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Kopftuch: Schutz und religiöses Symbol

Von: Leandra Kubiak
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Zeyneb (links) und Gülsüm sind befreundet und beide muslimisch. Die eine trägt Kopftuch, die andere nicht. Foto: Leandra Kubiak

Aachen. Gülsüm Mermer (21) und Zeyneb Bektas (20) studieren in Aachen im Bereich der Ingenieurwissenschaften. Ihre Familien stammen aus der Türkei, und beide sind überzeugte Musliminnen. Zeyneb trägt Kopftuch, Gülsüm nicht. Ein Gespräch über die Bedeutung des Kopftuchs, die Rolle von Mann und Frau und die Wahrnehmung durch die Gesellschaft.


Wir Hier: Ihr seid beide überzeugte Musliminnen. Warum tragt Ihr Kopftuch – beziehungsweise kein Kopftuch?

Zeyneb: Ich trage das Kopftuch in erster Linie wegen Gott. Im Koran heißt es, Frauen sollen ihre Blicke senken und ihre Reize bedecken. Es geht außerdem darum, nicht auf das Äußere reduziert zu werden und uns zu schützen. Deshalb gibt mir das Kopftuch auch ein Stück Selbstbewusstsein. Gülsüm: Ich finde, ein Kopftuch zu tragen, ist nichts, das man macht, weil es einem jemand anderes sagt. Wenn man ein Kopftuch tragen möchte, sollte man dafür bereit sein. Und ich fühle mich zurzeit noch nicht bereit dafür. Trotzdem stehe ich hinter meinem Glauben. Aber es ist einfach noch eine Barriere für mich.

Wir Hier: Warum fühlst Du Dich nicht bereit dafür?

Gülsüm: Ich habe das nicht von klein auf so vorgelebt bekommen. Meine Mutter trägt erst seit zehn Jahren ein Kopftuch. Und natürlich prägt einen das, was einem die eigene Familie vorlebt. Ich bin mir aber trotzdem dessen bewusst, dass es als Muslimin eigentlich meine Aufgabe ist, ein Kopftuch zu tragen.

Wir Hier: Hast du Angst davor, wie andere Menschen darauf reagieren könnten?

Gülsüm: Nein, das nicht. Ich würde es ja für niemand anders machen, sondern für mich. Und ich kenne mein Umfeld. Ich denke, für die würde das nichts ändern.

Wir Hier: Wurdest du, zum Beispiel in der Gemeinde, schon einmal dafür kritisiert, dass du kein Kopftuch trägst?

Gülsüm: Nein. Ich wurde noch nie deswegen verurteilt. Das ist etwas, das man für sich selbst entscheiden muss.

Wir Hier: Welche Rolle hat deine Familie bei der Entscheidung gespielt, Zeyneb?

Zeyneb: Ich trage das Kopftuch aus eigener Überzeugung. Ich hatte aber den Luxus, dass meine ganze Familie muslimisch ist und ich meine Religion daher von klein auf gelernt habe. Das Kopftuch war mir nie fremd. Seit ich Kind bin, wusste ich, dass ich ab der fünften Klasse auch ein Kopftuch tragen würde. Anfangs ist es mir oft passiert, dass ich das Kopftuch zu Hause vergessen habe. Das war aber nicht schlimm, ich sollte mich einfach langsam daran gewöhnen.

Wir Hier: Was würde dein Umfeld wohl dazu sagen, wenn du kein Kopftuch mehr tragen würdest?

Zeyneb: Das ist mir selbst überlassen. Wenn ich es nicht wollen würde, könnte ich es abnehmen. Das wäre kein Problem. Aber für mich kam das bisher nie in Frage.

Wir Hier: Ist das in eurer Freundschaft ein Thema, warum die eine ein Kopftuch trägt, und die andere nicht?

Zeyneb: Nein, wir haben jetzt eigentlich zum ersten Mal richtig darüber gesprochen. Wir sind seit einigen Monaten befreundet, aber das war bisher nie ein Thema.

Wir Hier: Zeyneb, gab es schon Situationen, in denen du das Gefühl hattest, du wirst wegen deines Kopftuchs anders behandelt als andere?

Zeyneb: Ja, manchmal merke ich da Unterschiede. In Geschäften zum Beispiel habe ich ab und an das Gefühl, anders behandelt zu werden. Und letztens wurde ich von einem älteren Mann angerempelt; dem passte es halt nicht, wie ich aussehe.

Wir Hier: Wann ziehst du Dein Kopftuch aus?

Zeyneb: Zu Hause. Im Koran ist genau beschrieben, wer einen ohne Kopftuch sehen darf: der eigene Vater, die eigenen Söhne, die Geschwister der Eltern, die Familie eben. Jeder, der mich theoretisch heiraten könnte, dürfte mich nicht ohne Kopftuch sehen. Unter Frauen gilt eine andere Schamgrenze. Bei muslimischen Männern ist das übrigens genauso. Da gibt es auch bestimmte Schamgrenzen, die sie einhalten sollten.

Wir Hier: Empfindet ihr es manchmal als ungerecht, dass für Frauen andere Regeln gelten als für Männer?

Zeyneb: Zwischen Männern und Frauen gibt es ja nunmal einen biologischen Unterschied. Die Schönheit gehört einfach zur Frau. Deshalb sehe ich das nicht als Ungerechtigkeit. Die Regeln können für Mann und Frau nicht gleich sein, weil Mann und Frau nicht gleich sind. Gülsüm: Ich sehe das nicht als frauenfeindlich. Frauenkörper werden oft als Objekt dargestellt und sozusagen konsumiert. Wir Frauen sind aber doch nicht begrenzt auf unsere Reize. Durch das Kopftuch stehen die inneren Werte im Vordergrund.

Wir Hier: Sollte ein Mann eine Frau nicht grundsätzlich respektvoll behandeln, so dass eine Verschleierung gar nicht nötig wäre?

Zeyneb: Der Satz im Koran „Senkt eure Blicke“ richtet sich ja an beide: an Frauen und Männer. Es geht aber auch darum, andere nicht zu Fehlern zu verleiten. Und wenn ich einen entblößten Busen sehe, dann gucke ich ja schließlich auch hin.

Wir Hier: Gülsüm, du zeigst deine Haare. Ist es dir schon passiert, dass du auf unangenehme Art und Weise von Männern angeguckt wurdest?

Gülsüm: Nein, eigentlich nicht. Trotzdem sehe ich einen Unterschied darin, ob man ein Kopftuch trägt oder nicht. Es ist ein religiöses Symbol und bei mir erkennt man nicht sofort, dass ich Muslimin bin. Zeyneb: Ich merke da auch einen Unterschied. Die Leute sind mir gegenüber oft vorsichtiger, wenn es um Körperkontakt, zum Beispiel Umarmungen, geht.

Wir Hier: Gülsüm, was meinst du, wie du in fünf oder zehn Jahren dazu stehen wirst? Willst du in Zukunft ein Kopftuch tragen?

Gülsüm: Es ist mein Glaube, deshalb will ich schon irgendwann in meinem Leben ein Kopftuch tragen. Ich weiß aber noch nicht, wann das sein wird. Wenn ich es selber will, werden mich auch der Beruf oder die Gesellschaft nicht daran hindern.

Wir Hier: Was sollte sich in der Gesellschaft ändern, wenn es nach euch geht?

Zeyneb: Der Islam wird oft negativ aufgefasst. Ich würde mir weniger Vorurteile und mehr Offenheit wünschen. Gülsüm: Wenn die Bereitschaft da wäre, mehr über den Islam zu erfahren, könnten auch einige Vorurteile abgebaut werden. Und es ist wichtig, Kultur, Tradition, Politik und Religion nicht miteinander zu vermischen, sondern die Unterschiede zu kennen. Von Leandra Kubiak

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