Stolberg - Historistische Architektur: Die Burg Stolberg erkunden

Historistische Architektur: Die Burg Stolberg erkunden

Von: Markus Westphal
Letzte Aktualisierung:
8274235.jpg
Sie ist eine der wenigen frei zugänglichen Burganlagen im Rheinland: die Stolberger Burg. Sie ist im Besitz der Stadt. Foto: Markus Westphal
8274639.jpg
Außenterrasse: bei schönem Wetter ein gemütlicher Platz zum Verweilen. Foto: Markus Westphal

Stolberg. In fast jedem Ort des Rheinlandes stand einst eine Burg, ein Schloss oder Herrenhaus. Weit über hundert dieser Adelssitze blieben erhalten, doch nur wenige sind frei zugänglich. Einer davon ist die Burg Stolberg, die auf einem steil zum Vichtbach hin abfallenden Sporn errichtet wurde. Der Sage nach soll hier um 800 ein Jagdschloss Karls des Großen gestanden haben.

Im Mittelalter als Raubritterburg berüchtigt, wurde sie um 1900 durch den Fabrikanten Moritz Kraus umgestaltet. Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten die dabei erfolgten Ein- und Umbauten teilweise entfernt werden; sie waren durch die zu sparsame Bauausführung einsturzgefährdet. So kam wieder mehr ältere Bausubstanz zum Vorschein, und die Burg zeigt heute eine reizvolle Verbindung von spätmittelalterlicher, frühneuzeitlicher und historistischer Architektur. In den vergangenen Jahren konnte der Stolberger Bauhistoriker Christian Altena viele neue Erkenntnisse zur Baugeschichte der Burg gewinnen, die in den folgenden Rundgang mit eingeflossen sind.

Burghof mit Dansker, Brunnen und Ringmauer: Vom Parkplatz vor der Burg gelangt man über eine Treppe oder den Aufzug im so genannten Dansker zum nördlichen Burghof. Ein Dansker ist ein über eine Brücke mit der Burg verbundener Toilettenturm. Diese Aufgabe besaß er hier nie, was schon auf seine Entstehungszeit um 1900 hindeutet.

Der Oberbau des Brunnens in der Nordwestecke stammt ebenfalls aus jüngerer Zeit, angelegt wurde er aber schon im Mittelalter. Den Burghof begrenzen die Reste der Ringmauer. Im 16. Jahrhundert stand hier aufgrund des flachen Vorfeldes eine mächtige Schildmauer. Sie setzte an der Nordseite des Geschützturmes an und reichte bis an die Treppe. Insbesondere sicherte sie den Palas, da sie bis zu dessen Traufe reichte und so den Bewohnern den Luxus von großen Fenstern erlaubte.

Palas, Korridorbau und Gerichtsbau: Dem im Kern aus der Zeit um 1450 stammenden Palas mit Treppengiebel, Steildach und Walmgauben setzte man um 1900 einen korridorartigen Bau vor. Das Erdgeschoss des Palas beherbergt ein Restaurant, durch das man auch zum Aufzug gelangt. Alternativ erreicht man über eine Treppe den Geschützturm und das Obergeschoss des Foyers. Hier befindet sich der Zugang zum Rittersaal, dem größten Raum der Burg.

An altem Bestand finden sich in der Südwand drei Kreuzstockfenster sowie in der ehemaligen nördlichen Außenwand das Eingangsportal und vier gotische Fenster mit Sitzbänkchen. Der darüberliegende Raum mit offenem Dachstuhl wird Galerie genannt, da hier wechselnde Ausstellungen stattfinden. In der Renaissancezeit befand sich hier ein Wohnappartement. Die Galerie ist über den ersten Stock des Geschützturms oder mit dem Aufzug erreichbar. Westlich des Palas schließt ein niedrigeres, rechteckiges Gebäude an, in dem einst Gericht gehalten wurde.

