Aachen - Aachen, zwölf Uhr mittags: Schweigen

Aachen, zwölf Uhr mittags: Schweigen

Von: Fabian Ajaj und Margot Gasper
Letzte Aktualisierung:
Schweigeminute im Biologie-Lei
Schweigeminute im Biologie-Leistungskurs der Jahrgangsstufe 12. Wie hier an der Viktoriaschule beteiligen sich zahlreiche Aachener Schulen an dem stillen Gedenken für die Opfer des Foto: Heike Lachmann

Aachen. Donnerstag, zwölf Uhr. In vielen Schulen, in Firmen, in Verbänden, in Büros der öffentlichen Verwaltung steht der Alltagsbetrieb für einige Augenblicke still.

Die Menschen gedenken der Opfer neonazistischer Gewalt. Deutschland ist aufgerufen innezuhalten. Und auch viele Aachener schweigen. Donnerstag, zwölf Uhr. In der Viktoriaschule ertönt ein elektronisches Signal durch die Lautsprecheranlage. Schülersprecher Marius Mehling bittet mit ruhiger Stimme um eine Gedenkminute für die Opfer des Rechtsterrors. Es wird still in den Klassen, kein Kichern, keine Albernheiten.

„Schule ohne Rassismus”

Am Vormittag hat Mehling bereits per Lautsprecher die bundesweite Schweigeminute angekündigt und die Hintergründe erklärt. NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann hatte alle Schulen im Land ausdrücklich aufgefordert, der Gewaltopfer zu gedenken.

„Im Sozialwissenschafts- und Geschichtsunterricht werden oft aktuelle Themen, wie auch der Rechtsterrorismus, angesprochen”, sagt der Schülersprecher. „Und natürlich diskutieren wir in den Pausen auch über politische Themen.”

„Wir sind eine Schule ohne Rassismus”, erklärt Marius Mehling stolz und verweist auf das große schwarz-weiße Schild am Haupteingang. „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage” ist ein Projekt von Schülern für Schüler und bietet die Möglichkeit, sich aktiv gegen Rassismus, Mobbing und Gewalt zu stellen. Das evangelische Gymnasium ist eine von über 1000 Schulen, die an diesem Schulnetzwerk beteiligt sind. Schulleiter Axel Schneider diskutiert an diesem Vormittag im Unterricht mit seinen Schülern über die Gewalt von Rechts. Für ihn ist klar: „Zu unseren Hauptaufgaben gehört die Arbeit mit Schülern gegen das Vergessen.”

Donnerstag, zwölf Uhr. Im städtischen Bürgerservice in der
Wespienstraße ist heute wenig los. Gerade hat die elektronische Anzeigentafel die Nummer 954 aufgerufen. Teamleiterin Karin Neisser bittet kurz um Gehör, erläutert den Anlass der Schweigeminute. Das gemeinsame Gedenken verbindet in dieser Minute Menschen, die hier jeden Tag zusammenarbeiten, und Menschen, die ausgerechnet an diesem Mittag den Service der Stadt nutzen. Sonja Mauritz zum Beispiel wollte eigentlich nur einen neuen Personalausweis beantragen. „Ich hatte von der Sache im Vorfeld nichts mitbekommen”, gesteht die Sozialpädagogin, „aber ich finde die Aktion gut. Und ich hoffe, dass es nutzt, dass sich etwas ändert.”

Donnerstag, zwölf Uhr. Das Callcenter der Stadt Aachen wirbt mit dem Slogan „Wir sind für Sie da”. Und das gilt - auch in dieser Minute. Alle Bediensteten folgen nach Möglichkeit dem Aufruf des Oberbürgermeisters und schweigen, erklärt Rita Klösges vom Presseamt. Der Dienst am Kunden habe allerdings Vorrang. Schließlich hat das Team von Call Aachen an einem ganz normalen Donnerstag rund 2000 Anfragen zu bewältigen. Auch für die Feuerwehr heißt die Devise: Schweigeminute ja, aber die Einsätze gehen vor.

Donnerstag, zwölf Uhr. Im Polizeipräsidium sind die Beamten zum stillen Gedenken aufgerufen. Polizeipräsident Klaus Oelze verbringt die Minute zusammen mit Kollegen im Foyer.

Schweigen im Bus

Donnerstag, zwölf Uhr. Zahlreiche Aachener Betriebe folgen dem Aufruf von Gewerkschaftsbund und Arbeitgeberverbänden. Auch etliche große Firmen wie Philips, Saint Gobain, Lambertz oder Lindt & Sprüngli unterbrechen für eine Minute den Betrieb. Im Zeitungsverlag Aachen gibt es ebenfalls eine Schweigeminute.

Donnerstag, zwölf Uhr. Bei der Aseag wird geschwiegen - aber sozusagen im laufenden Betrieb. Die rund 300 Linienbusse halten nicht an. Aber aus der Aseag-Leitstelle geht der Aufruf in jeden einzelnen Bus: „Ich bitte Sie, gemeinsam innezuhalten, um der Opfer rechter Gewalt zu gedenken.”
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