Aachen - Aachen soll Hexenprozesse aufarbeiten

Aachen soll Hexenprozesse aufarbeiten

Von: Gerald Eimer
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Wo heute der Verkehr fließt,
Wo heute der Verkehr fließt, ging es einst raus zum Richtplatz, auf dem auch „Hexen” verbrannt wurden. Eine Gedenktafel gibt es an der Ecke Königstraße/Junkerstraße nicht. Das soll sich Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Die Zeit der Hexenverfolgung könnte zu einem Fall für den Rat der Stadt Aachen werden: Der Hobbyforscher Andreas Vogt, seit vielen Jahren fasziniert vom Hexen-Thema, hat jetzt den Antrag gestellt, die in Aachen vor mehr als 350 Jahren zu Unrecht ermordeten Frauen offiziell zu rehabilitieren.

Zugleich regt er an, eine Gedenktafel anzubringen, um an die grausamen Geschehnisse zu erinnern, die sich bis ins 17. Jahrhundert ­hinein auf dem Richtplatz vor dem Königstor - dort, wo heute die Junkerstraße die Königstraße kreuzt - zutrugen.

Als vermutlich letzte „Hexe” von Aachen soll im Jahr 1649 ein 13-jähriges Waisenkind lebendig verbrannt worden sein. Als Tochter von fahrenden Leuten soll sie auf den Straßen umhergeirrt sein, schildert Hetty Kemmerich in ihrem Buch über Hexenprozesse „Sagt, was ich gestehen soll”. Sowohl die Brüder als auch die Eltern des Mädchens sind zuvor zu Tode gefoltert worden. Über das Mädchen hieß es, ihm sei der christliche Glaube und der Sonntagsgottesdienst fremd gewesen. Unter dem Vorwurf der Giftmischerei wurde es angeklagt und später wegen Zauberei und Teufelsbuhlschaft zum Tode verurteilt.

Dieser Fall habe ihn besonders schockiert, sagt Hartmut Hegeler, evangelischer Pfarrer im Ruhestand und Mitstreiter von Vogt. Gemeinsam bemühen sie sich, die Verbrechen von damals aufzuarbeiten. In mehreren Städten Deutschlands machen sie sich für die Rehabilitierung von „Hexen” stark.

Vogt, der in Düsseldorf wohnt und in Aachen arbeitet, hält das Thema für hochaktuell. Die Rehabilitierung wäre ein symbolisches Zeichen gegen die Ausgrenzung von Minderheiten ganz allgemein, ist Vogt überzeugt. „Falsche Beschuldigungen und Gewalt gegen Andersdenkende, Andersgläubige und Anderaussehende erleben wir auch heute noch.” Die Opfer der damaligen Hexenprozesse nachträglich als unschuldig einzustufen, ist in seinen Augen „ein überfälliger Akt im Geist der Erinnerung und Versöhnung”. Die Rehabilitierung würde der Stadt zur Ehre gereichen, meint auch Hegeler: „Und was auch die Kämmerin freuen wird: Es kostet nichts.”

Hegeler, der die Webseite http://www.anton-praetorius.de betreibt, beschäftigt sich inzwischen seit mehr als zehn Jahren mit Hexenprozessen. Nicht nur Frauen seien Opfer der Hexenprozesse geworden, sagt er, auch Männer und Kinder wurden aufgrund willkürlicher Anklagen und Urteile hingerichtet. Und es sei auch nicht die katholische Inquisition allein, die die Urteile gefällt hat, stets seien weltliche Gerichte beteiligt gewesen. Die Hexenprozesse zeigten, dass Vorurteile und Diskriminierung ein sehr altes Phänomen sind.

Eine Sicht, die der Aachener Historiker Werner Tschacher bestätigen kann. Er hat über die Hexenverfolgung im Spätmittelalter promoviert. Hexen stehen am Beginn aller Verschwörungstheorien, sagt er. „Auch in der Aachener Geschichte gibt es zahlreiche Beispiele für die furchtbare Wirkung solcher Verschwörungstheorien und Ausgrenzungen”: Angefangen von den Hinrichtungen der Ketzer im 16. Jahrhundert über Ausschreitungen gegen Freimaurer bis hin zur nationalsozialistischen Hetze gegen Juden, Zigeuner, Farbige, Schwule oder Kommunisten und bis hin auch zur heutigen Ausländer- oder Islamfeindlichkeit.

Kaum Protokolle vorhanden

Die Reichsstadt Aachen sei vermutlich keine Hochburg der Hexenverfolgung gewesen, sagt Tschacher. Viele Unterlagen sind allerdings beim großen Stadtbrand 1656 verloren gegangen. Belege gibt es über Hexenprozesse gegen Maria Kroiseti, die Krämerin Cecilia, Catharina Brandt, Gertrud Eurichs, Zey Kaußen, Eiff von Montzen, Catharina von Themen und jenes namenlose 13-jährige Mädchen. Sie alle wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt, teils zuvor enthauptet oder erdrosselt.

Nichts erinnert heute an ihr Schicksal, bemängelt Vogt. Eine Gedenktafel oder ein Denkmal sollte sie daher in Erinnerung rufen und ihnen „die geraubte Menschenwürde” zurückgeben.

Noch tut sich Oberbürgermeister Marcel Philipp offenbar schwer mit dem Antrag. Eine Stellungnahme oder Bewertung will er vorerst nicht abgeben. Den Ratsmitgliedern ist der Antrag noch nicht weitergeleitet worden, was wohl auch mit der für ihn offenen Frage zu tun hat, ob dies wirklich eine politische Angelegenheit ist, die ernsthaft im Rat debattiert werden muss.

Daran besteht für Vogt allerdings kein Zweifel. Andere Städte hätten es längst vorgemacht - zuletzt das westfälische Rüthen, das mit der Rehabilitierung der Opfer bundesweit Beachtung fand. Auch Tschacher könnte sich ein Mahnmal oder eine Erinnerungstafel für die in Aachen getöteten Hexen und Ketzer gut vorstellen: „Der weltoffenen Europastadt Aachen würde zumindest eine öffentliche Debatte über dieses Thema gut zu Gesicht stehen”, meint er.

Dass die Debatte 350 Jahre hat auf sich warten lassen, schade nichts. Die katholische Kirche hat schließlich genauso lange gebraucht, um Galileo Galilei zu rehabilitieren.
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