Aachen - „2. Chance-Plus“: Ein Medizinstudent wird Tischlergeselle

„2. Chance-Plus“: Ein Medizinstudent wird Tischlergeselle

Von: an
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Neu orientiert: Das Medizinstudium war nichts für Ahmed Sabbagh. Jetzt arbeitet er als Tischler – in seinem Traumberuf.

Aachen. Olaf Korr hat in seinem Leben schon einige Bewerbungen gelesen, als Geschäftsführer der gleichnamigen Tischlerei in Brand gehört das ja zu seinem Job. Aber so ein Anschreiben, wie es jetzt da vor ihm auf dem Schreibtisch lag, hatte er noch nie bekommen.

Es war nicht so, dass Korr eine neue Fachkraft suchte, eigentlich war der Bedarf gedeckt. Aber als er die Bewerbung gelesen hatte, da wollte er den Verfasser kennenlernen. Er rief ihn an, es gab ein sehr ehrliches Gespräch. „Ich habe seinen Mut bewundert“, sagt Korr. Und: „Nach dem Vorstellungsgespräch war mir klar, dass ich ihm auf jeden Fall einen Praktikumsplatz gebe.“ Dabei ist es nicht geblieben: Es folgte eine Tischlerlehre. Und schließlich eine Festanstellung.

Warum sollte die Tischlerei Korr ausgerechnet einen wie ihn anstellen? So ähnlich hat Ahmed Sabbagh das in seinem Bewerbungsschreiben gefragt. Da dürfte er nicht der Erste gewesen sein, aber normalerweise folgt auf so eine Frage ja eine lange Aufzählung der persönlichen Vorzüge. Sabbagh hat es anders gemacht. Er listete das auf, was gegen ihn sprach. Und das war ziemlich viel. Zumindest auf den ersten Blick. Aber was er zu bieten hatte, war eine Geschichte, wie man sie nicht jeden Tag liest. „Und ich freue mich immer, wenn ich interessante Menschen kennenlerne“, sagt Korr. Deswegen hat er Sabbagh dann auch angerufen.

Sabbagh, 42, sagt, dass er schon als Kind Freude an dem Gedanken fand, eines Tages als Tischler zu arbeiten. Es ist sein Traumberuf. Eigentlich braucht er das gar nicht zu sagen. Man sieht es ihm an. Zum Beispiel wenn er über die Arbeit an seinem Gesellenstück spricht, nein, schwärmt. Er holt dann sein Smartphone raus, streicht übers Display, zeigt Fotos von allen Phasen der Entstehung des Objekts. Geht es um den Job, ist Sabbagh jedenfalls schwer zu bremsen. Was ihn am meisten fasziniert? „Der große schöpferische Anteil. Wenn Sie abends nach Hause gehen, sehen Sie, was sie gemacht haben – oder auch nicht.“ Dann lacht Sabbagh.

Ahmed Sabbagh war nicht immer so glücklich mit dem, was er tat. Der Tischlerberuf war jedenfalls schon mal in weite Ferne gerückt. Als es darum ging zu entscheiden, was er aus seinem Leben macht, da war das Handwerk keine Option. Sabbagh durfte keine Lehre beginnen, die Eltern wollten das nicht. Also schrieb er sich für Medizin ein. Das Studium lief gut und eigentlich hätte die Geschichte so weitergehen können, ein abgeschlossenes Medizinstudium ist ja nicht die schlechteste Qualifikation. Aber da waren eben auch diese Zweifel. Ist es wirklich das, was du machen möchtest?

Sabbagh kannte die Antwort eigentlich schon länger. Aber die Entscheidung traf er dann erst im praktischen Jahr, kurz vor dem Ziel sozusagen. „Ich habe einfach gemerkt, dass das nichts für mich ist“, sagt Sabbagh. Prestige hin, Verdienstmöglichkeiten her: Er brach ab. Nicht ohne einen Plan zu haben allerdings.

Sabbagh arbeitete schon während des Studiums in der Gastronomie. Es hat ihm immer Spaß gemacht. Deswegen beschloss er, das Ganze nun professionell anzugehen. Irgendwann kaufte er ein eigenes Geschäft, Franchise-System, viel Verantwortung, hohes Risiko. Kurz gesagt: Es hat nicht funktioniert. Was dann kam? „Bauchlandung“, sagt Sabbagh. Was in diesem Fall heißt: Jobcenter. Aber seine Geschichte ist ja an dieser Stelle nicht zu Ende. „Ich bin das beste Beispiel dafür, dass das Sozialsystem funktioniert. Es hat mir wieder da rausgeholfen“, sagt Sabbagh.

„Bei Herrn Sabbagh haben alle Zahnräder ineinander gegriffen“, sagt Stefan Graaf. Er ist Geschäftsführer des Jobcenters der Städteregion Aachen. Und die Geschichte von Ahmed Sabbagh findet er ziemlich gut. Weil sie nicht zuletzt zeigt, dass einem Projekt, für das er zuständig ist, der richtige Ansatz zugrunde liegt. Es heißt: „Die 2. Chance-Plus“. Und damit ist auch schon ganz gut beschrieben, worum es dabei geht: Menschen, die in ihrem ursprünglich erlernten Job keine Perspektive mehr haben, neue Berufswege zu ebnen. Sie auf eine Tätigkeit in einer anderen Branche vorzubereiten. Kurz: sie umzuschulen. Vom Mediziner und Gastronomen zum Tischler, Ahmed Sabbagh beweist ja, dass das funktionieren kann. „Für uns sind diese positiven Beispiele wichtig, weil sie auch andere Menschen motivieren, so etwas zu schaffen“, sagt Graaf.

Das Jobcenter hilft nicht nur den Umschulungswilligen mit einer Analyse der persönlichen Stärken und Schwächen, Bewerbungstraining und persönlichem Coaching. Es unterstützt auch die Betriebe, die bereit sind, einem Menschen eine zweite Chance zu geben. Wer im Rahmen des Projekts jemanden umschult, sprich ausbildet, bezahlt ihm eine Vergütung von 100 Euro pro Monat – die weiteren Ausgaben zur Grundsicherung trägt das Jobcenter.

Natürlich ist das ein Anreiz. Ein Einstellungskriterium ist es nicht. Zumindest nicht für Olaf Korr. Er sagt: „Ich habe zu den Mitarbeitern von Anfang an gesagt: ‚Leute, 100 Euro schön und gut. Aber wenn der nicht ins Team passt, dann bringt uns das nichts.‘“ Aber Sabbagh passte ins Team. Das war nach dem Praktikum in der Tischlerei klar. Deswegen begann er dort seine Ausbildung, verkürzt auf zwei Jahre.

Einfach war das sicher nicht. Eine Menge Stoff in kurzer Zeit. „War anstrengend“, sagt Sabbagh. Funktioniert hat es trotzdem, besser vielleicht noch, als Olaf Korr das erwartet hätte. Er sagt: „Ahmeds Gesellenstück ist echt gut bewertet worden.“ Natürlich macht der Chef sich jetzt Gedanken, wie das weitergehen soll mit seinem 42-jährigen Tischlergesellen. Was er ihm im Betrieb für Entwicklungsperspektiven aufzeigen kann. Was dieser an Wünschen und Vorstellungen für die eigene Zukunft hat. Im Idealfall passen diese zusammen, und man arbeitet noch viele Jahre weiterhin erfolgreich miteinander. Das jedenfalls ist der Wunsch und das Ziel von Korr und Sabbagh. Und darüber sprechen sie offen und ehrlich miteinander – so haben sie es von Beginn an gemacht.

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