Ein Spaziergang in Maastricht: Erholung in der Stadt

Ein Spaziergang in Maastricht: Erholung in der Stadt

Von: Edda Neitz
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Im Stadtteil Céramique: In der Bordenhal, der ehemaligen Tellerhalle, wird kein Porzellan mehr verziert. Jetzt wird hier Theater gespielt und gefeiert. Dahinter ist das Centre Céramique zu sehen. Foto: VVV Maastricht
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Maritimes Flair am „Bassin“: Maastrichts einstiger Industriehafen. Foto: VVV Maastricht

Die kleinste Metropole Europas – wie Maastricht oft genannt wird – zeigt sich als eine Stadt, die geschickt alten brachliegenden Arealen ein neues Kleid verpasst. Entweder entsteht ein komplett neues Stadtgebiet, oder ein altes wird auf neue Bedürfnisse zugeschnitten.

„Der Apfelbaum soll hier stehen bleiben und zum Obstpflücken einladen“, sagt Rebecca Straetmans vom Büro Europa und führt zur Obstwiese am Frontensingel im Stadtteil Belvédère, das hinter dem Vrijthof und dem Marktplatz liegt. Inmitten eines vergessenen und für viele Menschen unbekannten Gebiets von Maastricht liegt die kleine Streuobstwiese.

In den vergangenen 40 Jahren hat sich niemand um den Grünstreifen entlang der alten Festung am Nordrand der Stadt gekümmert. Auch das Industriegebiet mit den verwaisten Hallen interessierte nicht. Doch das hat sich geändert. Damit hier ein offener Stadtpark – der Frontenpark – entstehen kann, erteilte die Stadt Maas-tricht dem Büro Europa, das aus dem Rotterdamer Institut für Architektur hervorgegangen ist, den Auftrag, das Areal zu einem stadtnahen Erholungsgebiet auszubauen.

Wer auf das Gelände tritt, starrt vorerst noch auf wilde Natur. Hohe Gräser mit vereinzelten Büschen und Bäumen breiten sich aus. Außer dem erst kürzlich angelegten Weg entlang einer alten Schienentrasse gibt es keinen weiteren Pfad. „Grundsätzlich wird sich hier wenig ändern“, sagt Rebecca Straetmans und dämpft gleich einmal mögliche Erwartungen. Denn weitläufige Rasenflächen, Blumenrabatten und ein Kinderspielplatz, mit denen öffentliche Grünflächen normalerweise ausgestattet sind, werden den Park nicht schmücken. Statt Kiosk und Café kann sich hier jeder überall seinen idealen Picknickplatz aussuchen.

Nur wenn Schafe die Wiesen zum Abgrasen bevölkern, könnte ein Picknick nicht empfehlenswert sein. Die Idee des Konzeptes liegt klar auf der Hand. Nicht nur der Bürger, der Natur und Entspannung sucht, soll hier sein Revier finden, sondern ebenso soll der Lebensraum für die vorhandene Tier- und Pflanzenwelt erhalten bleiben. Und die alten Fabrikhallen werden für Kunst und Kulturveranstaltungen offen sein.

Nicht zu übersehen ist der weiße Fa-brikkoloss der ehemaligen „Sphinx Keramik“, der ein paar hundert Meter entfernt liegt und in dem Wohnungen geplant sind. Um 1836 legte der Unternehmer Petrus Regout den Grundstein für seine Keramikfabrik, die später zu einem der größten Unternehmen dieser Branche wurde. Petrus Regout war es auch, der den Bau des Maastrichter Industriehafens veranlasste. Rund um den Binnenhafen – dem „Bassin“ – entstanden Fabriken und Speicherhäuser.

Viel ist nicht mehr davon übrig. Einige Fabrikgebäude wurden abgerissen. In den ehemaligen Speicherhäusern aus rotem Backstein wohnen jetzt Studenten. Frachtschiffe gibt es auch nicht mehr, jetzt liegen Yachten im Hafenbecken. Ein Spaziergang zu diesem historischen Binnenhafen lohnt sich allemal. Bei schönem Wetter sind Sitzplätze auf den Terrassen der kleinen Restaurants und Cafés in den ehemaligen Lagerkellern direkt am Wasser heiß begehrt.

Noch mehr an Avantgarde und modernem Design zeigt der Stadtteil Céramique auf der anderen Seite der Maas. Die meisten Besucher kennen das „Centre Céramique“ mit seiner beeindruckenden Glasfassade, das an der „Plein 1992“ nahe der Fußgängerbrücke „Hoge Brug“, liegt. Selten geht man weiter in das Viertel hinein, das bereits in den 80er und 90er Jahren entstanden ist.

Streng und nüchtern wirken die Gebäude auf manchen Betrachter. Bis 1963 war hier die Porzellanmanufaktur „Société Céramique“ beheimatet. Nachdem der Betrieb eingestellt worden war, schlummerten 23 Hektar Gelände und Gebäude einen Dornröschenschlaf. Erst 15 Jahre später wurde der niederländische Stararchitekt Jo Coenen von der Stadt beauftragt, einen komplett neuen Stadtteil zu bauen. Dazu holte er sich internationale Architekten mit ins Boot.

„La Fortezza“

„La Fortezza“ heißt das rundförmige, aus rotem Backstein gebaute Wohn- und Geschäftshaus des Schweizer Architekten Mario Botta an der Avenue Céramique. Gut geplant steht es in einer Sichtachse zu den alten Fortmauern der Stadt auf der anderen Seite der Maas. Der burgähnliche Bau mit Innenhof ist ein idealer Einstieg in den Céramique-Bereich, in dem sich rote Backsteingebäude – modern und funktional – mit dem Grün der Innenhöfe abwechseln. Es ist ruhig, ein reges Straßenleben gibt es nicht. An einer Stelle, am Heugemerweg, befindet sich noch ein Rest der alten Fabrikmauer.

Eines der interessantesten Gebäude ist zweifellos das Bonnefanten-Museum. Der italienische Stararchitekt Aldo Rossi hat es entworfen. Leuchtturm, Rakete oder Getreidesilo lauten die Spitznamen für den bulligen Kuppelbau mit zinkverkleidetem Kegel, der einen ganz besonderen Akzent am linken Maasufer setzt. Archäologie und Kunst sind die Themen des Museums. Nicht minder bedeutsam ist das danebenliegende ehemalige Industriegebäude, die Wiebengahalle, vom gleichnamigen Architekten 1912 gebaut. Es gilt als ein besonderes Zeugnis der damaligen Industriekultur. Ein Skelett aus Stahlbeton trägt Wände und Glasfassaden.

Hochwertiges Architekturdesign hat dieser Stadtteil im Überfluss. „De Stoa“ heißt der 300 Meter lange Wohnkomplex des Schweizer Architekten Luigi Snozzi, der direkt an der Maas gebaut wurde. Es ist außerdem kein Zufall, dass die Fassade einer alten Festungsmauer ähnelt. Sie steht an der Stelle der damaligen Wijker Stadtmauer aus dem 15. Jahrhundert.

Der Weg am Wasser entlang führt weiter zu den wenigen historischen Gebäuden aus der Zeit der „Societé Céramique“, die noch erhalten sind. Zuerst geht es vorbei an einem alten Wehrturm aus dem 15. Jahrhundert. Dann steht die weiße Bor-denhal (Tellerhalle) wie ein kleines Kirchenschiff vor dem „Centre Céramique“. Wo früher Arbeiter Teller produzierten und verzierten, spielen heute junge Schauspieler Theater. Modernes und Altes fließen auch hier am Ufer der Maas harmonisch ineinander. Es macht Freude, das anzuschauen.

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