Aachen - 23 Busstunden - und schuld ist die Wolke

23 Busstunden - und schuld ist die Wolke

Von: Martina Rippholz
Letzte Aktualisierung:
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Startpunkt für lange Sitzreisen: Von der Hüls aus fahren täglich Busse nach ganz Europa. Derzeit steigen auch viele Menschen auf den Bus um, die nach London, Madrid und Moskau wollen, aber wegen des Flugverbots nicht weiterkommen. Foto: Harald Krömer

Aachen. Das wird vielleicht die längste Fahrt seines Lebens. 23 Stunden auf dem Sitzplatz eines Reisebusses, von Aachen bis nach Madrid. Davor graut es Daniel Barrero schon ein bisschen.

Doch es geht nicht anders. Der 46-jährige Spanier sitzt fest. Schuld ist die Wolke. Der riesige Aschehaufen vom isländischen Vulkan Eyjafjallajökull, der sich seit Donnerstag vergangener Woche über halb Europa verteilt hat, hat Barreros Reispläne gehörig durchkreuzt. „Ich war geschäftlich bei einer Messe in Frankfurt. Eigentlich wollte ich am Freitag zurückfliegen”, erzählt er. „Doch dann ging nichts mehr”.

Jetzt steht der Handelsvertreter in Aachen auf der Hüls, im Container des Reisebüros Ortlieb. Dort, wo man Tickets für Fernreisen nach ganz Europa kaufen kann. Auch direkt nach Madrid. Barrero kauft eins, um 13.15 Uhr gehts los.

Nur noch ein knapper Tag, dann ist er endlich Zuhause. Doch warum der Umweg über Aachen? Weil der 46-Jährige Glück im Unglück hatte. Seine Schwester Elena lebt in Aachen und Barrero nutzte die Zeit einfach für einen Kurzurlaub. Seit vier Jahren hatten sich die beiden nicht gesehen. Elena: „Ich war total froh, dass die Aschewolke ihn zu mir gebracht hat.”

Aachen-London täglich voll

Doch nicht allen erging es in den vergangenen Tagen wie dem Spanier. Viele landeten auf dem Bushalteplatz auf der Hüls, ohne liebe Verwandte als Unterstützung. „Viele, die aus dem Urlaub oder von Geschäftsreisen zurück nach Hause wollen, kommen hierher”, sagt Krzysztof Baingo, Mitarbeiter von Ortlieb-Reisen. „Die Busse, die hier abfahren, sind seit Tagen ausgelastet. Die Strecke Aachen-London ist täglich voll.”

Auch, weil von hier überhaupt täglich Busse nach London fahren. Oder nach Warschau. Oder in andere europäische Städte. Zehn bis zwölf Busse sind es pro Tag. Baingo schätzt den Anstieg beim Ticketverkauf auf etwa 20 Prozent. Alles nur wegen der Wolke.

Ähnlich geht es Thomas Röhrig. Der Stationsleiter der Avis-Autovemietung in Aachen hat wegen Eyjafjallajökull ebenfalls viel um die Ohren. Nicht unbedingt zu seinem Missfallen. „Wir sind ungefähr dreimal so stark ausgelastet wie sonst”, sagt er. „Das ist gut fürs Geschäft.” Wegen der toten Hose an den deutschen Flughäfen ständen die Leute bei ihm Schlange, reservierten kurzfristig für Strecken bis England und Frankreich.

Fehlende Mietautos

„Oder auch bis Budapest, Wien oder Barcelona”, sagt Tim Ast, Röhrigs Kollege bei der Vermietung Hertz. „Manche steigen hier auch auf ein größeres Fahrzeug um, weil sie in Amsterdam oder Marseille nur noch einen Kleinwagen bekommen haben.” Asts Auto-Wunschpalette ist daher schon drastisch geschrumpft. Denn viele Mieter geben ihre Wagen auch an ganz unvermuteten Orten ab. In Aachen fehlen sie dann. „Es wird langsam eng. Aber bisher konnten wir jedem ein Auto geben”, sagt Ast. Wer sich derzeit auf vier Rädern Richtung Heimat aufmachen kann, gehört noch zu den Glücklichen. Mit den weniger Glücklichen hat Thomas Maas zu tun. Fast jede Minute. Denn so häufig klingelt seit Ende vergangener Woche bei dem Leiter des Aachener Ltur-Shops das Telefon. „Jede Menge Kunden hängen irgendwo auf der Welt fest”, sagt er. „Reisende rufen aus Hongkong oder von Mallorca an und wollen umbuchen oder stornieren.”

Viele fragten auch, ob sie nicht einen oder zwei Tage später fliegen könnten. Doch Maas bleibt ebenso wie seinem Kollegen vom Laurensberger Reisebüro nur eins: beschwichtigen - und sich schnellstmöglich mit dem Flugunternehmen kurzschließen.

Thomas Maas: „Von uns fordert der ein oder andere Urlauber prophetische Voraussagen. Aber wir wissen auch nicht mehr als die Nachrichten sagen.” Geduld scheint in diesen Tagen also das einzige wirkungsvolle Hilfsmittel gegen Eyjafjallajökulls Ausbruch zu sein. Auch für Daniel Barrero. Der sitzt heute morgen immer noch im Reisebus. Und wird diese Tour auf der Straße durch halb Europa wohl so schnell nicht vergessen.
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