6000 Öcher gehen dem Müll an den Kragen

Von: Lee Beck
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Unzählige blaue Müllsäcke gehen am Samstag durch die Hände der Mitarbeiter des Aachener Stadtbetriebs. An der Sammelstation in Haaren wird der Müll auf Lkw geladen. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Eigentlich sieht es aus wie ein einfaches Beet. Sträucher, ein Baum, Laub, Erde, Unkraut – alles ganz normal. Doch was sich an Müll in dieser vielleicht 50 Quadratmeter großen Grünfläche an der Kreuzung Wirichsbongard­straße/Borngasse versteckt, ist unvorstellbar.

Es ist noch recht früh am Samstagmorgen. Die Mitarbeiter des Parkhauses in der Wirichsbongardstraße sind überpünktlich. Eigentlich geht der vierte Aachener Frühjahrsputz erst um zehn Uhr los, um halb zehn sind sie zusammen mit der Bürgergemeinschaft Henger Herrjotts Fott bereits fleißig. Ran an die Besen, rein in die Handschuhe, auf die Mülltüten: Dann geht‘s los. Vor dem Parkhaus und um das Denkmal „Henger Herrjotts Fott“ wird Unkraut gejätet, es werden Flaschen eingesammelt und Papierchen aufgehoben. Das Beet hatte es bitter nötig, von diesem Dreck befreit zu werden, wie sich später herausstellt.

Projektwoche im Vorfeld

6000 Menschen haben sich laut Stadt im Vorfeld zum freiwilligen Putzen angemeldet haben – darunter Privatpersonen, Schulen, Kitas und Vereine. Eine rekordverdächtige Zahl. Der Frühjahrsputz findet zum vierten Mal statt. Die Kindergartengruppen und Schulkinder haben – wie die vergangenen Jahre auch – schon in der vorigen Projektwoche damit begonnen, die Stadt für den Sommer zu säubern.

Pünktlich um 10 Uhr steigt Oberbürgermeister Marcel Philipp, ausgerüstet mit festen Schuhen, funktionaler Kleidung und gelbem „Saubere Sache!“–Button an der Jacke, am Preuswald aus seinem Auto. Auch Ratsherr Wolfgang Boenke, Mitglieder der Jungen Union sowie die Reservistenkameradschaft TSH/FSHT haben sich vor der Grundschule Bildchen eingefunden. „Bushaltestellen, Parkplätze und Grünflächen haben wir heute im Blick“, sagt der OB. Für den Stadtbetrieb ist es schwierig, diese Teile der Stadt sauber zu halten, deswegen raffen sich die Freiwilligen auf. „Doch es geht natürlich am meisten darum, Bewusstsein zu schaffen und zu entwickeln“, sagt Marcel Philipp.

Wilder Müll von Tieren verteilt

Die Lagebesprechung findet einen Katzensprung entfernt im Stadtteilbüro Preuswald statt. Gelbe Handschuhe, Greifer, blaue und gelbe Säcke werden ausgeteilt – wichtige Begleiter im städtischen Feldzug gegen den Müll. Auf einem Abschnitt der Lütticher Straße ist es besonders schlimm. Wilder Müll wurde dort von Hunden und anderen Tieren über den Seitenstreifen verteilt. Kurze Zeit später schwärmen die Helfer in alle Richtungen aus. Teamgeist ist heute in der Stadt zu spüren, alle packen mit an. Das Ziel: Dem Stadtbetrieb, wenn er die Müllsäcke später einsammelt, beim Anblick der vielen blauen Säcke eine Freude zu machen.

Alfred Böcking ist weniger funktional gekleidet. Er trägt eine Anzughose und feine Schuhe, traut sich aber trotzdem so tief ins Gebüsch hinein, dass er fast verschwindet. Große Plastikstücke und jede Menge Müll zieht er aus der Grünfläche. Die Reservisten unter der Leitung von Holger Herf und Helmut Roßbach sind zu einem Parkplatz auf der Lütticher Straße gezogen. Auch der vierjährige Jason sammelt eifrig mit – an der Seite seiner Eltern. Wilder Müll zieht sich hier über den ganzen Grünstreifen.

Um 11 Uhr haben sich 23 Auszubildende der Stadt Aachen, die aus der ganzen Region kommen, vor dem neuen Tivoli auf der Krefelderstraße eingefunden. Auch hier sind die berüchtigten gelben Handschuhe und die blauen Säcke im Einsatz. Krefelderstraße, Grüner Weg, Prager Ring heißt die Devise. Alles, was nicht in die Natur gehört muss eingesammelt werden. Wenn es nach der Auszubildenden Francesca Egitto geht, sollte es nicht nur einen Frühjahrsputz geben, sondern solche Aktionen könnten öfter im Jahr stattfinden. „Aber am besten ist es natürlich, wenn die Leute von Anfang an ihren Müll nicht auf die Straße werfen“, sagt die 22-Jährige.

Am Strangenhäusschen ist Bert Naeven ein einzelner Kämpfer auf dem Grünstreifen gegenüber der Autobahnabfahrt der A4. „Eine Schweinerei!“, regt er sich auf, während er sich unerlässlich bückt, um Müll aufzuheben. Am meisten muss er sich heute für Zigarettenverpackungen bücken. „Das sind jedes Jahr die Spitzenreiter“, sagt er. Schon seit mehreren Jahren putzt Naeven sich hier seinen Weg durchs Grüne und sammelt dabei mehrere Säcke voller Müll. Man dürfe nicht genauer hinter die Böschungen schauen. „Ich habe dort ganze Küchenzeilen und Autoreifen gesehen“, sagt Naeven empört.

In Haaren ziehen Vereine und Privatpersonen an einem Strang. Etwa der Aachener Kinderkarneval (Akika), der Männergesangsverein und der Karnevalsverein Hooreter Frönnde sind unter dem Motto „Haaren und Verlautenheide räumen auf“ unterwegs. Rund 50 Leute haben sich hier heute eingefunden. Am Ende füllen sie zwei mittelgroße Lkw mit blauen Säcken. Die Arbeiterwohlfahrt hat hier für ein Catering gesorgt, so dass die fleißigen Helfer sich auf eine feine Suppe freuen konnten.

Erschöpfte Helfer

Um 12 Uhr zurück am Parkhausbeet in der Innenstadt: 14 blaue Säcke, vollgestopft bis oben hin, warten dort, um abgeholt zu werden. Daneben ein großer Karton voller leerer Glasflaschen. Auf den Bänken sitzen erschöpft die Helfer. „Wir sind kaputt“, sagt der 86-jährige Matthias Weber, Schatzmeister der Bürgergemeinschaft Henger Herrjotts Fott müde. Aber das Beet und das Denkmal, frisch geputzt, strahlen in neuem Glanz.

Dieter Bohn vom Aachener Stadtbetrieb ist um 13 Uhr mehr als beeindruckt: Nicht nur ist schon der erste 20 Kubikmeter große Container mit Müll gefüllt, sondern die Leute haben aus teils extrem zugewachsenen Stellen den größten Müll aufgesammelt. Darunter sind Autoreifen, Felgen, Teppichböden oder gar ganze Küchenzeilen. Er spricht den Aachenern für den diesjährigen Frühjahrsputz ein großes Kompliment für ihren Fleiß und Eifer aus. Die Bilanz der Stadt am Samstagabend: 47 Kubikmeter gesammelter Müll.

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