Aachen - O du fröhliche Fastenzeit

O du fröhliche Fastenzeit

Von: Annika Thee
Letzte Aktualisierung:
16230773.jpg
Davon träumen viele in der Fastenzeit. Und nach 40 Tagen Enthaltsamkeit haben sich viele den Pizza-Pommes-Burger auch verdient. Foto: dpa
16230551.jpg
Völlerei ist eine der sieben Todsünden. Zumindest in der Fastenzeit wollen viele Menschen vom Überfluss Abstand nehmen. Foto: dpa

Aachen. Jetzt ist Schluss mit lustig. Die fünfte Jahreszeit wurde von einer Periode der Enthaltsamkeit abgelöst, zumindest für den Teil der Bevölkerung, der nach den jecken Tagen erstmal genug hat von Alkohol und Süßigkeiten. Eine kleine Fasten-Polemik für Kurzentschlossene, die den Trend nicht an sich vorbeigehen lassen wollen.

Karneval ist vorbei, der Nubbel verbrannt, der Hoppediz zu Grabe getragen – die Fastenzeit kann beginnen. Schluss mit den Sünden und der Völlerei. Weg mit Kamelle und Kölsch, her mit den neuesten Gesundheitstrends. Eine Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag der DAK-Gesundheit zeigt: Jeder zweite Deutsche findet Fasten gut. Gerne verzichten wir auf Süßigkeiten, Alkohol, Fleisch oder die Nutzung Sozialer Medien. 40 Tage wird man schon rumkriegen und bestenfalls weiß man am Ende sogar den Konsum mehr zu schätzen. Selbsterkenntnis ist das Zauberwort, Selbstoptimierung das Ziel.

Weit entfernt vom Ursprung

Ursprünglich erinnert die Tradition Christen vor Ostern an die 40 Tage, die Jesus fastend und betend in der Wüste verbracht haben soll. Um es ihm gleichzutun, verzichteten die Gläubigen völlig oder teilweise auf Speisen, Getränke und Genussmittel, besonders tierischer Abstammung. Christen hierzulande beschränken sich inzwischen meist darauf, ein konkretes Nahrungsmittel wegzulassen oder auf eine bestimmte Gewohnheit zu verzichten. Es geht also mehr darum, den inneren Schweinehund mal an die kurze Leine zu nehmen, statt tatsächlich zu fasten.

Religiöse Gründe sind nur noch bei wenigen Menschen ausschlaggebend für den Verzicht auf Fleisch, Alkohol und Süßigkeiten. Vielmehr hat sich das Fasten vom Glauben gelöst und sich zu einem gesellschaftlichen Trend entwickelt. Es wird genutzt, um etwas Abstand von dem sonst so völlig normalen Leben im Überfluss zu bekommen. Wie oft entscheiden wir uns für das Vorteilspaket im Supermarkt, weil fünf Tafeln Schokolade aufs Gramm gerechnet günstiger sind als zwei Tafeln? Also rein damit in den viel zu großen Einkaufswagen!

Zumindest in der Fastenzeit versuchen wir dann, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Nur, um zwei Monate später wieder vor dem Regal zu stehen und zwischen der normalen und der Maxi-Packung wählen zu müssen. Nach dem Fasten hat man sich die große Packung verdient. Und ja, den Burger mit Pommes und Pizza hätte man auch noch gern, man lebt schließlich nur einmal. Carpe Diem!
Das Fasten beschränkt sich inzwischen auch nicht mehr nur auf Lebensmittel. Der Gedanke wird auch auf Gewohnheiten übertragen. Kein Fernsehen, weniger Zeit mit Sozialen Medien verbringen oder weniger Müll produzieren sind beliebte Ziele in der Fastenzeit. Rückbesinnung auf die wichtigen Dinge im Leben. Runter von der Überholspur und auf dem Seitenstreifen den Ausblick genießen.

Andere fasten aus Prinzip nicht, sondern halten es für sinnvoller, das ganze Jahr über ausgewogen zu leben, Ungesundes in Maßen statt Massen zu genießen. Vermutlich ist Ausgewogenheit die beste Art zu leben. Insgeheim hoffen wohl viele, die fasten, dass das mühsame Abgewöhnen von Feierabendbier und Currywurst-Pommes in der Mittagspause weit über die angesetzten 40 Tage hinaus anhält.
Wenn wir ehrlich sind, geht es bei vielen gar nicht ums Fasten an sich, sondern darum, sich selbst etwas zu beweisen, sich herauszufordern oder vielleicht auch darum, sich nach den Neujahrsvorsätzen, die man spätestens an Karneval über Bord geworfen hat, eine zweite Chance zu geben. Und wenn die Fastenzeit dazu einen Anreiz gibt, ist das durchaus positiv.

Uncool wird es dann, wenn das Fasten zur Selbstinszenierung dient und es zur Hauptbeschäftigung wird, anderen Menschen vom eigenen „ach so krassen“ Verzicht zu berichten. Überraschenderweise scheint das trotz heutiger Selfie-Kultur und Influencer-Schwemme kein neues Phänomen zu sein. Schon im Matthäus-Evangelium warnt Jesus in seiner Bergpredigt vor Hochstaplern beim Fasten. „Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler. Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, dass sie fasten“, heißt es. Manchmal lohnt es sich doch, sich auf die ursprüngliche Botschaft zurück zu besinnen.

40-Tage-Challenge

Die Nicht-Faster hoffen, dass die Zeit möglichst schnell und unbemerkt an ihnen vorbeizieht. Noch ist es zu früh für Tipps zur perfekten Bikini-Figur, der Sommer ist schließlich noch weit. Aber es ist jedenfalls nie zu spät, eine 40-Tage-Challenge durchzuziehen. Wie wäre es denn mit ein paar ungewöhnlichen Fasten-Zielen, die garantiert für jede Menge Gesprächsstoff sorgen, eine Herausforderung darstellen und gleichzeitig zur Selbstoptimierung beitragen?

Mach bis Ostern keine Witze mehr über Veganer. Stell dich Menschen entgegen, die über Flüchtlinge hetzen. Lass das Auto in der Garage und nimm das Fahrrad, und statt zu McDonalds fahr damit einkaufen und koch selber was. Hör auf, schlechtes Fernsehen zu gucken, nur um am nächsten Tag in der Büroküche mit über die Kandidaten bei DSDS diskutieren zu können. Lies keine Artikel über das Privatleben von irgendwelchen Promis. Versuch, 40 Tage lang nicht die Wörter „Fake News“ unter Facebook-Posts zu schreiben. Steh für etwas ein, statt dich über etwas lustig zu machen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert