Auch die Kriegsenkel brauchen viel Trost

Von Margot Gasper 04.09.2009, 16:49

Aachen. Kriegsenkel. So nennt die Kölner Journalistin und Autorin Sabine Bode die Jahrgänge, die in den Jahren von 1960 bis etwa 1975 geboren sind. Die Eltern dieser Frauen und Männer waren Kinder im Zweiten Weltkrieg.


Das Grauen dieses Krieges, so wissen Fachleute heute, hat die Kinder massiv beeinflusst. Und Sabine Bode ist überzeugt: Auch die Kriegsenkel leiden unter dem, was ihre Eltern im Krieg erleben mussten. Am Montag, 7. September, spricht Bode in Aachen über die «Kinder der Kriegskinder». Der Titel ihres Vortrags: «Kriegsenkel - die Erben der vergessenen Generation».

Sabine Bode, Jahrgang 1947, befasst sich seit vielen Jahren mit dem Schicksal der Kriegskinder und Kriegsenkel. Mehrere Bücher hat sie zum Thema geschrieben. Die Forschung wisse heute ziemlich genau, wie sich die Kriegserlebnisse auf die Kinder von damals ausgewirkt haben, sagt Bode und verweist zum Beispiel auf Erkenntnisse des Münchener Traumaforschers Michael Ermann. «Acht bis zehn Prozent der Kinder von damals wurden so traumatisiert, dass sie heute psychisch krank sind.»

Nette Eltern

Ein Drittel der Kriegskinder immerhin sei «in der Lebensqualität psychosozial eingeschränkt», zitiert Bode. Sie übersetzt das so: «Diese Kriegskinder sind sehr leicht zu verunsichern.» Das wiederum wirft für die Autorin die spannende Frage auf: Was geben die Eltern an ihre Kinder weiter?

Eine Erkenntnis: Kriegskindern ist es oft nicht möglich, ihrem Nachwuchs Vertrauen ins Leben zu vermitteln. Denn sie selbst haben, um mit dem Erlebten zu leben, Gefühle «weggedrückt». Immer wieder erfährt Bode in Gesprächen: Natürlich sind die Kriegskinder von damals nette Eltern. «In ihre Kinder aber können sie sich oft nur schwer einfühlen.» Das äußere sich zum Beispiel so, dass diese Eltern Ängste und Nöte ihrer Kinder schlichtweg nicht nachvollziehen könnten. «Kinder werden zum Beispiel nicht getröstet, sondern beschwichtigt.»

Unter dem Strich diagnostiziert die Kölner Autorin «relativ viel Lebensangst in der Generation der Kriegsenkel». Viele Frauen und Männer, die heute in der Mitte des Lebens stehen, berichten Bode von dem Gefühlt, dass sie ihr eigenes Leben nicht geregelt kriegen, dass sie ihre Potenziale nicht ausschöpfen, Träume nicht verwirklichen.

Es seien unbewusste Mechanismen, die bei Eltern und Kindern ablaufen, sagt Sabine Bode, «aber durch die Erkenntnis platzt oft der Knoten». Solch eine «Entblockade» - die Einsicht der Kriegsenkel, warum ihr Eltern so sind, wie sie sind - könne sehr erleichternd sein.

Bereits vor zwei Jahren sprach Sabine Bode in Aachen über die Kriegskinder. Für die Elternschule liegt es nahe, jetzt auch den Aspekt «Kriegsenkel» aufzugreifen. «Wir arbeiten ja mit Menschen, die Eltern sind», erläutert Ute Müller-Giebeler vom Leitungsteam der Elternschule. «Dabei haben wir festgestellt, dass die Beziehung der jungen Eltern zu ihren eigenen Eltern auch von Kriegserfahrungen bestimmt wird. Und das wiederum hat Einfluss auf den Umgang der jungen Mütter und Väter mit ihren eigenen Kindern.»

Für Interessierte schließt sich im Herbst eine Erzählwerkstatt unter fachlicher Leitung zum Thema Kriegsenkel an.