Aachener Campus: Entscheidung fällt mitten in der Nacht

Von: Marlon Gego und Thorsten Karbach
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Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart, doch das Investitionsvolumen wird von der Immofinanz nun auf 63 statt der bislang stets genannten 50 Millionen Euro beziffert. Foto: Andreas Steindl
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Der Gebäudekomplex ist der bislang teuerste und größte aus dem Campus und hat deswegen ungeheure Symbolkraft für das gesamte Campus-Projekt.

Aachen. Als Günther Schuh den Aachener Campus 2009 eröffnete und prominente Festredner das Großprojekt der RWTH wortreich in den Himmel hoben, konnte er allenfalls eine vage Vorstellung davon gehabt haben, was in den nächsten Jahren alles auf ihn zukommen würde. In der Nacht zum Samstag nun erreichten Schuhs Abenteuer auf dem Aachener Campus ihren vorläufigen Höhepunkt.

Bis Mitternacht verhandelten er und seine Mitarbeiter der RWTH-Campus-GmbH mit dem Düsseldorfer Investor Robertino Wild. Kurz gesagt: Die Lage war ernst.

23.59 Uhr und 59 Sekunden

In dieser Nacht ging es um das zentrale Gebäude auf dem Campus, 50 Millionen Euro teuer. Baubeginn hätte am 10. Februar 2014 sein sollen, der Bauherr Robertino Wild. Doch erst gab es Probleme mit den Grundstücksverträgen, dann kaufte Wild, im Hauptberuf Chef des Autozulieferers Capricorn, für 77 Millionen Euro den Nürburgring. Es gibt viele Gerüchte darüber, aus welchen Gründen Wild im Sommer in finanzielle Schwierigkeiten geraten sein könnte, wirklich wissen tut es aber kaum jemand. Mit Sicherheit lässt sich nur sagen: Der Baubeginn auf dem Aachener Campus verzögerte sich immer weiter.

Ende September kündigte die RWTH-Campus-GmbH Wild den Baukonzessionsvertrag. Allerdings wurde ihm eine Frist eingeräumt, seine vertraglichen Pflichten bis Ende Oktober zu erfüllen, bis vergangenen Freitag, 23.59 Uhr und 59 Sekunden. Im Oktober dann wurden Wilds Geldprobleme öffentlich, er konnte die zweite Rate für den Nürburgring nicht bezahlen, fünf Millionen Euro. Auch die Nürburgring-GmbH räumte Wild eine Frist bis vergangenen Freitag, 23.59 Uhr und 59 Sekunden ein, um die Rate zu bezahlen. Noch vor einer Woche rechnete niemand damit, dass Wild seine Verträge würde erfüllen können, weder am Nürburgring noch in Aachen. Niemand – außer Wild selbst.

Am Donnerstag dann überschlugen sich die Ereignisse. Die Insolvenzverwalter des Nürburgrings teilten mit, die zweite Rate sei bezahlt. Die dritte, die im Dezember fällig gewesen wäre, gleich mit. Und am Samstagmorgen erklärte Günther Schuh auf Anfrage unserer Zeitung, dass, wenn alles gut geht, noch im November mit dem Bau des 50 Millionen Euro teuren Gebäudes für das Forschungscluster Produktionstechnologie auf dem Aachener Campus begonnen werden könne.

Wie hat Wild das gemacht?

Den Nürburgring kaufte Wild mit der Capricorn-Nürburgring-Besitzgesellschaft (CNBG). Zwei Drittel der CNBG-Anteile hielt Wild, ein Drittel der Autozulieferer Getspeed. Kurz vor Ablauf der Frist am vergangenen Freitag trat Wild seine CNBG-Anteile an den russischen Pharmaunternehmer Viktor Charitonin ab. Ob Charitonin Geld für Wilds Anteile bezahlte, ist nicht bekannt. Wichtiger für Wild war: Weil Charitonin sofort die fälligen Raten bezahlte, vermied Wild eine Vertragsstrafe in Höhe von 25 Millionen Euro, die er der Nürburgring-GmbH hätte bezahlen müssen, wenn die zweite Rate nicht bis vergangenen Freitag bezahlt worden wäre.

Dieser Coup machte auch die Wende auf dem Aachener Campus möglich. Nachdem bekannt geworden war, dass Wild am Nürburgring keine Vertragsstrafe würde zahlen müssen, nahm ein laut Günther Schuh „seriöses und solventes Unternehmen“ wieder Kontakt mit Wild und Schuh auf, das sich bereits vorher einmal für das 50-Millionen-Projekt auf dem Aachener Campus interessiert hatte. Bis spät in die Nacht zum Samstag verhandelten Wild, Schuh und das Unternehmen. Kurz vor Ablauf der Frist um Mitternacht gewährte Günther Schuh Robertino Wild einen erneuten Fristaufschub bis zum 20. November, um seinen vertraglichen Pflichten auf dem Campus nachzukommen.

Der Hintergrund: Das laut Schuh „seriöse und solvente Unternehmen“ wird aller Voraussicht nach Wilds Capricorn-Campus-GmbH übernehmen, doch dazu müssen erst die Gremien des Unternehmens zustimmen. Schuh erwartet, dass der Kaufvertrag zwischen Wild und dem Unternehmen „bis Ende dieser Woche“, spätestens aber bis zum 20. November unterzeichnet ist. Da offenbar die Bauaufträge für das Campus-Gebäude schon vergeben sind, könnte noch im November mit dem Bau begonnen werden.

Bitte keine Indiskretion

Als Gegenleistung für den erneuten Fristaufschub hat die RWTH-Campus-GmbH sich die Rechte am Gebäudeentwurf des Münchener Stararchitekten Gunter Henn zusichern lassen. Zwar hatte Wild den Entwurf nach Informationen unserer Zeitung bis Anfang vergangener Woche noch nicht bezahlt, aber das ist für Günther Schuh „zweitrangig“.

Bleibt noch die Frage: Wer ist das Unternehmen, das Wild die Capricorn-Campus-GmbH abkaufen und das Gebäude auf dem Campus bauen will? Den Namen des Unternehmens, „das nicht aus Russland kommt“, wie Schuh sagt, möchte er erst nennen, wenn alle Verträge unterzeichnet sind. Doch um das 50-Millionen-Projekt durch eine Indiskretion zu gefährden, hat Schuh auf dem Campus schon zu viel erlebt. Mehr jedenfalls, als er sich bei der Eröffnung 2009 hätte vorstellen können.

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