt wurde (Verlag Mainz, 483 Seiten, 16,80 Euro).

Creutz hinterlässt seine Frau Barbara und vier Kinder. Er wird im engen Familienkreis beigesetzt.

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