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18 Wohnheimsplätze: „Nur ein Tropfen auf dem heißen Stein“

Von: Holger Richter
Letzte Aktualisierung:
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Die erste Wohneinheit steht schon an der Karl-Marx-Allee, am 15. November soll sie gemeinsam mit Räumen für die nächtliche Erstaufnahme in Betrieb gehen. Bis Mitte Dezember soll noch eine weitere Wohneinheit folgen. Foto: Harald Krömer
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Udo Wilschewski ist vor allem die Willkommenskultur wichtig, mit der das ZfsA in Burtscheid die jungen Flüchtlinge empfängt.

Aachen. Seit vier Monaten laufen die Vorbereitungen, vor drei Wochen kam die Baugenehmigung und in der vergangenen Woche begannen die Arbeiten an den „modularen Wohneinheiten“, wie Udo Wilschewski sie nennt, auf dem Gelände des Jugendheims St. Johann an der Karl-Marx-Allee mitten in Burtscheid.

Bis zum 15. November soll die erste Wohneinheit, die das Zentrum für soziale Arbeit (ZfsA) in Burtscheid aus einzelnen Containermodulen dort errichtet, fertig sein. Bis Anfang Dezember soll eine zweite folgen. Jede bietet Platz für neun unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und deren Betreuer. Hinzu kommen Räume für die nächtliche Erstaufnahme der Flüchtlinge, für die ebenfalls das ZfsA zuständig ist. Doch für Udo Wilschewski, der gemeinsam mit seiner Frau Cornelia das ZfsA leitet, sind selbst diese 18 zusätzlichen Plätze nur „ein Tropfen auf dem heißen Stein“.

„Flüchtlinge hat es immer gegeben“, sagt Wilschewski aus seiner langjährigen Erfahrung, „aber seit circa drei Jahren werden es immer mehr.“ Folglich steige auch der Bedarf an Unterbringungsplätzen stetig an.

Mehr als 800 jugendliche Flüchtlingen hat die Stadt Aachen in diesem Jahr bereits aufgenommen, rund 400 davon leben nach Auskunft von Björn Gürtler vom städtischen Presseamt derzeit in Aachen – aufgeteilt in Wohngruppen des ZfsA, der evangelischen Jugendhilfe Brand, eines privaten Betreibers in Eilendorf oder in Maria im Tann. Weil aber diese Plätze bei weitem nicht ausreichen, leben auch einige – Wilschewski spricht von rund 100 – in Hotels und Pensionen. „Das wird aber nur im Notfall gemacht“, so Gürtler, „die jungen Flüchtlinge sollen so schnell es geht in einer Wohngruppe untergebracht werden, weil dort der Kontakt zu den Betreuern einfach besser ist.“

Auch Udo Wilschewski sieht die Unterbringung in Hotels kritisch. Unter anderem deshalb hat sich das ZfsA entschlossen, die neuen Unterkünfte auf dem 4000 Quadratmeter großen Grundstück an der Karl-Marx-Allee zu errichten. Dort können die Bewohner auch die Einrichtungen des benachbarten Jugendheims nutzen. „Außerdem wird es Kooperationen mit den Jugendgruppen dort geben“, kündigt Wilschewski an. Das ZfsA hat aber auch selbst bereits neue Mitarbeiter eingestellt, die die Jugendlichen dort rund um die Uhr betreuen werden.

Derzeit betreut das ZfsA bereits 14 junge Flüchtlinge in sogenannten Verselbstständigungsgruppen sowie 15 weitere in einer Vollbetreuung. „Mit den 18 Plätzen an der Karl-Marx-Allee werden wir dann fast 50 unbegleitete Flüchtlinge betreuen“, zählt Cornelia Wilschewski auf. Doch selbst das reiche nicht aus. „Um dem Bedarf gerecht zu werden, müssten täglich in Aachen rund zwei neue Betreuungsplätze geschaffen werden“, fügt ihr Mann hinzu.

Schlimme Schicksale

Seit drei Jahren sammelt das Ehepaar Erfahrung in der Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Schlimme Schicksale haben sie dabei schon erlebt. „Viele haben eine zweijährige Flucht von bis zu 9000 Kilometern hinter sich und sind schwer traumatisiert“, berichtet Udo Wilschewski. Außerdem haben sie festgestellt, dass es „die Flüchtlinge“ gar nicht gebe, „sondern immer nur Einzelschicksale“. Schlechte Erfahrungen mit den jungen Menschen haben die Wilschewskis so gut wie keine gemacht. „Bei uns hat es keine Randale oder Vandalismus gegeben“, sagen sie. Verantwortlich dafür sei die „Willkommenskultur“, die sie beim ZfsA erarbeitet haben. „Wir haben uns hier allen fünf Weltreligionen gegenüber geöffnet, weil viele Flüchtlinge uns erzählt haben, dass sie auf ihrer Flucht nur ihren Gott als einzige Bezugsperson gehabt hätten“, nennt der Leiter des ZfsA, das in evangelischer Trägerschaft steht, ein Beispiel dafür. Diese Willkommenskultur soll auch an der Karl-Marx-Allee herrschen – und in Zusammenarbeit mit der Bürgerstiftung Lebensraum weiter ausgebaut werden. So ist Wilschewski überzeugt: „Wenn dort nachts die Polizei vorfährt, dann bringt sie neue Flüchtlinge. Sie kommt nicht etwa, weil dort etwas passiert ist.“

Für die Bauweise in Containermodulen habe man sich übrigens entschieden, „weil es in Aachen keine passenden Immobilien mehr gibt“, sagt der ZfsA-Leiter. „Und in drei Wochen können wir kein neues Haus bauen.“

Die Wohneinheiten sind für eine Laufzeit von zunächst zweieinhalb Jahren ausgelegt. Am 13. November soll das Landesjugendamt die Einrichtung abnehmen. An den Kosten beteiligt sich auch die Aachener Firma Babor, die das ZfsA schon seit Jahren unterstützt.

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