Der nach Mitte des 15. Jahrhunderts erbaute Turm war auf die fortgeschrittene Entwicklung der Feuerwaffen ausgelegt: Die Mauern baute man nun dicker, dafür mussten die Befestigungen insgesamt nicht mehr so hoch sein. Der Turm ist daher kein Bergfried, sondern ein Geschützturm, der nur die halbe heutige Höhe besaß und auf der oberen Plattform mit Kanonen bestückt war. Auf dieses Sockelgeschoss ließ Moritz Kraus ab 1888 ein neues Stockwerk plus eine mit Zinnen gestaltete Wehrplattform setzen. In die Mauern wurden Rundbogenfenster im neuromanischen Stil eingefügt. An der Außenseite verläuft unterhalb der Wehrplattform ein Rundbogenfries. Im ersten Geschoss befindet sich ein Seminar- und Ausstellungsraum, im Stockwerk darüber ist eine „Folterkammer“ eingerichtet. Die Begehung der Aussichtsplattform ist aus Sicherheitsgründen nur bei Führungen möglich.

Durch einen Torbau im Westen der Hauptburg kommt man in die Vorburg. Das Rundbogentor besitzt oben einen Wehrgang, der das Gerichtsgebäude mit dem dreigeschossigen westlichen Eckturm verbindet. An den Turm mit der markanten Zwiebelhaube ist nördlich das eingeschossige Torhaus historistisch angebaut. Die Gebäude und Mauern des heute als Vorburg bezeichneten unteren Burghofs wurden alle um 1900 errichtet. Bevor man die Torburg erreicht, sollte man noch einen Blick hinunter auf den unteren Torbau mit Wehrgang und das so genannte Burghaus mit hofseitigem Fachwerk werfen. In der zwingerartig angelegten Torburg befindet sich ein sehenswertes Museum, in dem Ausstellungen und Vorführungen von altem Handwerk sowie die Geschichte des Bergbaues in Stolberg präsentiert werden. Durch das neugotische Spitzbogentor gelangt man in die historische Altstadt oder zur Kirche St. Lucia, die aus einer Burgkapelle hervorging.

Eine erste Burg dürfte um 1100 errichtet worden sein, da 1118 ein Ritter Reinhard von Stalburg erwähnt wird. Im 13. Jahrhundert saßen hier die Edelherren von Frenz. Da das Geschlecht ausstarb, ging der Sitz 1324 an die verschwägerte Familie von Reifferscheid. Unter ihr erfolgte 1364 ein Ausbau der älteren Burg. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts starteten die Burgmannen des damaligen Besitzers Reinhard II. von Schönforst immer wieder zu Raubzügen in die Umgebung. Dies führte 1375 zur Zerstörung der „Raubritterburg“ bis auf die Grundmauern durch den Herzog von Brabant. 1396 gelangten Ruine und Herrschaft an die Grafen von Jülich. 1447 belehnten sie Wilhelm von Nesselrode mit der Burg unter der Verpflichtung des Wiederaufbaus. 1496 kam die Burg an die Herren von Efferen, die sie bis ins 17. Jahrhunderts besaßen.

Während des Geldrischen Erbfolgestreites erlitt die Burg 1542 starke Beschädigungen. Hieronymus von Efferen richtete sie daraufhin bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts wieder her. Von 1649 bis 1732 gehörte sie den Freiherren Raitz von Frentz, bis 1745 dem Freiherrn Anton Heinrich Ferdinand von Cortenbach und dann den Freiherren Beissel von Gymnich.

Von 1777 bis 1863 hatten die Grafen von Kesselstatt Herrschaft und Burg inne. Danach gelangte die inzwischen baufällige Burg in bürgerliche Hände. Es war ein Glücksfall, dass der Stolberger Fabrikant Moritz Kraus sich berufen fühlte, die Burg zu retten. 1887 kaufte er die heruntergekommene Anlage für 3000 Mark. Bis 1909 baute er sie mit Zinnen, Türmchen und Wehrerkern wieder auf und schenkte sie dann der Stadt, in deren Besitz sie bis heute ist. Im Zweiten Weltkrieg nur leicht beschädigt, erhielt die Burg durch den Rückbau in den Jahren 1950 bis 1954 ihr heutiges Aussehen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert