Aachen - 8000 Kugeln aus Jülich sind im Kugelbrunnen verbaut

8000 Kugeln aus Jülich sind im Kugelbrunnen verbaut

Von: Heiner Hautermans
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Aachen sei um eine Attraktion reicher, hieß es in Zeitungsartikeln im Jahr 1977 nach der Fertigstellung des Kugelbrunnens. Vor zehn Jahren wurde das Wasserkunstwerk überholt, unter anderem geräuschlose Edelstahllager eingebaut - Anwohner hatten sich beschwert. Foto: Harald Krömer

Aachen. Die Geschichte klingt unglaublich, wie ein verspäteter Aprilscherz. Aber sie ist wahr. Der bekannte Würselener Künstler Albert Sous hat Kugeln aus der Kernforschungsanstalt (KFA) Jülich in die Hände bekommen - mehrere 100.000 Stück.

Nach seinen Worten sind diese „nie in der Nähe von radioaktivem Material gewesen”. Dies hätten auch Messungen mit einem Geigerzähler eines befreundeten Physikers ergeben.

Der Metallbildhauer und Goldschmied hat in der Folge die Kugeln flächendeckend verwendet. 8000 von ihnen sind in Aachen verbaut, als Grundlage für den Kugelbrunnen auf der Adalbertstraße.

Die kinetische Plastik aus Edelstahl besteht aus drei ineinandergefügten Kugeln, deren Segmente sich wie Blüten einer Blume öffnen, wodurch in sechs Metern Höhe ein bewegtes Wasserspiel entsteht. Das Wasser fällt auf die 8000 Jülicher Kugeln. Fertiggestellt wurde sie im Oktober 1977, der Meister legte selbst Hand an und schweißte die 3000 Einzelteile zusammen. Die Kugeln aus Porzellan waren zuvor mit einer Diamantsäge halbiert worden, „damit man sie befestigen kann”.

Nicht unumstritten

Das Kunstwerk aus Edelstahl war übrigens seinerzeit nicht unumstritten. Der ehemalige Beigeordnete Prof. Fischer äußerte Bedenken, dass sich die Aachener rasch an dem Objekt aus Edelstahl satt sehen könnten, außerdem gab es Zweifel, ob das bewegliche Kunstwerk auf Dauer funktionieren könnte. Doch der neue Baudezernent Dr. Wilhelm Niehüsener setzte sich durch, Albert Sous, der den ersten Preis des Wettbewerbs gewonnen hatte, konnte seinen Entwurf verwirklichen. Einen anderen, quadratischen Brunnen aus Jülicher Kugeln errichtete er in Bergisch-Gladbach.

Mit der Verwendung ausrangierter Materialien verfolgte der jetzt 75-Jährige schon frühzeitig den Gedanken des Recyclings: „Das Material seiner Skulpturen ist zweck- und funktionslos Gewordenes, meist Edelstahl. Wie ein Archäologe nimmt er die Hinterlassenschaft ernst”, so präsentiert der gebürtige Stolberger sich selbst auf seiner Homepage. Im persönlichen Gespräch drückt er es so aus: „Die Idee ist, dass ich mich total zurücknehme, um Dinge zu erhalten und als Kunstwerk weiterzugeben.”

Um Rohmaterial für seine Projekte zu bekommen, arbeitete er mit vielen Firmen zusammen, etwa auch Apparateunternehmen für die Textilindustrie, die Edelstahl verwendeten, „mein Hauptmaterial”. Und auch mit der Kernforschungsanstalt Jülich arbeitete er zusammen, genauer der Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor Jülich.

So erhielt er viel Versuchsmaterial, das nie einer Strahlung ausgesetzt worden sei und in Jülich keine Verwendung mehr fand: „Ich war Nutznießer der KFA. Die haben das sehr positiv gesehen. Für sie war das wertloses Material. Für sie war das die beste Art der Abschreibung, dass ein Künstler eine weitere Verwendung findet.” 1971 bekam er dann spitz, dass haufenweise Kugeln unweit vom umzäunten Gelände der KFA in einer Halde verbuddelt worden waren, die wollte er ebenfalls haben.

Erste Grabungen blieben erfolglos, erst der Hinweis einer Anwohnerin führte zum Erfolg. Unter einer drei Meter dicken Deckschicht, die er mit mittelschwerem Räumgerät entfernte, fand der Metallbildhauer, der seit 1963 in Würselen zu Hause ist, in einer zugedeckten Mulde zehn Container mit nach seiner Schätzung einigen hunderttausend Kugeln, die meisten aus Porzellan, die wohl in einer Probephase benutzt worden seien, aber auch welche aus Graphit, natürlich ohne radioaktiven Kern, betont er: „Die sind nie gebraucht worden.” Zeitweise musste Sous ein Lager bei einer Brander Baufirma anmieten, um der schieren Masse Herr zu werden.

Nach und nach verwendete er das Abfallmaterial, nicht nur in Aachen und Bergisch-Gladbach, sondern auch auf seinem Privatanwesen, wo unter anderem das Flachdach mit den Jülicher Kugeln gepflastert ist. Im Garten errichtete er eine Pyramide daraus, 24 Rundlinge im Quadrat, 24 Kugeln hoch. 4308 wurden dafür gebraucht. Alle Besucher, die sich dafür interessierten, erhielten von ihm die Antwort: „Nehmen Sie mit, so viele sie tragen können.” So schrumpfte sein Vorrat, rund 20.000 Kugeln, so schätzt er, sind noch auf seinem Grundstück.

Nicht alle Abnehmer vertrauten dem Künstler blind. „Ich hatte heute sechs Anrufe, ob man sich von den Kugeln trennen müsse.” Der 75-Jährige konnte die Leute beruhigen: „Die sind völlig harmlos und haben mit all dem, was jetzt los ist, nichts zu tun.”

Was nicht verhindert, dass Sous eine klare Meinung zu den womöglich verschwundenen 2285 radioaktiven Brennelementekugeln hat: „Man verunsichert die Bevölkerung. Das muss geklärt werden.”
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