Aachen - 30 Jahre Grautvornix: „Gebrauchte Männer“ auf dem Wühltisch

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30 Jahre Grautvornix: „Gebrauchte Männer“ auf dem Wühltisch

Von: Wolfgang Schumacher
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Grautvornix bei Kappertz: Die beiden Frauen Gaby Dufern (l.) und Eva Vleek gehen im Männer-Secondhand-Laden lustig bis lüstern einkaufen. Die Szene bot viel Wortwitz und Situationskomik, sie bekam viel Applaus. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Zwei Abende Amüsantes über die Abgründe des Alltags – und zwar eines Alltags, der in seiner satirischen Aufarbeitung jetzt auf eine 30-jährige Geschichte zurückblickt: Die Kulttruppe „Grautvornix“ schaffte es in ihrem Jubiläumsprogramm aus dem Stand, zweimal hintereinander die Kappertz-Hölle in Rothe Erde zu füllen und am Ende ein begeistertes Publikum zurückzulassen.

Die Frontfrauen Gaby Dufern und Eva Vleek sind schon etwas Besonderes in der Formation zwischen den inzwischen „gestandenen“ Mannsbildern Manni Grouls, Dieter Grosse-Heilmann, Stefan Huppertz, Norbert Becker und Krenne Aymans.

Die beiden verkörpern den reinen Gegensatz, Gaby Dufern gerne als „Grande Dame“ oder in einer anderen Szene als eher einfältige Gattin, die zierlichere Eva Vleek mal als freche Göre mit Anlehnungen an die naive Ingrid Steeger aus der 1970er-Jahre-Kultserie „Klimbim“ oder als Beziehungsvamp im Glitzer-Outfit. Doch was beide neben ihrer Spielpräsenz auf der Bühne heraushebt, sind ihre guten Singstimmen, die man bei einer semiprofessionellen Gruppe nicht immer erwarten kann.

Rasende Rollator-Greise

Auch deswegen war der zweieinhalbstündige Abend einfach schön und kurzweilig. Unbedingt ein Höhepunkt des in der alternativen Aachener Lachszene verorteten Programms war beispielsweise in der zweiten Hälfte des Programms eine Shopping-Szene besonderer Art. Vleek und Dufern hatten sich aufgemacht, im Secondhand-Laden „gebrauchte“ Männer einkaufen zu wollen. Drei davon lagen halbnackt hübsch auf einem Wühltisch drapiert, zwei standen als Sonderangebote aufrecht, Krenne Aymans dabei mit auffällig betonter Männlichkeit und einem dümmlichen Grinsen im Gesicht.

Die Dialoge sparten nicht mit deftigen Anspielungen auf den Ehealltag der Frauen. Dufern bei einem Klatsch auf den nackten Hintern eines männlichen Kaufobjektes: „Ne, der is nix, so ‘nen Muffkopp hab‘ ich doch schon zu Hause!“ Ein anderer wurde als dritte Wahl eingestuft, weil er einen nicht abwaschbaren Leberfleck an der Innenseite seiner Schenkel aufwies, bei anderen reichte der freche Blick in die Unterhose zu einem anerkennenden Pfeifen.

Die Lacher waren bei diesem Thema garantiert, das Ganze rutschte nie in Klamauk. Denn Grautvornix hat es immer geschafft, den Nummern – wie etwa die Fahrt von Auswärtigen mit einem Navi durch den Öcher Rosenmontagszug oder in der Anfangsszene als rasende Rollator-Greise – sowohl einen örtlichen wie einen gesellschaftlichen Bezug zu geben.

Attraktiver Männer-Strip

Da auch das Thema „Alter“ den Akteuren immer näher auf die Pelle rückt, schaffen Sprüche wie die Aufforderung, den VHS-Kurs „Trauerkartenpapier selber Schöpfen“ zu besuchen oder mit dem Sterbegebet zum Himmel „heute hier, morgen schon fort“ hintersinnige bis sarkastische Einsicht zu zeigen, eine echte Kumpanei zum Gang in die zweite schöpferische Lebenshälfte der Akteure.

Dabei trugen die fünf Männer auch heute noch einen durchweg attraktiven Strip vor, nur war es ein „Strip verkehrt“. Denn sie begannen beinahe nackt sich in den Hüften wiegend vor dem Publikum anzuziehen, bis Manni Grouls im schwarzen Anzug da stand oder ein anderer in einer glitzernden Showmaster-Jacke endete. Das war schon gekonnt und ließ Frauenherzen höher schlagen.

Grautvornix ist einfach vielseitig. Das rührt aus der Zeit, als die Gruppe in den 1980er Jahren überlegte, sich ganz auf die Kabarett-Laufbahn zu stürzen. Auch heute gibt es noch beachtliche Jonglagen, und es sind noch eine ganze Anzahl von Hebefiguren im Programm. Und exotische musikalische Nummern wie die in einer Baustellenszene, bei der die Sieben mit verschiedenen Plastikrohren in abwechselnder Folge eine Percussion-Nummer darbieten, die musikalisch überzeugt.

Oder sie beackern mit hintersinnigem Humor das Lieblingsthema der Öcher, dass nach dem Schmelzen der eisigen Polkappen der Öcher Strand am Lemierser Berg beginnt und Palmen die Maastrichterlaan in Vaals säumen.

Grautvornix war ein essenzieller Bestandteil der alternativen Öcher Strunx-Sitzung. Deshalb kommen auch Nummern gut an, die das Hin und Her zwischen AKV und der über mehr als 20 Jahre lang äußerst innovativen alternativ-karnevalistischen Strunx-Szene thematisieren.

Bereits am Beginn des Abends hatte Manni Grouls vorsorglich vor karnevalistisch anmutenden Szenen gewarnt. Doch auch sie fügten sich ohne jeden Schmerz bestens ein – das ganze Programm schreit nach einer künftigen Fortschreibung.

Denn es gab riesigen Beifall, und es mussten zwei Zugaben her, um den Hunger des Publikums nach mehr bei Kappertz einigermaßen zu stillen.

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