Aachener Projektwerkstatt droht Insolvenz

Von: Berthold Strauch
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Machen Elektroschrott zu Geld: Geschäftsführer Bernd Blankenstein und Betriebsleiter Olaf Schifflers (von links) von der Aachener Projektwerkstatt, die wertvolle Materialien aus den Geräten ausbaut. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Bernd Blankenstein will nicht drum herumreden. „Wir sind in echten Schwierigkeiten“, stöhnt der ehrenamtliche Geschäftsführer der gemeinnützigen Aachener Projektwerkstatt (APW). Die aktuellen Probleme drücken das Unternehmen, das einen wichtigen sozialen Beitrag in der Stadt leistet, sehr.

Blankenstein malt unumwunden die mögliche „Insolvenz aufgrund fehlender Liquidität“ als akutes Damoklesschwert an die Wand. Käme es dazu, könnten rund 110 Arbeitsplätze verloren gehen. Und davon wären fast ausschließlich ohnehin bereits benachteiligte Menschen betroffen, die aus der Arbeitslosigkeit kamen und über das Jobcenter vermittelt und gefördert wurden.

Der 76-jährige ehemalige Manager aus der Automobilindustrie verweist auf die „wichtigste Kernkompetenz“ der APW, die jetzt schmerzlich wegzubrechen droht: die ökologische Entsorgung von Elektroschrott. Die Mitarbeiter kümmern sich um die Separierung des in den ausrangierten Computern, Toastern oder Waschmaschinen enthaltenen wertvollen Materials. Die Metalle aller Art, Kunststoffe und anderes werden dann zu Rohstoffmarktpreisen verkauft.

Laut den getroffenen Vereinbarungen stellt die Stadt Aachen der APW die früher teils ziemlich edlen Gerätschaften zum Ausschlachten zur Verfügung, aus formalen Gründen täglich maximal eine Tonne. Doch in letzter Zeit, so Blankenstein im Gespräch mit unserer Zeitung, habe die „Werthaltigkeit des angelieferten Elektroschrotts erheblich abgenommen“.

Das fange damit an, dass praktisch bei allen Geräten bereits die Kabel verschwunden seien, die begehrtes Kupfermaterial enthalten – ausgeweidet von privaten „Schrottjägern“, wenn die bisherigen Besitzer das Material zur Sperrmüllabfuhr an die Straße gestellt hätten.

Benachteiligte weniger gefördert

Überdies werde die Werkstatt auch noch von einer anderen Seite massiv in die Zange genommen: Finanzielle Fördermaßnahmen für sozial Benachteiligte seien in den letzten Jahren stark rückläufig gewesen. So sei etwa die Verwaltungspauschale von 200 Euro pro betreutem Mitarbeiter zusammengestrichen worden. „Auch das schlägt rein“, bekräftigt der Geschäftsführer. Zudem habe die APW in letzter Zeit spürbar in die Verbesserung der Arbeitsplatzbedingungen für die Kollegen investiert. Sortiert wird der Schrott in einem Gebäude im Gewerbegebiet Brand an der Nordstraße.

Die Erlöse reichten inzwischen nicht mehr aus, den laufenden Betrieb ausreichend zu finanzieren, legt Bernd Blankenstein offen. Wenn sich keine schnelle Lösung abzeichne, und danach sehe es derzeit überhaupt nicht aus, werde die Versammlung der Gesellschafter, zu denen etwa das Sozialwerk Aachener Christen gehört, in Kürze wohl Insolvenzantrag stellen müssen.

„Noch hoffen und kämpfen alle Beschäftigten unverdrossen um ihre Arbeitsplätze, aber die Schlinge wird zusehends enger“, macht der Geschäftsführer keinen Hehl aus der heiklen Situation. Helfen würde der APW, wenn sie die Höchstmenge von einer Tonne Elektroschrott täglich ausweiten dürfte. Es gebe, so Blankenstein, Kontakte zu Aachener Unternehmen, die entsprechend mehr liefern könnten.

Doch so einfach sei dies nicht, wie unlängst ein Gespräch mit dem zuständigen Kölner Regierungspräsidium ergeben habe. Ein Genehmigungsverfahren zur Anhebung der Obergrenze nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz auf die erhofften, finanziell auskömmlichen drei Tonnen sei langwierig, geht der Geschäftsführer von etwa zwei Jahren aus.

Aber solch eine lange Durststrecke könne die Werkstatt keinesfalls durchhalten. Und damit gerate gleichermaßen auch die Finanzierung des von der APW ebenfalls betriebenen Sozialkaufhauses in Eilendorf in höchste Gefahr.

Helfen würde Blankenstein eine befristete Ausnahmegenehmigung, um bis zu einer Zustimmung die Grenzwerte zu überschreiten. Eine Sprecherin der Stadtverwaltung verwies darauf, dass hier eine politische Initiative an den Rat vonnöten sei, um eine gewünschte Unterstützung gewährleisten zu können.

Mehr als nur Geld verdienen

„Ein weiterer Lösungsansatz zur Rettung der Arbeitsplätze wäre, wenn die vorhandenen Überkapazitäten in den vorhandenen Räumen mit anderen Unternehmen geteilt werden könnten“, macht Blankenstein deutlich. Für die Betroffenen sei ihr Job „mehr, als Geld zu verdienen“, Sie hätten wieder einen Tagesrhythmus, seien Teil der Gesellschaft und besäßen die Chance, auf den ersten Arbeitsmarkt zurückkehren zu können. Diese soziale Komponente drohe wegzubrechen. „Es wäre schade, wenn die Menschen wieder auf der Straße stünden.“

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